WEF warnt vor Krise der digitalen Gesellschaft

Ein neuer Report schlägt sechs Ziele vor, welche Firmen, Politiker und Individuen gemeinsam verfolgen sollen, wenn die Digitalisierung nicht zum Desaster werden soll.
 
Das Weltwirtschaftsforum (WEF) hat in einem neuen Report dringenden Handlungsbedarf für die weitere Entwicklung der digitalen Welt angemahnt. Es gehe darum, eine vertrauensvolle, nachhaltige und für alle zugängliche digitale Welt sicherzustellen, heisst es. Andernfalls drohe eine ernste Krise. Der Erfolg dort "hängt von der Unterstützung aller ab, unabhängig von der Geografie, Einkommen, Alter oder Geschlecht."
 
"Die digitale Welt ist wie unsere natürliche Welt", sagte Derek O'Halloran vom WEF. "Wir alle – Regierungen, Unternehmen und Individuen – haben die Pflicht sicherzustellen, dass sie sauber, sicher und gesund bleibt."
 
Der Bericht formuliert sechs Ziele, die in Zusammenarbeit erreicht werden müssten, um dies zu ermöglichen.
 
Das erste sei Internetzugang für jedermann. Dem Report zufolge hat sich das Wachstum von verfügbaren Internet-Zugängen weltweit deutlich abgeschwächt, von 19 Prozent im Jahr 2007 auf nur noch sechs Prozent Zuwachs 2017. Zugleich sei allerdings erstmals die Marke von 50 Prozent der Weltbevölkerung erreicht, die Zugang zum Netz haben. Um den digitalen Graben zu schliessen, seien aber mehr Investitionen nötig, so die Verfasser des Reports. Dabei gehe es nicht nur um den einfachen, technologischen Zugang, sondern auch um die Verbesserung der Akzeptanz und den Besitz einer digitalen Identität.
 
Einer Milliarde Menschen fehle derzeit eine formale digitale Identität, mit der sie sich in der digitalen Welt ausweisen könnten. Dies sei als zweiter Punkt zu ändern, denn damit seien sie von der wachsenden digitalen Wirtschaft komplett ausgeschlossen. Und deren Wert wird bis 2022 auf rund 60 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts geschätzt. Gute und sichere Identitäts-Lösungen seien zentral dafür, um Gräben zu schliessen und die Rechte der Menschen in der Gesellschaft zu sichern.
 
Gleichzeitig müsse man als dritten Punkt Unternehmen helfen, dass diese neue, "verantwortungsvolle Geschäftsmodelle und -praktiken entwickeln können". Die WEF-Autoren warnen: "Künftig werden neue ethische Normen festgelegt im Umgang mit digitaler Technologie und gleichzeitig wird höheres Kundenvertrauen für den Erfolg der digitalen Transformation entscheidend sein." Es gebe unterschiedliche Gestaltungsoptionen, bessere und schlechtere: "Es baut sich ein Backlash gegen den Technologiesektor auf und erstreckt sich auf alle Bereiche, die digitalisiert werden sollen. Ein Mangel an gemeinsamem Verständnis führt zu schlechten Praktiken, dem Verlust von öffentlichem Vertrauen und eine Reihe von fragmentarischen Regulierungen".
 
Weil Vorurteile entstehen und Proteste wachsen
Dieser Backlash betreffe auch den Umgang von Technologiefirmen mit ihren eigenen Produkten. Erwähnt werden die Mitarbeiterproteste bei Microsoft, Amazon und Google gegen die Kooperation der eigenen Arbeitgeber mit Militärs und Einwanderungsbehörden.
 
Spezielle Aufmerksamkeit verdienen laut den WEF-Autoren Bemühung um Transparenz bei KI-gestützten Entscheidungen sowie IoT-Plattformen und die Plattform-Ökonomie überhaupt. In diesen Bereichen seien die Chancen und Risiken am grössten.
 
Ein viertes Ziel sei die Sicherheit: Cyber-Attacken verursachen demnach der globalen Wirtschaft jährlich einen Schaden in Höhe von bis zu 400 Milliarden Dollar. Mehr als 4,5 Milliarden Datensätze seien allein in der ersten Hälfte des Jahres von Schadsoftware kompromittiert worden, 2017 seien es im ganzen Jahr noch 2,7 Milliarden Daten gewesen. Hier sei Leadership und Kollaboration gefragt, sowohl strategisch wie kulturell. Lobend herausgehoben wird im Report insbesondere der sogenannte "Paris Call for Trust and Security", den viele Schweizer Institutionen und Firmen soeben unterzeichnet haben.
 
Zugleich würden Unternehmen in diesem Jahr voraussichtlich 1,2 Billionen Dollar für die digitale Transformation investieren. Nur 45 Prozent der Weltbevölkerung gehen allerdings davon aus, dass neue Technologien ihr Leben verbessern werden. Das fünfte Ziel sei es, Industriepraktiken, Ethik und Inklusion in Einklang zu bringen. Noch ist es nicht soweit. Zu den zentralen offenen Fragen gehöre: "Was sind die besten Beispiele für funktionierende neue digitale Regeln in der Praxis?"
 
Dabei wachse die Menge an anfallenden Daten exponentiell, während gemeinsame Instrumente zu deren Nutzung fehlen. Es sei nicht geklärt, ob die Daten die neue Währung für Unternehmen werden oder ein gesellschaftliches Gut, das besser geschützt werden müsse. "Die politischen Entscheidungsträger sind aufgefordert, Einzelpersonen zu schützen und gleichzeitig Innovation ermöglichen", so die Forderung und das sechste Ziel.
 
Angesichts all dieser offenen Fragen und Aufrufen zur Zusammenarbeit aller lanciert das WEF neben dem Report (PDF), der als Diskussionsbeitrag gedacht ist, eine Partizipations-Website. Konkretisiert wird nicht, wozu diese Informationen von wem genutzt werden sollen. (mag/sda)