Exklusiv: Kündigungswelle bei Abraxas?

Musste Abraxas Stellen abbauen? Wurden vor allem Ältere entlassen? Hat dies mit Nearshoring zu tun? Abraxas nimmt Stellung zu Vorwürfen.
 
Auf der Arbeitgeber-Rating-Plattform Kununu häuften sich im November und Dezember plötzlich negative Kommentare zu Abraxas und zum Management. Anonym schreiben Angestellte über eine "Kündigungswelle" und zudem werde Nearshoring gefördert bei einer Firma im Besitz der öffentlichen Hand.
 
Was ist los bei der neuen Abraxas, die die Fusion mit VRSG zur Erfolgsgeschichte machen will? Mitte 2018 hatte es von der Abraxas-Geschäftsleitung Warnungen gegeben: "Im laufenden Jahr werden Investitionen in die Fusion der Firmen zwar entsprechend der Planung noch spürbar sein. Im 2019 streben wir eine Konsolidierung dieser Integrationstätigkeiten an, um danach voll davon profitieren zu können," liess sich CEO Reto Gutmann letzten Juni zitieren.
 
Schon zuvor hatte Verwaltungsratspräsident Eduard Gasser gesagt: "Die besonderen Massnahmen im Zusammenhang mit dem Firmenzusammenschluss werden sich 2018 im operativen Ergebnis der neuen Abraxas nochmals niederschlagen".
 
Andererseits hatte laut einem Kununu-Kommentar "der CEO bei der Fusionsankündigung öffentlich zugesagt, dass der Zusammenschluss keinen Abbau zur Folge haben wird. Schon im ersten Jahr des fusionierten Unternehmens konnte er Versprechen nicht einhalten: Kündigungswelle." "Wir haben rund zwei Dutzend Stellen abgebaut", bestätigt Abraxas-Sprecher Markus Kaufmann auf Anfrage. "Aber ich würde dies nicht als Kündigungswelle bezeichnen. Es ist klar keine Massenentlassung". Die neue Abraxas Informatik AG zählt laut Eigenangaben rund 800 Mitarbeitende.
 
Hat es mit der Fusion tun und der Standortzusammenlegung, wie in Kununu vermerkt? "Nein", so Kaufmann. Es ging ums operative Geschäft: "Wir wurden überrascht davon, dass sich das operative Geschäft von Abraxas Ende 2018 unter den Erwartungen entwickelte. Die Unternehmensleitung musste daher Kurskorrekturen vornehmen," antwortet das Unternehmen auf Kununu den Kritikern.
 
"Wir haben die Risiken unterschätzt"
Wie wurde man im operativen Geschäft denn konkret überrascht? Kaufmann sagt, diverse unerwartete Ereignisse, insbesondere Projektrisiken seien schuld: "Es hat im Projektgeschäft Entwicklungen gegeben, die den Abschluss belasten und einige Aufwände waren höher als kalkuliert". Insbesondere handelte es sich ein ungenanntes Grossvorhaben: "Wir haben die Risiken unterschätzt", sagt Kaufmann.
 
Kein belastendes Thema sei das Lizenzgeschäft, konkreter wird er nicht. Was er sagt: "Die Fusion hat sich als deutlich anspruchsvoller und fordernder erwiesen als erwartet. Kurz vor Ende Jahr nahmen wir deshalb auch organisatorische Anpassungen vor und haben die Geschäftsleitung verkleinert."
 
Ganz konkrete Vorwürfe äussern gleich vier aktuelle oder ehemalige Mitarbeiter: "Mit der letzten Sparmassnahme wurde vor allem älteren und langjährigen Mitarbeiter gekündigt". Kaufmann antwortet: "Es ist bedauerlich, wenn es ältere Mitarbeitende trifft. Aber gemessen am Firmendurchschnitt waren nicht überdurchschnittlich Ältere betroffen. Wir mussten aus wirtschaftlichen Gründen abbauen und Abraxas hat in fast allen Bereichen abgebaut und nicht bestimmte Profile."
 
Ein weiterer Vorwurf: "Bevor etwas passiert muss zuerst ein ganzes Team kündigen und dann wird hektisch versucht die Mitarbeiter noch mit höherem Lohn im Unternehmen zu halten". Dies sei eine Behauptung, so Kaufmann, dazu könne er keine Stellung nehmen.
 
"Allenfalls ein Einzelfall"
Noch ein Vorwurf: "Sogar Frauen, die kurz nach dem Mutterschaftsurlaub zurückgekehrt sind, werden gekündigt". "Dies kann ich so nicht bestätigen", widerspricht der Abraxas-Sprecher. Es habe allenfalls einen Einzelfall einer Frau gegeben, welche in dieser Form betroffen gewesen sei, so Kaufmann. Aus personalrechtlichen Gründen könne er nicht mehr sagen.
 
Nicht zuletzt wird mehrfach Nearshoring bei Abraxas kritisch thematisiert: "Neue Technologien wurden auf den Weg gebracht, nun dürfen sich hier die Nearshoring-Partner austoben", so ein Arbeitnehmer. "Dass wir Nearshoring machen und gewisse Kompetenzen im Ausland an Partner auslagern, ist nicht neu", so Abraxas-Sprecher Kaufmann. "Das Volumen ist noch nicht gross. Es geht ausschliesslich um Software-Entwicklung. Es geht nicht um Datenmanagement und nicht um Datenhaltung."
 
Und bleibt dies so? "Nearshoring ist und wird ein strategisches Thema sein. Abraxas steht unter Preis- und Ressourcendruck – konkret die richtigen Skills in der richtigen Verfügbarkeit zu haben – und wir gehen denselben Weg wie unsere Mitbewerber. Wir sind jedoch klar der Meinung, dass wir die nun bestehende Anzahl der lokalen Spezialisten nicht weiter reduzieren werden und mittelfristig sogar einen leichten Aufbau sehen."
 
Abraxas geht davon aus, dass das Thema Entlassungen jetzt abgeschlossen sei: "Wir haben keine Pläne für einen weiteren Stellenabbau, im Gegenteil sind sehr viele Positionen aktuell offen. Die Entlassungen haben unsere Attraktivität als Arbeitgeber nicht geschwächt. Die Stabilisierung stärkt im Gegenteil unsere Position", zeigt sich Kaufmann überzeugt. (Marcel Gamma)