Google-CEO Pichai: Das gilt es aus dem US-Hearing zu lernen

Die 'NZZ' sah in der Befragung von Google-CEO Sundar Pichai im US-Kongress einen Auftritt "im Kugelhagel". Die korrekte Metapher wäre "bellende Hunde beissen nicht". Denn die Fragen der Politiker klangen im Tonfall zwar aggressiv, aber waren mehrheitlich entweder banal, unpräzise oder irrelevant.
 
Steve King, Vertreter des Bundesstaats Iowa, schien nicht zu wissen, dass Google keine iPhones herstellt. Ein anderer bat Pichai zu erklären, warum bei einer Google-Suche nach dem Wort "Idiot" primär Fotos von Donald Trump angezeigt werden. Pichai erwähnte 200 Einflussfaktoren auf die Suchresultate, darunter "Relevanz, Aktualität, Beliebtheit, wie andere Leute das Wort benutzen". Eine Antwort, welche den Politikern jeder Suchmaschinen-Marketeer auch hätte liefern können. Die Suche sei nicht politisch voreingenommen, versicherte Pichai, und man greife auch nicht manuell in die Resultate ein.
 
Er offerierte kein unabhängiges Audit des Codes der Google-Suche und er wurde im dominierenden Block der mehrstündigen Befragung auch nicht darum gebeten. Hingegen hätte ein republikanischer Volksvertreter gerne die Namen der Google-Engineers gehabt, damit man diese auf ihre politischen Privat-Meinungen überprüfen könne.
 
Location-Tracking war ebenfalls ein Thema, zu welchem Pichai nichts Neues aussagen musste, weil die Fragesteller auch dies nicht verlangten.
 
Die Quasi-Monopol-Stellung des Konzerns bei Suche und Videos war kein ernsthaft verfolgtes Thema, ebensowenig wollten die Politiker ernsthaft wissen, warum auf YouTube nachwievor unzählige verleumderische Videos von Verschwörungstheoretikern zu finden sind, die Hass verbreiten. "Wir glauben, dass es noch mehr zu tun gäbe", sagte Pichai wenig präzise. Was denn und wie denn bei einem Mengengerüst von 400 Stunden neuem Videomaterial jede Minute? Und wie funktionieren die Empfehlungsalgorithmen, welche Leute aufstacheln helfen? Diese Fragen stellte keiner, stellte denn auch 'Buzzfeed' erbittert fest.
 
Irgendeine Verantwortung von Google für die globale Verbreitung von "Fake News" oder via Ads von Malware kam ebensowenig zur Sprache.
 
Eines haben wir dennoch gelernt
Was wir gelernt haben: Pichai bestätigte, dass Google über einen Wiedereintritt in den chinesischen Markt diskutiert, dies unter Bezugnahme auf das umstrittene Suchprojekt "Dragonfly". Aber es gebe "aktuell keinen Plan" dafür. Zur Abwechslung präzisen Fragen zur Bedeutung des Projekts, zum Ressourceneinsatz und den Zensurmöglichkeiten wich Pichai aus.
 
Pichai sagte zudem, Google unterstütze ein neues US-Datenschutzgesetz und sprach sich nicht gegen die EU-Verordnung aus. So schlenderte der Google-Chef mit einem lockeren Lächeln aus dem Hearing, als habe er gerade eine vierstündige Achtsamkeits-Yoga-Session hinter sich.
 
Fazit sämtlicher Medien nach den Hearings mit Pichai, Facebook-CEO Mark Zuckerberg, Facebook-COO Sheryl Sandberg und Twitter-CEO Jack Dorsey: Die US-Politiker sind entweder nicht fähig oder nicht willens, sich ernsthaft mit den Chancen und Risiken der Geschäftsmodelle der Online-Konzerne zu befassen. Auch die Versprechungen der Giganten werden nicht hinterfragt. Obwohl es irgendwie irgendwo eine "wachsende Vertrauenskluft zwischen Politik und Silicon Valley" gebe.
 
Ausserhalb des US-Kongresses haben nun übrigens 60 Menschenrechts-Organisationen damit begonnen, sich auf die Google-China-Suche einzuschiessen, meldet 'The Intercept'. Die Fragen der Pazifisten könnten die "Kugelhagel"-Metapher dann wirklich provozieren. (mag)