Hat IBM den "richtigen" Quantencomputer?

Gut genug für den kommerziellen Einsatz, sagt Big Blue. Und sieht erst noch beeindruckend aus.
 
IBM hat an der CES seinen neuen Quantencomputer "Q System One" vorgestellt und stellt ihn dort – zumindest in Form einer Nachbildung – auch aus. Ein Quantencomputer unter all den neuen Laptops, Tablets, Smartphones und Hunderten anderen Gadgets an der CES scheint irgendwie abwegig. Aber man muss zugeben: Optisch schlägt IBM mit seinem neuen Prunkstück, das direkt einem Science Fiction Film entsprungen scheint, wohl alle anderen Aussteller aus dem Feld. Auch grössenmässig, denn das Ding ist fast drei Meter hoch und breit.
 
Integriertes System
IBM nimmt in Anspruch, "Q System One" sei der erste Supraleiter-Quantencomputer, der sich für den kommerziellen Einsatz eigne und auch ausserhalb von Forschungslaboratorien betrieben werden könne. Es handle sich um ein Modell, bei dem alle notwendigen Komponentengruppen voll integriert seien, von der Quantenhardware über die Kühlelemente, die Steuerungselektronik und die "Quantenfirmware" bis zur Peripherie an klassischen Computern. Letztere sollen Usern via die Cloud Zugang zur Quantenrechenleistung des Systems bieten und auch die hybride Verarbeitung von Quantenalgorithmen sowohl auf dem Quantensystem als auch auf klassischen Systemen ermöglichen.
 
IBM sagt, dass man mit "Q System One" vor allem das Problem der Kurzlebigkeit der sogenannten Qubits, die es zur Durchführung von Quantenberechnungen braucht, lösen könne. Beim heutigen Stand der Technik behält ein Qubit den für seine Funktion notwendigen Quantenzustand im Schnitt nur etwa einen Zehntausendstel einer Sekunde lang. Der Grund sind schon minimste Vibrationen in der Maschinerie, Temperaturschwankungen, elektromagnetische Wellen und vieles mehr. Das luftdichte, futuristische anmutende und der Hand eines Designers entsprungen scheinende Gehäuse sei genau dazu da, die Qubits vor solchen Einflüssen so weit wie möglich abzuschirmen. Im Inneren würden zudem unabhängige Aluminium und Stahl-Gestelle dafür sorgen, dass die Komponenten wie Kühlung und Kontrollelektronik gleichzeitig integriert und doch voneinander entkoppelt seien. Dies soll vor allem die Entwicklung von Vibrationen verhindern.
 
Zu einer wichtigen Kennzahl von Quantencomputern, nämlich dazu, wie viele Qubits das Q System One bieten wird, äusserte sich IBM allerdings nicht.
 
Design aus London und Mailand
Inwiefern das äussere Design dazu da ist, die Besucher an der CES zu beeindrucken, und inwiefern doch ein Teil der Form der Funktion folgt, ist schwer zu sagen. Immerhin leuchtet die obige Begründung IBMs als Grund, dass unter anderem ein Londoner Studio für industrielles Design und das Mailänder Unternehmen Goppion an der Entwicklung beteiligt waren, durchaus ein. Goppion ist ein Spezialist für die Herstellung von hochsicheren Schaukästen für Museen, die beispielsweise die Mona Lisa im Louvre und die Kronjuwelen im Londoner Tower schützen.
 
Das Q System One und später weitere Modelle der Serie sollen im Laufe dieses Jahres am IBM Standort Poughkeepsie in Betrieb genommen werden. Zugriff erhalten sollen Unternehmen, vom Startup bis zum Grosskonzern, und Forschungseinrichtungen, die Mitglied in IBMs "Q Network" werden. Berits dabei sind laut IBM beispielsweise ExxonMobil, Fermilab und das CERN.
 
Die Wahl von Poughkeepsie als Standort scheint auch historisch symbolträchtig. Dort wurden in den 50er und 60er Jahren die Computer entwickelt, welche die Glanzzeit von IBM als Beherrscher der Rechenzentren weltweit einläuteten, die IBM 700 Serie und die IBM /360-Systeme. IBM würde mit Q System One sicher gerne an diese Zeiten anknüpfen. Heute ist in Poughkeepsie die Mainframe-Entwicklung angesiedelt. (Hans Jörg Maron)