"Alle wehren sich gegen den CEO"

Die Tagung "Blockchain in Financial Services" versprach neue Wege zu zeigen. Ein Versuch einer Standortbestimmung war möglich.
 
Beschreitet die Finanzbranche neue Wege mit Blockchain/DLT, wie es das 'Finanz-und-Wirtschaft'-Forum mit dem Titel "Breaking New Grounds" ankündigte? Genau dies wollten die Teilnehmer von Versicherungen, Banken, Tech- und Beratungsanbietern klären.
 
"Neue Wege… jein, aber ganz klar vielleicht", so das grundsätzliche Fazit des Konferenztages, je nachdem wem man zuhörte, ob UBS, Six, Hypothekarbank Lenzburg, oder einem Möchtegern-Weltstar aus dem Crypto Valley. Oder gar einen Gast befragte. Ganz klar wurde, dass heute alle Branchenvertreter zwischen Crypto Currency, Token, Smart Contracts, Enterprise Blockchain und Public Blockchain unterscheiden können, was auf eine gestiegene Zeitinvestition ins Thema hinweist.
 
Ein UBS-Vertreter präsentierte beispielsweise die Plattform we.trade (Handelsfinanzierungs-Geschäft) und die digitale Währung Utility Settlement Coin (USC). An beiden Projekten arbeiten Grossbanken wie UBS seit mehreren Jahren und der UBS-Mann gab sich aktuell differenziert aber vorsichtig optimistisch.
 
Er nannte wie andere Auftretende regulatorische Unklarheiten, offene Fragen rund um Datenintegrität (wie stellt man sicher, dass ein Token ein reales Gut widerspiegelt) und mangelnde technische Interoperabilität als aktuelle Hürden. Hinzu kommen laut dem UBS-Mann auch "mentale Hürden". Er konkretisierte diese aber nicht als "Angst", "Blockaden", "Stress" oder "Motivationsmangel", wie es Zuhörer beim Pausengespräch taten.
 
Blockchain ist ein Digitalisierungstool von vielen
Bodenständig und nüchtern zeigte sich die Chefin der Hypi Lenzburg, Marianne Wildi. Die gelernte Informatikerin sieht Blockchain im Digitalisierungskontext als ein Banking-Instrument unter vielen, ebenso wie Biometrie, Gamification und Fintechs Digitalisierungsinstrumente seien.
 
Lernen könne man bei Blockchain speziell mental: "Es ist normal, Veränderung zu erleben und anzugehen", erläuterte Wildi eine Chance. Aber man probiere in Lenzburg mit einem Forschungspartner auch konkret aus, was speziell mit Smart Contracts geschäftlich Sinn mache. Auf Basis der Corda-Plattform interessiert man sich für Mieterkautionen: "Das Geschäft ist langweilig und mit viel Papier verbunden", sagte Wildi. Ausserdem könne man nichts verlieren und Mieterkautionen könnten ein Case sein, bei dem es sich wirklich lohnt, ihn zu lösen.
 
Am Rande des Anlasses lernte man einiges über das Leben hinter den Kulissen. "Die Banker wollen nicht auf die Schnauze fallen wegen ein paar Startups mit tollen Powerpoints und wenig Know-how", kommentiert ein Gast. Gleichzeitig, so ein anderer, motivieren bei etablierten Unternehmen aktuell oft Drohungen zum Mitmachen an einem DLT-Projekt. In anderen Worten "wenn du nicht mitmachst, wirst du überflüssig werden." Alle sagen unisono, dass es Zeit brauche, bis alle nötigen Stakeholder mitmachen wollen und können und viele Projekte erst in einigen Jahren wirklich zum Fliegen kommen werden.
 
Was ist wahr und inwiefern beruhigen sich die Etablierten selbst? Oder gilt die berühmte Weisheit von Gorbatschov – "wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" – auch hier?
 
"Für Six ist ein Scheitern verboten"
Ganz sicher gilt Six mit seiner Plattform SDX als Vorreiter mit grossen Ambitionen: Der Schweizer Börsen- und Infrastruktur-Konzern will mit einer eigenen, integrierten End-to-End-Plattform für Handel, Abwicklung und Verwahrung von digitalen Vermögenswerten (also auch Tokens) Standards setzen, ein Weltstar werden und neue Einnahmequellen erschliessen. "Für Six ist ein Scheitern mit SDX verboten", bilanzierten die befragten Gäste unisono die Präsentation und den gross angekündigten Plan.
 
Auch SDX basiert technologisch übrigens auf der Corda-Plattform wie viele DLT-Projekte der Branche anderswo. Gerade dabei verdeutlicht sich ein Technologietrend: Die klassischen Finanzindustrieplayer setzen gemeinsam oder gleichzeitig auf wenige Plattformen wie Corda, die von einem breiten Bankenkonsortium vorangetrieben wird. Ein zweiter Anbieter ist IBM. Big Blue liefert die Basis der Plattform we.trade – und könnte eine zentrale Infrastruktur beispielsweise im Versicherungsbusiness liefern.
 
Am liebsten, so scheint es, würden die klassischen Finanz- und Tech-Firmen sowieso unter sich bleiben. Man will in keinster Weise mit Crypto-Startups im Zuger "Crypto Valley" verwechselt werden. "Wer mit Banken DLT-Geschäfte machen will, der darf Worte wie 'Bitcoin' oder 'ICO' niemals aussprechen", erklärte ein Tech-Vertreter. Er setze im Sales-Pitch auf Begriffe wie "Effizienzsteigerung", "Kostensenkung", "Prozessoptimierung" und "Business Case".
 
Aber worin die Rolle der Banken und Versicherungen mit DLT und Tokenisierung genau bestehen wird, darüber gingen die Meinungen der Gäste auseinander. Ganz klar sehen die Startups, welche ebenfalls auftreten konnten, neue Wege: "Tokenization is Software Eating Wall Street", prognostizierte ein Startupper zum x-ten Male, alles gehe rasend schnell, sagte ein anderer erwartungsgemäss.
 
Worin sich Fintechs und die Grossen einig sind
Einig zeigten sich die Startups mit der etablierten Finanzindustrie in zwei Punkten: Erstens gebe es viel Angst rund um DLT und Tokens. "Alle wehren sich gegen den CEO, der erneuern will". Und zweitens sei die Schweiz ein interessanter Standort.
 
Für ein Urteil – beschreitet die Finanzbranche neue Wege? – ist es auch nach all der täglichen Berichterstattung und diesem Forum zu früh. Neben "jein, aber ganz klar vielleicht" könnte die Werbewirksamkeitsformel AIDA bei der Analyse des aktuellen Stands helfen. Die Formel besagt, dass ein Kunde vor dem Kauf eines Produkts vier Phasen nacheinander durchlaufen muss. Diese sind "Attention" (Aufmerksamkeit), gefolgt von "Interest" (Interesse) und "Desire" (Verlangen), bevor die Phase "Action" (Handlung) beginnt. Übertragen auf DLT-Werbeversprechungen heisst dies: Banken und Versicherungen haben die Phasen "A" und "I" absolviert. Nicht mehr, nicht weniger. (Marcel Gamma)