Wie soll Zürich zur "digitalen Stadt" werden?

OIZ-Chef Andreas Németh
OIZ-Chef Andreas Németh erläutert im Gespräch mit inside-it.ch den Strategieschwerpunkt "Digitale Stadt" und wie dieser in der grössten Stadt der Schweiz umgesetzt werden soll.
 
"Eine intensive Auseinandersetzung der gesamten Stadtverwaltung mit der digitalen Transformation" kündigt die Zürcher Regierung an. Hinter dem Titel "Digitale Stadt" verbirgt sich ein Strategieschwerpunkt. Ein Stadtratsbeschluss zeigt, wie Zürich in sechs Gebieten vorwärtsmachen will. Dabei geht es zum einen um die digitalen Services für Einwohner – Eltern, Arbeitgeber oder Steuerzahler. Andererseits ist die verwaltungsinterne Digitalisierung ein grosses Thema, sei dies im HR oder im Sozialdepartement.
 
Andreas Németh, Chef der zentralen Organisation und Informatik der Stadt Zürich OIZ, ist letztlich verantwortlich für Koordination und Umsetzung zentraler Projekte. Er erklärt und präzisiert im Gespräch mit inside-it.ch das Stadtratspapier.
 
Ein Teilprojekt in OIZ-Hand ist "Mein Konto", der zentrale Zugang zu den digitalen Services der Stadt Zürich. Dieses gibt es schon, aber es fasste ursprünglich rund ein Dutzend vorher verstreute Online-Services unter einem Login zusammen. Seit März sind einige neue Services hinzugekommen, zum Beispiel die Administration der Hortbesuche bei Schulkindern oder der Service E-Vermietung. Allerdings nichts weltbewegendes und nichts, was eine starke Authentisierung erfordern würde (was mangels E-ID auch schwer umsetzbar wäre, aber dazu später).
 
Komplex wird es, wenn verschiedene Dienststellen involviert sind
Németh sagt, Treiber der Digitalisierungsvorhaben seien die Bedürfnisse der Dienstabteilungen, wobei man sich in erster Linie auf Services mit einem . hohen Transaktionsvolumen konzentriere (viele Kontakte oder Datenflüsse mit Einwohnern beziehungsweise verwaltungsintern). Zudem setze man die durchgängige, medienbruchfreie Digitalisierung der Prozesse und weitestgehende Standardisierung derselben um.
 
Ein gutes Beispiel ist laut Németh das Schulamt: Seit man sich online für Sportferienkurse anmelden könne, finde dies zu 99 Prozent auch online statt. Und "die Anmeldung geht direkt und medienbruchfrei in unser Backend-System," sagt Németh. Nachgelagert folgt die digitale Rechnungsstellung. Ein Pilotprojekt mit dem Schulamt startet in Kürze, Musikschule, Konservatorium und das Bevölkerungsamt sollen folgen.
 
Komplexer als Kursanmeldungen oder "E-Umzug" wird es bei digitalen Behördenkontakten mit Firmen. Nach welchen Kriterien werden diese Services priorisiert? "Auch hier muss es ein Geschäft mit hohem Transaktionsvolumen sein und entsprechenden Nutzen generieren", so Németh.
 
Aktuell werde für Gastrounternehmen umgesetzt, dass einzelne Aufhebungen von Schliessungsstunden online über "Mein Konto" beantragt werden können, sagt Németh. In diesem Fall ist nur eine Dienstabteilung im Spiel. Stehen auch komplexere Use Cases mit mehreren involvierten Amtsstellen auf der OIZ-Liste? Beispielsweise Patente für eine Gastwirtschaft?
 
"Wenn nur eine Dienstabteilung und ein Service involviert sind, dann ist die durchgängige Digitalisierung einfacher," bestätigt Németh. "Bei mehreren Ansprechpartnern muss man die Prozesse übergreifend durchdenken. Es stellen sich Fragen wie 'braucht es alle bislang involvierten Stellen im neuen Prozess noch?' Oder kann eine Dienststelle künftig erledigen, was aktuell von einer anderen erledigt wird? Diese Fälle sind anspruchsvoller und die Digitalisierung dauert länger", so der Zürcher Informatikchef.
 
HR: "Bis zu einem gewissen Grad gezwungen, Cloud-Services zu nutzen."
Ein zweites Projekt, das die Komplexität der viel beschworenen "digitalen Transformation" zeigt, ist der sogenannte digitale Posteingang. Die Stadt will ab Ende 2020 alles was bei der Stadt irgendwo ankommt – ob Papierpost, E-Mail oder ein von einem Online-Formular ausgelöstes E-Mail – intern medienbruchfrei weiterverarbeiten.
 
"Digitaler Posteingang" kann relativ eng oder weitgehend betrachtet werden, vom Scannen bis hin zum Records Management beziehungsweise Gever-Lösungen. Records Management- und Gever-Lösungen seien nicht Teil des Projekts, präzisiert Németh. "Diese Systeme werden künftig wo sinnvoll eingebunden, aber ich will das Projekt nicht überbefrachten. Die Stadt Zürich ist mit über 60 komplett verschiedenen Abteilungen sehr heterogen und wir wollen schnell vorankommen und Wirkung erzielen."
 
Im Rahmen von "Digitale Stadt", so kündigt die Strategie weiter an, werde "erstmals ein grösseres Cloud-Projekt von stadtweiter Bedeutung" umgesetzt. Es geht dabei um die städtische HR-IT-Suite. Ziel ist es, den E-Recruiting-Rollout Anfang 2021 abzuschliessen. Warum HR?
 
"Wir haben im HR bislang HCM von SAP on premise im Einsatz und haben im Rahmen der Digitalisierung HR-Lösungen für Prozesse, welche wir noch nicht digital unterstützen, evaluiert. Die HCM-Lösung bleibt bestehen, wir ergänzen jedoch mit neuen Services aus der Cloud, beispielsweise E-Recruiting. Bei der Evaluation zeigte sich, dass es viele Angebote on premise gar nicht mehr gibt. Wir sind also bis zu einem gewissen Grad gezwungen, Cloud-Services zu nutzen. Nach umfangreichen Abklärungen insbesondere in den Bereichen Datensicherheit und Datenschutz kamen wir zum Schluss, dass es keinen unüberwindbaren Hinderungsgrund dafür gibt, in die Cloud zu gehen."
 
"Daten sind nicht der heilige Gral"
Richtige Reizworte und -Themen darf man in einem weiteren Teilprojekt namens "Daten-Analyse und Algorithmen" vermuten. Denn hier sollen das Steueramt, das Amt für Zusatzleistungen und das Sozialdepartement als Pioniere fungieren. Geht es um automatisierte Bewilligung von AHV-Ergänzungsleistungen? Datensammlungen über Sozialhilfeempfänger? Der Strategieschwerpunkt sei eben erst gestartet und deshalb sei dieses Vorhaben noch am Anfang, sagt Németh. "Wir wollen und dürfen nicht irgendwelche Datenbestände miteinander verknüpfen oder individuelle Profile erstellen. Der Datenschutz ist uns ein wichtiges Anliegen. Wir wollen herausfinden, wie wir die Arbeiten der Dienstabteilungen mit den neuen technischen Instrumenten besser unterstützen können."
 
Beispielsweise geht es um die automatische Analyse von Belegen. Aber, so Németh, "Daten sind nicht der heilige Gral". Zürich wolle erst einmal sehen, welche Daten überhaupt in Frage kommen und herausfinden, in welchen Use Cases man tatsächlich Nutzen daraus ziehen könne. "Es wird lohnenswerte Gebiete geben, aber in anderen Gebieten ist man heute wohl zu euphorisch", sagt er.
 
Gar kein Thema (und damit interessant) ist im Stadtratsbeschluss die zugrundeliegende IT-Architektur der Stadt insgesamt. Die IT-Architektur und die Lösungen seien bei der heterogenen Stadtverwaltung und den mehreren Tausend Fachanwendungen unterschiedlich reif für eine weitergehende Digitalisierung, erklärt Németh. "Wir haben eine serviceorientierte Architektur und ein Framework mit vorgegebenen Schnittstellen zu Fachanwendungen. Aber nicht jede ist für eine API bereit. Wir müssen jede Fachanwendung mit jeder Dienstabteilung einzeln analysieren vor einer allfälligen Anbindung."
 
Ein zentraler Faktor bei der Digitalisierung jeder Gemeinde und ein aktueller Hemmschuh ist die fehlende E-ID. Zürich als grösste Stadt dürfte nun eine entscheidende Rolle dafür zukommen, welche Lösung sich schweizweit durchsetzt und wann. Denn am Wohnort beziehungsweise Firmensitz finden die meisten Behördenkontakte statt und bloss für's E-Banking und fürs Handy-Abo braucht kein Mensch eine E-ID. Da reichen aus Sicht der Bevölkerung bisherige E-IDs wie die Kreditkarte oder E-Bill völlig.
 
E-ID: "Wir hätten gerne eine Flatrate"
Németh nennt drei Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, bevor die Stadt Zürich in die Einführung irgendeiner neuen E-ID Zeit und Geld investiert. Die erste Voraussetzung betrifft die Transaktionsdaten, also die Daten, welche entstehen, wenn irgendwer die E-ID nutzt. Wie wird dies genau juristisch und technologisch geregelt? Wer hat welche Transaktionsdaten, wer nicht? Diese Fragen müssen geklärt sein, so Németh.
 
Die zweite Vorbedingung ist eigentlich die berüchtigte "Huhn-Ei-Frage". Ohne eine grosse Verbreitung einer E-ID habe diese weder für die Zürcher Einwohner noch für die Stadt einen grossen Nutzen, erklärt Németh.
 
Die dritte, zu klärende Bedingung ist das Pricing. "Eine E-ID kostet und der Preis muss für die Stadt Zürich attraktiv sein." Etwas konkreter: Was stellt sich Zürich preislich vor? "Es geht nicht um die Implementierungskosten, sondern um die wiederkehrenden Kosten", präzisiert der IT-Chef. "Wir hätten gerne eine Flatrate".
 
Aber will die Stadt überhaupt auf die privaten Provider bei der E-ID setzen? Oder eine Alternative wie beispielsweise die digitale ID der Zuger oder diejenige von Schaffhausen? "Das sind keine Alternativen", antwortet Németh klar. "Wir sind überzeugt, dass wir mit einer weit verbreiteten E-ID einen nachhaltigen Nutzen für die Bevölkerung bieten können. Wir wollen keine Insellösungen implementieren. Wenn alle Fragen geklärt sind, so sind wir sehr an einer raschen Implementierung einer E-ID interessiert."
 
Das Digitalisierungsstrategiepapier der Stadt Zürich nennt Massnahmen und grobe Meilensteine bis 2021. Bis dahin dürfte sich in Zürich einiges verändern. Parallel dazu soll sich auch bei den 28'000 Angestellten der Stadt einiges verändern, in den Köpfen und im Alltag. Damit dies gelingt, musste der Stadtrat ein eigenes Projekt lancieren. Der Stadtrat wolle "die Digitalisierungskompetenz und das IT-Anwendungswissen der städtischen Mitarbeitenden im Sinne eines Aufholprozesses in der Stadt Zürich aus- und aufbauen", heisst es. Bis Mitte 2019 soll hierfür als erster Meilenstein ein Konzept vorliegen.
 
Insgesamt zeigt sich Németh optimistisch, dass die Projekte und Massnahmen erfolgreich umgesetzt werden: "Wir haben politischen Rückenwind durch das Committment des Stadtrats. Das hilft uns in der Umsetzung." (Marcel Gamma)