Das war das Schweizer IT-Jahr 2018

Gespräche zu "Big Bangs" und Cloudstrategien, gelungene und holprige IT-Grossprojekte, ein Spionage-Krimi in mehreren Akten sowie ein Kommen-und-Gehen bei CIOs und CEOs.
 
2018 wird als weiteres turbulentes Jahr in die Geschichtsbücher der Welt eingehen: Zu reden gaben der Handelskonflikt zwischen den USA und China, die zähen Verhandlungen zum Brexit und der Sturzflug der FAANG-Aktien. In der Schweiz registrierten wir die Annahme des Geldspielgesetzes mit den Netzsperren, den Hitzesommer und die zwei neuen Bundesräte. Doch auch in der etwas kleineren IT-Welt der Schweiz passierte einiges. Wir präsentieren einen selektiven Rückblick auf die Geschehnisse dieses Jahres.
 
Versicherungen mit Digitalisierungsdrang, Finanzinstitute nach dem "Big Bang" und Open-Source-Spezialisten vor der gigantischen Übernahme. Wir haben im vergangenen Jahr viele Gespräche mit CIOs sowie CEOs von Techfirmen geführt.
 
Claude Honegger, Group CIO von Credit Suisse, erzählte uns im Februar im Exklusivinterview von Legacy-Systemen und Innovationen. Der weltweit "oberste Informatiker" der Grossbank liess sich dabei etwas in die Karten schauen und nannte Details zur Cloud-Strategie, dem Einsatz von künstlicher Intelligenz sowie den Prioritäten bei der Digitalisierung.
 
Im März sprachen wir mit dem Postfinance-CIO Markus Fuhrer über sein aktuelles Legacy-System-Portfolio und Vendor Lock-in. Über Ostern hatte das Finanzinstitut gerade das neue Kernbankensystem gelauncht. Nach dem "Big Bang" warf Fuhrer auch einen Blick nach vorne auf Kundenprojekte, Innovationen, Open Banking und Outsourcing.
 
Im Juli besuchten wir Axa-CIO Andy Maier, um darüber zu reden, was hinter der Kommunikation des Versicherungskonzerns aus IT-Sicht tatsächlich steckt und wie weit der Versicherungskonzern mit seiner digitalen Transformation ist. Im Exklusivinterview gab er uns Einblick in Axa-Vorhaben und -Projekte rund um Data Warehouse, Startups, Effizienz, Innovation und Agilität.
 
Red-Hat-CEO Jim Whitehurst erklärt uns im Oktober die Firmenstrategie, dreistellige Wachstumsraten und wo er die Blockchain sieht. Wir wussten damals noch nicht, dass keinen Monat später IBM den Open-Source-Spezialisten übernehmen sollte – und Whitehurst sagte es uns auch nicht. Dafür aber sonst einiges. Die Hintergründe der Übernahme haben wir schliesslich selbst recherchiert.
 
2018 machten auch einige Schweizer IT-Grossprojekte von sich Reden.
 
Bereits im Dezember des Vorjahres war bekannt geworden, dass der Migrationstermin im Projekt Rainbow der Raiffeisenbanken wackelt. Ursprünglich wollte man sämtliche der über 250 Raiffeisen-Banken im Jahresübergang von Dialba auf die Avaloq-Plattform wechseln. Aber das wurde immer wieder korrigiert. So wurde schliesslich auch ein neuer Termin an Pfingsten abgeblasen. COO Rolf Olmesdahl hatte sich im März gegenüber inside-it.ch noch verhalten optimistisch geäussert.
 
Tatsächlich migriert worden war eine erste Tranche von 22 Banken in der Silvesternacht. Im Juni fragten wir nach dem Stand des 500-Millionen-Franken-Projekts: Mitte August starte ein zweiter Pilot, hiess es damals. Und es werde auch mehr kosten, schob man von Seiten der Bank nach. Ende August migrierten dann weitere 13 Raiffeisenbanken auf das neue System, im Oktober folgten nochmals 34. Stand der Dinge damals: 101 Genossenschaftsbanken haben ihre Daten bereinigt, ins neue System übertragen und arbeiten nun damit.
 
Die Migration sollte 2018 abgeschlossen werden, wir fragten gegen Ende Dezember nochmals nach: "Mittlerweile laufen 201 Banken vollständig auf ACS", erklärte Mediensprecherin Angela Rupp. Zum Jahreswechsel werde man zudem die Migration der letzten 52 Raiffeisenbanken wie geplant durchführen.
 
Im Januar legte ein unterlegener Anbieter Beschwerde gegen die Vergabe des 100-Millionen-IT-Projekts ASALfutur ein. Das Gericht liess die Projektpartner dann aber im Februar mit seinem Entscheid aufatmen. Der Zeitplan des Nachfolgeprojekts des 2015 abgebrochenen ASALneu musste dennoch angepasst werden, wie im September auskam. Das zuständige Seco sagte auf unsere Nachfrage: "Die Einführung verschiebt
sich voraussichtlich in das Jahr 2021".
 
Im Februar kündigte die Postfinance an mit einem "Big Bang" das Kernbankensystem BaNCS von Tata Consultancy Services einzuführen. 150 Millionen Franken sollte die Ablösung des bisherigen Paranor-Systems kosten, 400 Personen sollten während der "Operation am offenen Herzen" anwesend sein, wie uns CIO Markus Fuhrer erklärte. Über Ostern launchte das Institut dann ihr neues Kernbankensystem – mit einigen Störungen. Doch diese, so scheint es, halten sich angesichts der Projektdimensionen bis heute in überschaubaren Rahmen.
 
Im Oktober erteilte Helvetia Adcubum den Zuschlag für ein weiteres IT-Riesenprojekt: Der Versicherer entschied sich für den Nicht-Leben-Bereich die Standardlösung Syrius einzuführen.
 
Im Monat darauf kündigte der Bund ein wirkliches Riesenprojekt mit bombastischem Namen an: Die Einführung von S/4HANA unter dem Titel "Superb23" könnte bis zu 200 Millionen Franken kosten.
 
Das ganze Jahr 2018 war beherrscht von Gerüchten, Vorwürfen und Verteidigungsreden rund um Spionage und Backdoors.
 
Nachdem der Fall Kaspersky und die Spionage schon im Vorjahr Schlagzeilen gemacht hatte, kündigten die Russen im Februar Transparenzzentren in Europa an. Im März wurde dann bekannt, dass eines davon in die Schweiz kommen soll – und tatsächlich eröffnete es im November in Zürich seine Pforten.
 
Im Januar stimmte das US-Repräsentantenhaus einer Verlängerung der gesetzlichen Befugnis für den NSA zu, damit dieser ohne nennenswerte Einschränkungen die Internetkommunikation von Ausländern ausspähen darf. Im September wurde bekannt, dass die USA, Grossbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland alle Techfirmen zu "freiwilligen" Zugängen zu ihren ICT-Diensten erzwingen wollen.
 
Im April warfen die USA einmal mehr Russland Cyberattacken vor. Tatsächlich gab es zig Meldungen von Angriffen auf die deutsche Regierung, kritische Infrastruktur oder auf amerikanische Behördenstellen. Als Schuldige wurden Russland, China (und ein wenig Nordkorea) ausgemacht, die jeweils heftig dementierten, allerdings auch nicht gerade für Transparenz bekannt sind. Im Dezember kündigte die USA dann an, dass man in den nächsten Tagen gezielt gegen Hacker aus China vorgehen werde, nachdem das Land im September die Cyber-Strategie angepasst hatte. Und so ging der Konflikt zu Redaktionsschluss gegen Ende des Jahres mit harten Anschuldigungen der USA und vehementen Dementi aus China schliesslich in eine heisse Phase.
 
Vorausgegangen war dem auch eine mediale Bombe, die im Oktober hochgegangen war. Chinesische Spione sollen in die Lieferkette eingedrungen sein und kleine Chips von der Grösse einer Bleistiftspitze auf Motherboards installiert haben, meldete 'Bloomberg' im Oktober. Diese sollen auch in Serverfarmen der US-Tech-Industrie von Apple bis Amazon eingesetzt worden sein, sowie von US-Regierungsbehörden und mindestens einer Grossbank. Alle bestritten die Vorwürfe, die Journalisten doppelten nach. Die ohnehin grosse Verunsicherung steigerte sich damit noch. Mittlerweile soll ein unabhängiges Audit, den grossen Skandal als Ente offenbart haben, sagte eine der betroffenen Firmen im Dezember. Die Zeitung, die sich auf nicht weniger als 17 Quellen bezieht, blieb bei ihrer Geschichte. Wir haben die Einschätzung von zwei Schweizer Experten eingeholt.
 
In Zusammenarbeit mit CIA und FBI forderte der Auslandsgeheimdienst NSA bereits im Februar die Verbannung von Huawei aus den USA. Es folgten bekanntlich diverse Akte im Theaterstück "Spionage, nationale Sorgen und Wirtschaftsinteressen". Im Dezember wurde dann bekannt, dass die Kampagne gegen Huawei von den Geheimdiensten abgesprochen war, was natürlich nichts beweist aber auch nichts widerlegt. Die Faktenlage: Beweise für Spionage von Huawei (oder auch Kaspersky) gibt es keine, technische Möglichkeiten, Beteuerungen und Interessen aber massenweise auf beiden Seiten des Pazifiks.
 
CIOs kommen, CEOs gehen
Im Mai ernannte der Kanton Zürich einen neuen CIO: Hansruedi Born leitet das neue Amt für Informatik des Kantons Zürich sei September 2018. Der Kanton gab zudem die Strategie "Digitale Verwaltung 2018 – 2023" bekannt. Über diese sprachen wir mit August Danz, der für die Umsetzung der Strategie verantwortlich ist.
 
Im Juni gab Charlie Matter bekannt per 1. September als CEO und wenig später auch als Delegierter des Verwaltungsrats von Finnova zurückzutreten. Nachfolger wurde Chief Customer Officer Hendrik Lang. Im Exklusiv-Gespräch mit inside-it.ch warfen die beiden einen Blick zurück und einen in die Zukunft.
 
Im September wählte die Post einen neuen CIO. Der Swisscom-Veteran Wolfgang Eger soll den Posten im März 2019 übernehmen. Er wird den Interimsleiter Markus Bacher ablösen. Eigentlich hätte die Stelle schon im April 2018 durch Diane Bitzel besetzt werden sollen. Sie trat ihre Stelle dann aber – eine Überraschung für die Post – aus persönlichen Gründen doch nicht an.
 
Im Dezember verliess schliesslich Bedag-CEO Felix Akeret das Unternehmen Knall auf Fall. Er war erst seit September 2017 als CEO für Bedag tätig. Akeret wurde damals als Idealbesetzung angekündigt. "Der Grund für die Trennung sind unterschiedliche Auffassungen über die Geschäftsführung", so nun die offizielle Begründung. Mittlerweile wurden gleich zwei Interims-CEOs ernannt: Peter Schori, CFO, und Fred Wenger, Leiter Rechenzentrum, übernahmen gemeinsam die Aufgaben der vakant gewordenen Stelle. (Thomas Schwendener)