"Bei Blockchain wird man nur gewinnen, wenn jeder gewinnt"

Louis de Bruin, Blockchain Leader Europe bei IBM, erklärt, wo Permissioned Blockchains im Markt stehen und warum.
 
IBM will sich als globaler Leader im Enterprise-grade-Blockchain-Business etablieren. Stolz verweist der Konzern auf Kundenprojekte, beispielsweise mit dem spanischen Telco Telefónica. Bei diesem geht es um die Verwaltung internationaler Gesprächsabrechnungen, laut IBM "eine der grössten Herausforderungen für Telefonieanbieter". Ein weiteres Vorzeigeprojekt dreht sich um ein blockchainbasiertes E-Voting für Aktionäre in Polen. Aber wo steht der Konzern und die Technologie wirklich?
 
Louis de Bruin, seit mehr als zwei Jahren Blockchain Leader Europe bei IBM Global Business Services und Buchautor ("Working With Blockchain") ist wie viele andere ein wortgewaltiger Blockchain-Enthusiast und zieht Vergleiche zwischen heute und den Anfängen des Internets. In der Folge werden "Blockchain" und "Distributed-Ledger-Technologie" (DLT) synonym verwendet.
 
inside-it.ch:Wie oft ist das Thema Blockchain bei Ginny Rometti auf dem Tisch?
Louis de Bruin: Das müsste man sie fragen. Aber sie sagt ganz klar, dass Blockchain ein "Moonshot" bei IBM ist. Das Thema steht sehr hoch in ihrer Agenda.
 
Wie manifestiert sich dies?
Grosse Firmen wie Walmart und Maersk, die mit IBM Blockchain-Projekte verfolgen, sind Accounts, die auf der Ebene von Rometty anzusiedeln sind. Zudem thematisiert sie Blockchain und die resultierenden Veränderungen für die Welt und für IBM selbst sehr viel.
 
Wieviele Leute arbeiten bei IBM am Thema?
Die genaue aktuelle Zahl kenne ich nicht, aber es waren vor einem Jahr schon bestimmt mehrere Tausend . Blockchain spielt in allen Bereichen von IBM eine Rolle und jeder Mitarbeiter kommt damit in Berührung.
 
Interessieren muss man sich auch als Kunde dafür, das ist klar. Auch wenn das Thema, wie andere Tech-Konzepte, sterben könnte.
Blockchain wird nicht sterben! Die Gesellschaft wird immer komplexer, immer mehr Parteien arbeiten zusammen, alles wird granularer. Bislang hat man mit "Brute Force", mit schnelleren Computern, grösserer Bandbreite und besserer Organisation versucht, dies in den Griff zu kriegen. Nun macht Blockchain dies einfacher, man kann mit weniger Organisation mehr leisten. Die Technologie basiert zudem eigentlich auf einem Amalgam bisheriger Technologien. Es ist wie beim Internet: Das gemeinsame Protokoll hat alles verändert, so dass aus allen Teilen mehr wurde als die Summe aller Einzelteile.
 
Und es ist keine "Rocket Science", aber man muss umdenken. Man muss mit anderen zusammenarbeiten, auch mit Konkurrenten. Blockchain bringt eine ganze Industrie auf eine höhere Ebene der Effizienz und auf dieser höheren Ebene können dann alle weiterkonkurrieren.
 
Warum ist das Thema bei IBM jetzt so wichtig: Bei Cloud und Mobile war IBM spät dran, sind Sie jetzt nicht zu früh?
Man kann nicht zu früh dabei sein. Ohne Blockchain und nur mit heute bestehenden Technologien kann man das IoT beispielsweise kaum realisieren. Es wird neue Formen von DLT geben und sie werden nicht alle notwendig blockchain-artig sein. Auch hier ist wie es in der Geschichte des Internets. Und weil die Internet-Geschichte auch negative Lektionen lehrt, muss man ebenfalls schnell dabei sein: Hätte man vor 25 Jahren gewusst, dass es jetzt im Internet nur noch eine Suchmaschine gibt? Oder dass es Phänomene wie Cyber-Bullying oder ein Darknet geben würde? Jetzt muss man sehr schnell Proof-of-Concepts machen, aus Fehlern lernen und weitermachen. Man muss heute mitreden und Blockchain seinen eigenen Stempel aufdrücken. Ich weiss auch nicht, wohin dies alles führt, aber es müssen alle mitmachen!
 
Und wie viele IBM-Kunden machen schon mit?
Vor einem halben Jahr sagte ich, IBM hat 400 Blockchain-Projekte. Heute kann ich es nicht mehr sagen, wahrscheinlich haben wir heute mehr als 500 Projekte weltweit. Darunter sind viele kleine Projekte und Proof-of-Concepts. Aber es gibt auch schon operationelle Blockchains. Es geht sehr schnell. Auch die Linux Foundation sagt, noch nie habe sich eine von ihr betreute Technologie schneller entwickelt.
 
Was hat DLT für Herausforderungen und Widerstände? Hat beispielsweise der Hype um Bitcoin und Blockchain dem Image von DLT geschadet oder genützt?
Unter dem Strich hat Bitcoin genützt, würde ich sagen. Ohne Bitcoin würden wir dieses Gespräch nicht führen, ohne Bitcoin hätte es keine Blockchain gegeben. Und Bitcoin diszipliniert uns auch, um bei Enterprise-Blockchains die Fehlentwicklungen zu beseitigen. Dank Bitcoin haben wir gelernt, was nicht geht. Zum Beispiel der Energieaufwand, den Bitcoin benötigt, das kann man der Erde nicht antun. Die Technologie – Hyperledger Fabric – die wir mit der Linux Foundation und Partnern vorantreiben, ist umweltfreundlich, skalierbar und man hat keine Probleme mit Forks wie bei öffentlichen Blockchains. Es gibt schon sovieles, was heute damit machbar ist!
 
In permissioned Blockchains kennt man einander und muss nicht die energieverschwendenden Prozesse durchlaufen und braucht keine Cryptocurrency, um das Vertrauen sicherzustellen. Auch wenn aus kleinen permissioned-Blockchains grössere Netzwerke werden, so sind diese nicht energieverbrauchsbasiert. In diesen Blockchains ist die Energiefrage ebenso wie bei einer Internet-Suche relativ vernachlässigbar.
 
Wie sieht es beim Through-Put-Speed aus? Gibt es dieses Problem?
Das ist ein Bitcoin- und Ethereum-Problem. Das sind Experimente und bei diesen Akteuren gibt es wie in der Kirche Schismas und dies führt dazu, dass man schwieriger weiterkommt. Wir haben mit Hyperledger Fabric das Problem nicht. Auch hier geht es darum, dass man sich im Businessbereich kennt. In der Bitcoin-Blockchain ist alles für jeden offen und man weiss nicht, mit wem man arbeitet. In der Geschäftswelt ist das umgekehrt: Man weiss mit wem man arbeitet, aber will nicht alles mit allen teilen. Mit Hyperledger Fabric kann man Kommunikation verschlüsseln und kann sicherstellen, dass nicht jeder alles sehen kann.
 
Haben Sie also die grundsätzlichen technischen Challenges der Bitcoin-Blockchain gelöst?
Soweit es um Enterprise-grade-Blockchains geht: Ja.
 
Es gibt zig Projekte, zig Technologien, die sich entwickeln und zig Patente. Wie stellen sie sicher, dass sie als IBM auf die richtigen setzen?
Natürlich sind wir noch am Anfang. Aber daran, wieviele und welche Firmen sich bei Hyperledger Fabric anschliessen, sehen wir jetzt, dass es ein richtiges Feuer ist. Es geht sehr schnell. Das hat auch damit zu tun, dass die Organisation bei der Linux Foundation liegt. Sie hat sich mit Linux bewiesen und die Organisation ist transparent, jeder kann mitmachen, von der Grossfirma bis zum 12-jährigen Whizz-Kid aus Bukarest.
 
Macht es genau dies nicht auch schwierig, zu einem Konsens zu kommen weil die Interessen so unterschiedlich sind?
Nein, die Interessen sind nicht so unterschiedlich. Warum hat es beim Internet geklappt? Weil man nicht in Gewinnern und Verlierern gedacht hat, sondern zusammengearbeitet hat. Auch bei Blockchain wird man nur gewinnen, wenn jeder gewinnt. Es darf nicht zu viele konkurrierende Technologien geben.
 
"Blockchain ist kein Ersatz für ein ERP"
Welches sind denn die primären Konfliktpunkte, die man in den nächsten zwölf Monaten lösen will?
Das kann ich Ihnen nicht sagen, denn ich weiss es nicht. Ich bin kein Technologieexperte.
 
Aber wie erhält ein IBM-Kunde in dieser Phase der Blockchain-Geschichte die Investitionssicherheit, dass er nicht Technologie in zwei Jahren wieder fortwerfen muss?
Man darf keine Blockchain alleine machen. Man muss von Anfang an mit Partnern, Kunden und sogar Konkurrenten zusammenarbeiten. Dies ist auch die Herausforderung. Man muss offen dafür sein, was die Blockchain-Partner möchten und offen sein, was die Businessprozesse betrifft.
 
Die Plattform "we.trade" ist ein gutes Beispiel dafür. Hier arbeiten mehrere Banken zusammen, die auch Konkurrenten sind. Aber sie verstehen, dass sie zusammenarbeiten müssen, um selbst eine höhere Ebene zu erreichen.
 
Wie ist es mit Legacy-Systemen beispielsweise bei Banken? Kann man ein relevantes Businessfeld auf Blockchain aufbauen, ohne alle Legacy-Systeme zuerst loszuwerden?
Ja. Blockchain ist kein Ersatz für ein ERP oder ein anderes Legacy-System. DLT ist zwar keine Middleware, aber hat eine Middleware-artige Funktion. Blockchain ist heute noch ein Schattensystem, aber man sieht schon, dass bisherige Legacy-Systeme abgebaut werden. Wie dies genau abläuft, kann man noch nicht sagen.
 
Aber Blockchain ist sicher kein Ersatz für ein ERP. Wir alle, auch Banken, machen heute noch viele unnötige Arbeiten: Zum Beispiel wie man mit Unterschriften umgeht, Prozesse abhandelt, und bei mangelndem Vertrauen alles ein zweites Mal überprüft. Etwa 80 Prozent unserer Arbeiten sind überflüssig und viele dieser Arbeiten fallen mit der Blockchain weg. Wir werden eine enorme Effizienzsteigerung sehen.
 
Haben Sie eine Schätzung, was das volkswirtschaftlich heisst?
Nein.
 
Eine neue Studie des "World Economic Forum" besagt, dass in rund drei Viertel der Banken bis 2022 Blockchain zum Einsatz kommt. Was sagen Sie dazu? Sind auch die Banken nicht einfach begeistert?
Sie dürfen nicht vergessen, dass DLT auch eine Möglichkeit für Menschen ist, gegen schlechte Dienstleistungen zu rebellieren. Wenn Sie anfangs dieses Jahrtausends, einen Song gut fanden, mussten sie die ganze CD kaufen. Aber die Leute sagten, soviel möchten wir nicht bezahlen. Darum gab es Filesharing wie Napster, auch das war eine Art DLT. Eine schlechte zwar, aber es war eine Möglichkeit, ausserhalb der Monopol- und Oligopol-Situation zu agieren. Dasselbe gilt für Blockchain. Wenn ein Unternehmen Kunden nicht sehr gut zuhört und nicht reagiert, so verlieren die Kunden das Vertrauen und erhalten die Möglichkeit, sich anders zu organisieren. Ohne uns. Das gilt auch für Banken. Ich glaube, Blockchain ist so wichtig, weil Banken verstehen, dass sie etwas anders machen müssen. Zudem werden Dienstleistungen entstehen, welche nicht auf Blockchain basieren, aber von Blockchain getrieben werden. Und das ist mindestens so wichtig.
 
Ist IBM vor allem im Gespräch mit Kunden und weniger mit klassischen Partnern?
Wir sind mit jedem im Gespräch. Partner kommen immer öfter zu uns mit Blockchain-Themen und wir bieten zusammen mit Partnern Lösungen an, immer öfter sind auch Konkurrenten unsere Partner! Denn wir haben mehr Kenntnisse von Blockchain, der Partner hat Kenntnisse über den Kunden und seine Systeme, das ist nie ein Problem. Es ist aber eine sehr junge Technologie. Seit vier Jahren denken wir über Permissioned Blockchain nach, nicht über Cryptocurrency-based Blockchains. Hyperledger Fabric ist eigentlich erst zwei Jahre alt. Die Technologie ist jung und alles muss sich entwickeln. (Interview: Marcel Gamma)