Am Gang werdet ihr den Menschen erkennen

Den Menschen an seinen Taten zu erkennen, gehört ins Reich der Philosophen und Theologen, vielleicht auch der Moralisten und Ethiker. Handfest wird’s in der Biometrie. Dabei identifizieren Gesicht, Fingerabdruck oder auch die Sprache den Menschen.
 
Und China fügt solchen Analyse des Menschen nun die Gangerkennung hinzu. Laut der amerikanischen Agentur AP testet man bereits diese Art der Identifizierung an Personen. An der entsprechenden Technik werde schon seit über einem Jahrzehnt unter anderem in England, Japan und den USA geforscht, doch das chinesische KI-Startup Watrix presche nun mit Praxistests vor.
 
Zwar habe es früher schon Pilotversuche gegeben, doch nur wenige Unternehmen haben versucht, die Gangerkennung zu kommerzialisieren. Jedenfalls sei erst kürzlich die israelische Firma FST Biometrics daran gescheitert. Es handle sich um ein Komplexitätsproblem, weil im Gegensatz zu anderen biometrischen Verfahren viel grössere Datenmengen zu bewältigen seien.
 
Das chinesische Unternehmen scheint die Herausforderung gemeistert zu haben: Die Software funktioniere noch nicht so gut wie die der Gesichtserkennung, liefere aber bereits eine Genauigkeitsrate von 94 Prozent, heisst es bei Watrix. Das sei ausreichend für die kommerzielle Nutzung.
 
Beschrieben wird die Anwendung so: Die Software extrahiert die Silhouette einer Person aus einem Video und analysiert deren Bewegung, um so das Bewegungsmodell einer Person zu erstellen. Noch funktioniere das allerdings nicht in Echtzeit. Man müsse noch zeitaufwendig Videos in dem Programm hochladen, um dann beispielsweise Menschen in Filmen von Überwachungskameras auf den Gang hin zu analysieren.
 
Bei Watrix erklärt man, über das System Personen aus bis zu 50 Metern Entfernung identifizieren zu könne, auch wenn man nur den Rücken sieht oder das Gesicht bedeckt ist. Demnach lässt sich die Ganganalyse auch nicht durch Humpeln oder anderes künstliches Verhalten täuschen, weil alle Merkmale eines Körpers ausgewertet werden. Das Startup habe zuletzt umgerechnet rund 15 Millionen Franken eingesammelt, um die Entwicklung und den Verkauf seiner Gangerkennungstechnologie zu beschleunigen.
 
In dem AP-Bericht wird ein chinesischer Kommentator zitiert, laut dem die Verwendung biometrischer Erkennung für die Aufrechterhaltung der sozialen Stabilität und zum Managen einer Gesellschaft ein unaufhaltsamer Trend und tolles Geschäft sei. Dass die Technologie in China schneller als im Rest der Welt ankomme, sei angesichts der Führung in Peking nicht verwunderlich. Aber diese Form der Überwachung könne auch helfen, Menschen in Not zu erkennen. Also eine weitere Technologie, die das Leben sicherer und komfortabler machen kann. Vielleicht sollte man sich bei diesen Aussichten doch wünschen, Philosoph oder Theologe zu werden. (vri)