Schweizer Startups sammeln erstmals über eine Milliarde Franken

Investiertes Kapital pro Sektor in Millionen Franken (links: 2018 / rechts: 2012 bis 2018). Grafik: VC Report
Die Investitionen in ICT-Startups explodierten 2018 geradezu und übertrafen jene in junge Bio- und Medtech-Firmen.
 
Im Jahr 2018 gab es für die hiesigen Startups Grund zum Jubeln. Zumindest begrüsste Stefan Kyora, Chefredaktor von 'Startupticker.ch', die versammelte Szene anlässlich der Präsentation des "Swiss Venture Capital Reports" mit den Worten: "Ich hoffe, Sie sind bereit für gute Nachrichten".
 
Laut Studie wurde 2018 erstmals über eine Milliarde Franken Risiko-Kapital in hiesige Jungunternehmen investiert: Konkret flossen im vergangenen Jahr 1,24 Milliarden Franken an Venture Capital in Startups. Das entspricht einer stattlichen Steigerung um knapp 32 Prozent gegenüber dem Vorjahr – nachdem 2017 im Jahresvergleich bloss drei Prozent mehr investiert worden war.
 
Dies bot offenbar Grund zu mutigen Prognosen. Nicolas Bürer, Managing Director der Standortinitiative Digital Switzerland, erklärte am Anlass in Zürich: "Wir knacken die Grenze von zwei Milliarden Franken bestimmt in den nächsten Jahren."
 
Die gesprochenen Mittel kamen 230 Unternehmen zu Gute, das ist fast ein Drittel mehr als im Vorjahr. In den Finanzierungsrunden erhielt jedes zweite Unternehmen mehr als zwei Millionen und jedes fünfte mehr als zehn Millionen Franken zugesprochen.
 
ICT-Sektor überflügelt Life Science
Am stärksten wuchsen die Investitionen im ICT-Bereich inklusive Fintechs. Im vergangenen Jahr führten 131 Schweizer ICT-Startups eine Finanzierungsrunde durch und sammelten bei in- und ausländischen Geldgebern 685 Millionen Franken ein, das sind 120 Prozent mehr als im Vorjahr.
 
ICT löste damit die Life Sciences – also Bio- und Med-Tech – als grössten Sektor für Risikokapitalinvestitionen ab. Besondere Erwähnung findet im Bericht der Bereich B2B-Software. Investitionen in Biotech-Unternehmen nahmen um 43 Prozent ab, Medizinaltechnik legte hingegen um 42 Prozent zu.
 
Der ICT-Sektor repräsentierte auch zehn der zwanzig grössten Finanzierungsrunden. Dabei gingen die drei Spitzenplätze ebenfalls an den Sektor: Das Zuger Fintech Seba Crypto sammelte 100 Millionen Franken für seine Ambitionen, eine Brücke zwischen Krypto-Assets und der klassischen Finanzwelt zu schaffen. Das in Waadt beheimatete EPFL-Spinoff Nexthink sicherte sich 84,2 Millionen Franken, um seine Lösung für die Virtualisierung und Analyse von IT-Infrastruktur voranzutreiben. Wayray mit Sitz in Zürich konnte 77 Millionen Franken sammeln und entwickelt holographische Unterhaltungs- und Navigationssysteme für Autos.
 
Die zwanzig grössten Runden trugen noch etwas über die Hälfte zum Investitionsvolumen bei, während es vor fünf Jahren satte 82 Prozent waren. Die Studienmacher werten dies als
Investiertes Kapital pro Kanton in Millionen Franken. Grafik: VC Report
eine Reifung des gesamten Ökosystems.
 
Dies zeige sich auch darin, dass die Schweiz für internationale Top-Investoren interessante Projekte biete: Google, Alibaba oder Sony investierten hierzulande in Startups. 2018 stammte denn auch rund 60 Prozent des investierten Kapitals von ausländischen Geldgebern.
 
Die Schweizer Venture Capital-Szene sei weiter gereift, erklärte Maurice Pedergnana, Geschäftsführer der Schweizerischen Vereinigung für Unternehmensfinanzierung (SECA), an der Präsentation der Studie. Als Wehrmutstropfen bleibe aber, dass die Investitionen durch die hiesigen Vorsorgeeinrichtungen weiterhin gering ausfielen. Grosse Pensionskassen investieren gemäss Pedergnana gerade mal 0,03 Prozent ihres Vermögens im Risikokapitalbereich, obwohl dieser in den letzten Jahren im Durchschnitt zweistellige Renditen abgeworfen habe.
 
Zürich überholt Waadt
Bei der geografischen Verteilung gab es einen klaren Schwerpunkt: Im Kanton Zürich wurden im vergangenen Jahr 515 Millionen Franken in 99 Startups investiert. Das entspricht einer Steigerung der Anzahl Unternehmen um 71 Prozent und des Volumens um knapp 89 Prozent. Prominent vertreten ist auch in Zürich der Bereich ICT, wo 64 Unternehmen insgesamt 314 Millionen Franken einsammelten.
 
Damit hängte Zürich den zweitplatzierten Kanton Waadt ab. Der Heimatkanton der EPFL hatte mit rückläufigen Investitionen zu kämpfen: Zehn Prozent weniger als noch 2017, nämlich 267,5 Millionen Franken, wurde hier in Startups angelegt.
 
Sehr gut lief es hingegen in Zug und Basel Stadt: Im Grossraum des Crypto Valleys schossen die Investitionen in Startups 2018 um über 140 Prozent in die Höhe. Sie beliefen sich auf rund 172 Millionen Franken – rund 60 Prozent davon wurden in Fintechs und nochmals fast 30 Prozent in andere ICT-Startups investiert. Im Stadtkanton am Rhein flossen mit 142 Millionen Franken rund 72 Prozent mehr in Startups – wenig erstaunlich wurden über 86 Prozent davon im Life-Science-Bereich ausgegeben.
 
Schweiz macht global eine gute Figur
Im europäischen Vergleich muss sich die Schweizer Startup-Szene in Bezug auf das Volumen der Finanzierungsrunden nicht verstecken. So wurden 2018 in die 20 grössten Finanzierungsrunden in Grossbritannien 2,6 Milliarden US-Dollar investiert, in Deutschland waren es 2,3 Milliarden und Frankreich 1,4 Milliarden. Die Schweiz folgte aber mit 687 Millionen für die 20 grössten Unternehmen bereits auf Platz fünf hinter Israel mit 1,2 Milliarden.
 
Den Swiss Venture Capital Report (PDF) hat 'Startupticker.ch' zusammen mit der Investorenvereinigung Seca bereits zum siebten Mal erstellt. Es werden darin ausschliesslich Investitionen ab 100'000 Franken berücksichtigt. (ts/sda)