Schafft Oracle den Turnaround? (Teil 1)

An der europäischen Openworld erklärten Oracle-Verantwortliche uns den Weg in die Cloud und Gäste ihre Meinung. Teil 1 der Analyse vor Ort.
 
41 Jahre ist Oracle nun im Geschäft und steht von allen Seiten unter Druck: Von Public-Cloud-Vendors, von Open-Source-Datenbanken (und dem 2020 Oracle-Datenbank-freien Amazon) und für sämtliche Oracle-Produkte gibt es Konkurrenzanbieter, die sich zudem in der Cloud und in der Service-Welt heimischer fühlen als der On-prem- und Lizenz-Konzern.
 
Und der Supertanker Oracle ist im Rückstand im Rennen in die Cloud, da scheinen Investoren, Analysten und Journalisten weitgehend einig. Aussagen wie "wann kommt endlich der Turnaround?" prägen die Wahrnehmung von aussen. Kunden- und Partnerseitig heisst es: Kann ich, muss ich, soll ich Oracle los werden?
 
Um sich zu erklären (und weil nicht mehr halb Europa zur "OpenWorld" nach San Francisco jettet), kam Oracle eben nach Europa mit dem ersten europäischen "OpenWorld"-Ableger in London. Zwei Tage lang redete, präsentierte Oracle und lobte sich über alle Massen in 175 Sessions für 10'000 Kunden und Partner, unterstützt von 80 Kundenpräsentationen und 42 Aussteller im offiziellen Teil.
 
CTO und Gründer Larry Ellison und CEO Mark Hurd fehlten (wenn auch Hurd offenbar unfreiwillig: Der Chef des drittgrössten Software-Unternehmens der Welt durfte wegen eines abgelaufenen Passes nicht ausreisen und der Government-Shutdown verunmöglichte die Verlängerung.)
 
Die Kernbotschaft der anwesenden Oracle-Leute drehte sich zwei Tage lang nicht um neue Exadata-Lösungen und nicht um neue Oracle-Java-Lizenzgebühren. Die angekündigte Oracle Database 19c blieb ebenso ein Randthema wie Blockchain.
 
Stattdessen hiess es: "Bleibt uns in der Cloud treu!" Oder präziser: "Ihr müsst uns treu bleiben!" Oder, wie es Steve Daheb, SVP Oracle Cloud, im Interview erklärt: "Man muss unsere Angebote holistisch betrachten, wir haben nun eine sehr komplette Cloud. Fragen Sie sich: Wo endet SaaS und wo beginnt PaaS? Wenn ich von on-Premise in die Cloud gehe, muss ich die einzelnen Teile verbinden können", so der Top-Marketer für Oracle SaaS und PaaS.
 
Oracle-Vertreter zerlegen die Cloud primär in Probleme und Risiken: Cloud, APIs, Startup-Lösungen, Commodity-Hardware, Open-Source-Datenbanken … die neuen Tech-Player mögen schön aussehen. Aber, so suggerieren sie, da lauert ein gefährlicher Dschungel voll mit giftigen Pflanzen und CIO-fressenden as-a-Service-Raubtieren. Es drohen Vendor-Lock-In, Performance-Probleme, Fachkräftemangel, Migrationschaos, unterklassige Commodity-Compute-Plattformen, Patch-Risiken, Security-Risiken, Compliance-Risiken, Governance-Risiken, Kostenrisiken…
 
Ausser der CIO sei vernünftig und wähle Infrastruktur, Plattform und Software aus einer Hand, der schützenden Oracle-Hand. Und, so die zweite Hauptbotschaft, Oracle sei auch bereit für jeden Kundenwunsch: Infrastruktur-as-a-Service (IaaS), Plattform-as-a-Service (PaaS) und SaaS. "Es gibt keinen einzigen Oracle-Kunden, dem wir nicht bieten könnten, was er benötigt. Wir bauen unsere Datencenter aus, wir haben das ERP, HCM, wir haben ein Plattform-Layer mit Datenbank, Analytics und Integration. Salesforce investierte mehr als sechs Milliarden Dollar in Mulesoft, um zu kriegen, was wir schon haben! Und wir haben die darunterliegende Infrastruktur dazu", wirbt Daheb. "Und die Security, die Security, die Security!"
 
Erstes Zwischenfazit: Es scheint Strategie zu sein, was die Analysten von 451 Research schon am 30. Juni 2017 in einem Newsletter feststellten: "Der Ansatz von Oracle für Cloud-basierte Daten-Services besteht im Wesentlichen darin, eine Oracle-Cloud für Oracle-Kunden bereitzustellen". Allerdings sagt Oracle auch, man gewinne viele Neukunden und gerade Startups.
 
Aber betrachten wir doch die Oracle-Teile einzeln. Zwei strategische Initiativen würden über den künftigen Erfolg von Oracle entscheiden, so postulierte Larry Ellison kürzlich: die Cloud-basierte Oracle Autonomous Database und die beiden Cloud-basierten ERP-Suiten Oracle ERP Cloud Suite und die Oracle NetSuite Cloud Suite.
 
"Autonome Datenbank ist keine normale Lock-In-Situation"
In London stand ERP weniger im Rampenlicht als die die wortgewaltig angepriesene autonome Datenbank. Ellison hatte laut 'Forbes' verkündet, dass man Workday in der Cloud ERP-Kunden abluchse und SAP ebenso On-Prem-Kunden. Dies müsse man relativieren, hiess es in London. Vielleicht sei dies in Nordamerika
Andrew Mendelsohn, Vater der autonomen Datenbank, im Gespräch mit uns.
und Asien der Fall, so darauf angesprochene Oracle-Partner, aber nicht in Europa. Und ein gut vernetzter CIO einer grossen Schweizer Firma bestätigt dies: "Wenn ich ein SAP ERP on premise betreibe, wechsle ich kaum auf eine Oracle Cloud. Ein grosses Unternehmen geht vielleicht in die SAP Cloud oder wartet ab. Kleinere Unternehmen werden sich weder SAP noch Oracle antun".
 
Es sind solche Äusserungen von Ellison, die eher den Blick darauf versperren, dass Oracle im Cloud-Krieg grundsätzlich gut aufgestellt sein könnte: Zum einen könnte Oracle in den am stärksten regulierten Branchen richtig punkten, wenn ein grosser Bestandeskunde mit seinen grossen, kritischen Applikationen in die Oracle-Cloud gehen würde. Zudem ist die Migration von Oracle nach irgendwo sonst im Enterprise-Segment tatsächlich komplex. Und drittens könnte sich die sogenannte "Autonomous Database" als guter Köder für den Gang in die Cloud erweisen.
 
Diese sich selbst patchende und upgradende autonome Datenbank (aDB) wird als Durchbruch angepriesen und die Demo-Vorführung – wie man sich mit ein paar Mausklicks ohne grosse Kenntnisse ein Datawarehouse zusammenstellt – ist tatsächlich eindrücklich. Und wem dies gefällt, der muss sich darauf einlassen, dass sie nur auf der Oracle-Computing-Plattform Exadata läuft.
 
Andrew Mendelsohn, Executive Vice President, Oracle Database Server Technologies, und vorgestellt als Vater der aDB, muss sich im Gespräch mit Journalisten denn auch sofort Vendor-Lock-In-Fragen stellen. Das sei ein Sachzwang, erwidert Mendelsohn: "Wir haben Exadata ursprünglich selbst entwickelt, weil konventionelle Storage-Lösungen nicht genügten, um die Workloads unserer Bank- und Telco-Kunden zu handhaben. Exadata ist heute optimiert für alle Workloads und nur Exadata hat die nötige Performance und Verlässlichkeit". Da könnten Konkurrenz-Produkte nicht mithalten und "bei Amazon ist die Performance von Oracle-Datenbanken schrecklich, weil die nur konventionelle Commodity-Produkte haben", teilt der Informatiker kräftig aus.
 
Wurde bei Oracle also nie diskutiert, dass die aDB auch ohne Exadata und bei anderen Vendors laufen könnte? "Nein", so Mendelsohn. Schon aus Performance-Gründen "müssten wir Exadata in die RZs anderer Cloud-Vendors bringen, um beispielsweise autonome Datawarehouses zu ermöglichen. Das wäre eine Partnerschaftsfrage. Aber aktuell haben weder Oracle noch Amazon ein Interesse daran, Exadata in die Amazon-Cloud zu bringen."
 
Im Übrigen sei aDB in der Public Cloud erhältlich und im Laufe von 2019 im "cloud@customer"-Modell. Bei dieser Version managt Oracle alles im RZ des Kunden.
 
So ist das mein Missverständnis, dass aDB eine neue Version des Vendor-Lock-In ist? "Wenn Sie eine Applikation mit Oracle-Datenbank und Oracle-Standard-APIs haben, dann können Sie diese praktisch überall laufen lassen. Die autonome Datenbank ist keine normale Lock-In-Situation wie bei Amazon. Und dort haben Sie zudem proprietäre APIs, die nur in der Amazon-Cloud laufen", argumentiert Mendelsohn.
 
"Menschen widerstrebt Veränderung"
Das sei auch egal, denn Oracle sagt, man habe "Tausende von Trials" der aDB bei Kunden am Laufen. Das scheint aber bei der Kundenbasis von Oracle und einem als Weltneuheit beworbenen Produkt eher enttäuschend. Oder? Mendelsohn: "Wir sind nicht enttäuscht über die Anzahl von Trials, diese ist eigentlich ziemlich gut. Die zentrale Frage ist, wieviele Trials werden umgewandelt in produktive Kunden. Die Kunden sind sehr interessiert, aber noch nicht bereit für Public Clouds. Aber sie sind heute nahe daran, sie erarbeiten Strategien, wie sie vorgehen wollen. Und die Strategien werden oft Top-Down getrieben mit der Aufforderung an die IT 'macht vorwärts, geht in die Public Cloud'".
 
Vorwärts machen ist aber nicht so einfach, gibt Mendelssohn auf Nachfrage zu. Denn man müsse für aDB einen Vier-Jahresvertrag abschliessen. "Sie müssen nichts im Voraus zahlen, sondern monatlich. Aber es ist ein langfristiger Entscheid. Dies ist ein Unterschied zu andern Cloud-Anbietern".
 
Und wie sieht es mit dem möglichen, geheimen Feind der Oracle-Cloud und der aDB im Hintergrund aus? Den Datenbank-Admins (DBA), welche um ihre Jobs fürchten müssen, weil ganz andere Skills gefragt sind? "Es sind nicht nur DBA, sondern die Cloud bedroht die IT", erwidert Mendelsohn. Aber es gebe Chancen für sie, wertvoller für den Arbeitgeber zu werden. "Die Klugen werden die Chancen nutzen. Aber an einem gewissen Punkt widerstrebt Menschen die Veränderung. Wir sind in einem Wandel und der könnte langsamer ablaufen, als wir es erwarten", sagt der Informatiker nüchtern. Konkretere Prognosen macht er keine, "Unser CEO Mark Hurd macht das gerne".
 
Dass der Wandel langsamer abläuft, ist Chance und Risiko zugleich für den Riesentanker Oracle, der nur langsam seinen Kurs – weg von Lizenzen, hin zu Cloud-Services – ändern kann und will.
 
Nichtsdestotrotz wäre ein Vorzeigekunde für die aDB und die Cloud wichtig. Und der Kunde fehlt. "AT&T ist unser grösster Name aktuell, sie wollten nicht in unsere Public Cloud, aber sie nutzen unsere Exadata-Cloud@customer, die wir bei ihnen betreiben. AT&T hat über 10'000 Oracle-Datenbanken, darunter ihre 500 grössten, anspruchsvollsten Datenbanken von on-Prem in die Exdata Cloud@customer migriert", sagt Mendelsohn. Es sei bei Cloud und aDB wie bei der Einführung von Exadata vor zehn Jahren: "Man braucht ein paar Early Adopter, die beweisen, dass es läuft und der Massenmarkt folgt. Da stehen wir heute." (Marcel Gamma, London)
 
Teil 2: Hat Oracle den IaaS-Rückstand aufgeholt? Ein Oracle-VP antwortet. Dabei taucht eine neue Chance für Oracle auf. Und es lauert Larry Ellison
 
Interessenbindung: Der Autor wurde von Oracle nach London eingeladen. Oracle zahlte Flug, Unterkunft und Verpflegung.