Die EU setzt im Rennen um KI-Leadership (auch) auf Ethik

Mit Geld, Forderungen und Netzwerken will die EU gegenüber den USA und China aufholen.
 
Die Europäische Union hat sich zum Ziel gesetzt, die privaten und öffentlichen Investitionen in künstliche Intelligenz in den nächsten Zehn Jahren auf mindestens 20 Milliarden Euro jährlich zu steigern. Zudem will sie mehr Daten verfügbar machen, Talente fördern und Vertrauen schaffen, wie aus einem Strategiepapier von letztem Jahr hervorgeht.
 
Die "Vertrauensbildung" hat die EU-Kommission nun präzisiert und ethische Richtlinien für den Einsatz von KI veröffentlicht. Zu den Anforderungen an KI-Systeme zählen für die EU der Vorrang des Menschen, Robustheit und Sicherheit, Privatsphäre und Datenqualität, Transparenz, Verbot der Diskriminierung, gesellschaftliches und ökologisches Wohlergehen sowie Rechenschaftspflicht.
 
Nicht umsonst erinnern die Punkte an die 23 KI-Prinzipien, die 2017 von über 2800 Tech-Leadern weltweit unterschrieben worden sind. Ethik und KI ist seit einiger Zeit ein heisses Themen-Paar, die Folgerungen der Experten oftmals dieselben: Transparenz, Kontrolle, Vertrauen… Google machte mit Absichtserklärungen sowie der Gründung und schnellen Auflösung des hauseigenen KI-Ethik-Rates auf sich aufmerksam. Und auch Microsoft hat wiederholt erklärt, wie wichtig ethische Fragen im Bereich von KI sei.
 
Ethik als Wettbewerbsvorteil
Andrus Ansip, Vizepräsident der EU-Kommission, schreibt nun: "Die ethische Dimension der KI ist kein Luxus oder ergänzender Zusatz. Nur mit Vertrauen wird unsere Gesellschaft in vollem Umfang von den Technologien profitieren können." Nur so könne sie zum Wettbewerbsvorteil von Europa werden, so der ehemalige Ministerpräsident von Estland.
 
Dafür sollen nun bis im Herbst mehrere Netze von KI-Forschungszentren und Innovationszentren etabliert werden. Zudem sollen die Mitgliedsstaaten und Interessenträger ein Modell zur gemeinsamen Datennutzung entwickeln. Es ist dies der jüngste Schritt einer ganzen Abfolge der EU, ihre Position in Sachen KI-Konkurrenz zu verbessern.
 
Dies tut offenbar auch Not. Eine aktuelle Studie des Thinktanks Mercator Institute for China Studies (Merics) attestiert Europa grossen Nachholbedarf. Die Forscher rechnen, dass im Reich der Mitte allein im Bereich Künstliche Intelligenz im letzten Jahr 30'000 Patente angemeldet wurden. Das sind zweieinhalb Mal so viele wie in den USA. Zu Europa werden keine Zahlen genannt, der Kontinent ist aber weit abgeschlagen wie aus einer aktuellen Untersuchung der Weltorganisation für Geistiges Eigentum (Wipo) hervorgeht.
 
China hatte letztes Jahr angekündigt bis ins Jahr 2025 Milliarden-Beträge in den Bereich zu investieren, allein die 14 Millionen Einwohner zählende Hafenstadt Tianjin will 16 Milliarden Dollar einschiessen. Dagegen nehmen sich die 20 Milliarden Euro der EU eher bescheiden aus.
 
Datenschutz als Kassenschlager
Unter dem plakativen Titel "Chinas digitaler Aufstieg. Herausforderungen für Europa" orakelt Merics: "Wenn China seinen Weg weiterverfolgt, der auf vollständige Autarkie setzt, statt auf Reziprozität und Zusammenarbeit, dann dürfte dies zur ernsthaften Bedrohung werden. Zumal die EU derzeit über kein europäisches Ökosystem für Innovation verfügt und gegenüber China nicht mit einer Stimme auftritt." Wenn Europa in den digitalen Schlüsseltechnologien nicht aufhole, drohe es zwischen China und den USA zerrieben zu werden, so die Folgerung.
 
Die neuen Netzwerke, Kampagnen und Investitionen seitens der EU sollen dem entgegenwirken. Ob sie ausreichen, wird sich zeigen müssen. Auch Schweizer Forscher haben sich an Projekten für europäisches KI-Entwicklung angeschlossen. So befinden sich einige von ihnen unter den Schlüsselfiguren des KI-Netzwerks Claire.
 
Die Co-Autorin der Merics-Studie, Kristin Shi-Kupfer, gab derweil in einem Interview mit der 'Süddeutschen' zu Protokoll, dass Europa mit den strengen Datenschutzrichtlinien selbstbewusster auftreten solle. "Selbst in China fordern immer mehr Bürger einen besseren Schutz ihrer Daten. Das ist eine Chance, europäische Standards durchzusetzen", so die Sinologin. (Thomas Schwendener)