Aargauer Steuersoftware macht Probleme

Die betroffenen Gemeinden zeigen mit dem Finger auf Elca.
 
Seit 2016 arbeitet man im Kanton Aargau daran, die Veranlagung der natürlichen Personen (VERANA) auf eine neue technologische Basis zu stellen und für alle 212 Gemeinden zu vereinheitlichen. Nach dem Kickoff im April 2016 sollte VERANA3 laut dem Verband Aargauer Steuerfachleute zwischen dem dritten Quartal 2018 und Ende Januar 2019 gelauncht werden. Den Projektauftrag erhielt Elca Informatik.
 
Der Launch-Termin konnte fast eingehalten werden, aber verlief suboptimal: "Mit dem Start am 15.02.2019 wurden die ersten Gemeinden Oberentfelden und Lenzburg migriert und auf die Umgebung von VERANA3 scharf geschalten. Mittlerweile sind 75 Gemeinden bzw. rund 400 User migriert und arbeiten mit der neuen Applikation. Nach der ersten Freude über den laufenden Betrieb und das Gewähr, dass die Kernelemente funktionieren, stellten sich erste Schwierigkeiten ein. Mittlerweile haben die betroffenen Gemeinden einen steinigen Weg hinter sich", schreibt der Verband seinen Mitgliedern im März. Sie hätten alles erlebt, "vom Totalausfall über Abstürze in Serie bis hin zum Datenverlust."

Das ging soweit, dass das regionale Steueramt Oberwil-Lieli, das sechs Gemeinden umfasst, nun an die Öffentlichkeit ging. "Leider sind seit dieser Umstellung massive Probleme aufgetreten, welche das Arbeiten resp. Taxieren der eingereichten Steuererklärungen erschweren resp. teilweise verunmöglichen! Die teils arbeitsverhindernden Probleme haben dazu geführt, dass das Team des Regionalen Steueramtes Oberwil-Lieli erst Ende März (!) mit den Kontrollen der eingereichten Steuererklärungen 2018 beginnen konnte," so die Mitteilung des Steueramts.
 
Oberwil-Lieli ist nicht allein, "Eine unhaltbare Situation" bilanziert der Verband der Aargauer Steuerfachleute. "Es ist Hochsaison auf dem Steueramt."
 
"Etliche Fehler behoben"
In der 'Aargauer Zeitung' bestätigt Stefan Eggmann, Präsident des kantonalen Fachverbands der Gemeindesteuerämter, die Probleme, aber er zeigt sich optimistisch. "Vor zwei Wochen waren die Programmausfälle noch gravierend. Inzwischen wurden etliche Fehler behoben" und inzwischen könne man ohne grössere Probleme darauf arbeiten. Dave Siegrist, Leiter des kantonalen Steueramts, sagt der Zeitung, man habe Probleme erwartet, aber nicht in diesem Ausmass. Die Datenmigration sei gut verlaufen und es seien auch keine Daten verloren gegangen.
 
Der Verband Aargauer Steuerfachleute, welcher seit Projektbeginn regelmässig und mit vielen Details über Rückschläge und Fortschritte bei VERANA3 berichtet, ortet die Probleme an unterschiedlichen Stellen. "Teilweise sind es Fehler in der Programmierung, undurchlässige Anbindungen an Umsysteme oder eine vorübergehende oder dauernde Ressourcenüberlastung eines Drittsystems."
 
Seit dem Launch machte das zuständige Team sechs Updates. Mit wie vielen weiteren rechnet Elca? Und wann rechnet Elca damit, dass alle Aargauer Gemeinden normal mit dem System arbeiten können? Unsere Fragen wollte das Unternehmen nicht beantworten, da die Arbeit des Unternehmens vertraulich sei.
 
Zu den entstehenden Kosten sagt der Leiter des kantonalen Steueramts der 'Aargauer Zeitung': "Der Lieferant hat einen grösseren Aufwand, den er aber aufgrund der vertraglichen Vereinbarungen selbst tragen muss."
 
"Das ist ein Herkulesprojekt"
Die Plattform VERANA3 soll die Uraltlösung "VERANA2" ablösen, ist mit Projektkosten von 9,6 Millionen Franken und jährlichen Betriebskosten von 1,2 Millionen Franken budgetiert. Sie wird von den 212 Gemeinden finanziert – eine Premiere.
 
Die vereinheitlichte neue Lösung werde komplett neu programmiert, beinhaltet ebenfalls neu programmierte Schnittstellen zu diversen Umsystemen für AHV, Nachsteuern, Krankenkassenprämienverbilligung oder Stipendien. Zum Projekt gehören 145 VERANA2-Datenbanken und die Datenmigration seit 2001. Die Datenquellen waren offenbar von unterschiedlicher Qualität.
 
Das in jeder Hinsicht komplexe Projekt verlief nicht ganz harmonisch. "Nachdem im März 2017 die Lieferung der ersten Iteration seitens von Elca erfolgt ist, galt es diese zu testen, was positiv verlief. Bei den Iterationen 2 und 3 kam es zu Verzögerungen von rund zwei Monaten, weil diese aus Performancegründen seitens des Kantons zurückgewiesen wurden," bilanzieren der Verband Steuerfachleute Aargauer Gemeinden.
 
Im Jahresbericht 2017/2018 heisst es dann: "Die Spannung nahm zu, als mit zunehmender Dauer des Projektes festgestellt wurde, dass aufgrund einer Interpretation einzelne Iterationen nicht vollständig programmiert worden sind. Die Firma Elca schob quasi eine Welle von Arbeit vor sich hin, welche sie gegen Schluss des Projektes zu erledigen gedachte. Deshalb legte der Ausschuss grossen Wert darauf, dass das kantonale Steueramt die Firma Elca mit unmissverständlichen Vorgaben in die Pflicht nahm."
 
Zwischendurch war die Verunsicherung der Auftraggeber offenbar so gross, dass der Aargauer Anbieter von Individualsoftware Ingtes den Auftrag erhielt, das Projekt "einer kritischen Analyse zu unterziehen." Diese attestierte Elca laut dem Verband in ihrem Bericht, "dass sie die geforderte Qualitätsarbeit geleistet hat".
 
Elca brauchte viele neue Leute
Elca geriet offenbar aber rasch in Ressourcenprobleme. Das Unternehmen musste "zur Bewältigung dieser Herkulesaufgabe nebst hausinternen Projektleitern und Spezialisten eine grössere Gruppe von hoch qualifizierten Informatikern im Ausland engagieren. Zeitweise beschäftigte Elca über 40 Informatiker, um den Zeitplan einzuhalten."
 
Die Personalsuche gestaltete sich schwieriger als angenommen. Dies führte zu einem spürbaren zeitlichen Rückstand, rapportierten die Steuerfachleute.
 
Als wäre das nicht genug – man muss die Projektbeteiligten bedauern – führte ein Brand in der IT-Abteilung von Elca im Ausland dazu, dass die Infrastruktur vollständig vernichtet wurde. In dieser fatalen Situation habe Elca durch ihre Flexibilität überrascht. Innert weniger Tage errichteten sie ein neues IT- Zentrum und die Aufgabe konnte dank externen Sicherungen mit einem nur kleinen zusätzlichen zeitlichen Rückstand weitergeführt werden, heisst es im Newsletter.
 
Legale Probleme orteten die Steuerfachleute obendrein. "Eine legale Interpretation der Aufgabenstellung führte dazu, dass die ersten Iterationen nicht vollständig abgeliefert wurden. Dies bedeutete, dass die von den Fachabteilungen des kantonalen Steueramts und der Gemeinden erstellten Testfälle nicht vollständig abgearbeitet werden konnten."
 
Insgesamt ging es im Projekt um 2700 Testfälle mit vier bis 80 Testschritten. "Erst wenn jede Iteration sämtliche Testfälle fehlerfrei besteht, gilt die Aufgabe für die Firma Elca als erfüllt", so die Steuerfachleute. (mag)