Der Druck zum Wechsel auf SAP S/4Hana verunsichert

Wie ist ihre Planung zu dem von SAP angekündigten End-of-Life für R/3 im 2025? (mehrere Antworten möglich) (Quelle: IG SAP, 2019)
Nach zwei Jahren hat die IG SAP ihre Mitglieder abermals nach den derzeit anstehenden Problemen gefragt. Es herrscht Unsicherheit.
 
"Einerseits laufen R/3-ECC6 Umgebungen gut integriert und über Jahre optimiert, anderseits zwingt SAP zum Wechsel nach S/4Hana", obwohl noch vieles unklar ist. So das Fazit der diesjährigen Mitgliederbefragung der herstellerunabhängigen IG SAP Schweiz.
 
Konkret genannt werden im Resümee das Fehlen von Migrationspfaden, fehlender Business Case und Mehrkosten sowie die unklare SAP Produkte-Strategie, das Preis- Leistungsverhältnis der Wartungsmodelle und insbesondere die ungenügende Service-Qualität. Ausserdem wird die Komplexität der Lizenzierung bemängelt, die Preis- und Konditionenliste (PKL) sei unverständlich respektive intransparent und es fehle Klarheit in Sachen Cloud-Integration wie bei den OnPremises-Produkten. Schliesslich wird noch angemerkt, dass bei SAP Kommunikation und Marketing sehr einseitig sind.
 
Die IG SAP mit ihren derzeit 100 Mitgliedern versteht sich als Ergänzung zur deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe DSAG. Bekannt ist die IG dafür, sich öfter deutlich kritischer gegenüber dem ERP-Giganten SAP zu äussern, als die "offizielle" Kundenvertretung DSAG. Nicht selten gewinnt die IG ihre jährlich fünf bis acht neuen Mitglieder gegen den Willen von SAP. Denn oft ist zu hören, dass die SAP-Geschäftsleitung einzig die DSAG als Benutzervertretung empfehle.
 
Diese Ausgangslage dürfte ein Grund dafür sein, dass die Zahlen der IG mit so grossem Interesse aufgenommen werden. – Übrigens nicht zuletzt dann, wenn sie mit denen der DSAG übereinstimmen.
 
Die IG wurde 2008 unter dem Namen IG SAP Wartung von den 21 Teilnehmern eines CIO Circle gegründet. Der Name war Programm: Damals ging es vor allem um die Wartungskosten.
 
Diesmal steht die Kritik der IG aber nicht quer in der Landschaft. Denn auch der diesjährige "DSAG-Investitionsreport 2019" hatte bei SAP schon diverse Verbesserungen angemahnt, die in zentralen Punkten denen der IG entsprechen.
 
Breite allgemeine Zufriedenheit
Diesmal haben sich 61 Firmenvertreter und drei VAR-Supporter an der Umfrage beteiligt, also rund 72 Prozent der SAP Kunden in der IG. Von ihnen nutzen fast alle (90 Prozent) ERP-Versionen rund um das aktuelle R/3-ECC6. Auffällig ist die von 70 Prozent der Befragten geäusserte allgemeine Zufriedenheit mit dem SAP-Einsatz. Nur bei einem Viertel der Umfrageteilnehmer besteht Optimierungsbedarf.
 
Nicht anders sieht es mit der Betreuung aus, die 52 Prozent von SAP Schweiz beziehen und 48 Prozent von SAP-VAR-Partnern. Hier beurteilen 62 Prozent die jeweilige Zusammenarbeit als positiv und konstruktiv. Das seien sieben Prozent mehr als in der Umfrage von 2017, schreibt die IG. Verbesserungspotenzial besteht einzig in der Dienstleistungsqualität, die sich seit 2017 um sechs Prozent verschlechtert hat.
 
Boom bei der Suche nach Alternativen
Dass trotz dieser hohen Zufriedenheit dennoch Verunsicherung herrscht, liest die IG unter anderem an den Zahlen derjenigen ab, die sich derzeit nach Alternativen umschauen. Denn während die eine Hälfte mit der aktuellen Situation zufrieden ist, sieht sich die andere Hälfte nach Ersatzlösungen um.
 
Auch wenn man berücksichtigt, dass bei dieser Situationseinschätzung Mehrfachnennungen möglich waren, fällt die sich verstärkende Anzahl der Wechselwilligen auf. Immerhin sind das 20 Prozent mehr als in der Umfrage vor zwei Jahren, wie die IG betont.
 
Von ihnen hadern zehn Prozent mit ihren VARs und überlegen einen Partnerwechsel. Bei zehn Prozent hingegen sorgt der Druck von SAP zum Wechsel auf S/4Hana für Unmut. Nicht zuletzt scheuen sie den grossen Umstellungsaufwand bei einem ERP-Wechsel.
 
Alarmierend sind auch die schwachen Zufriedenheitswerte bei den Lizenz- und Wartungsverträgen. Nur 16 Prozent ist mit den aktuellen Konditionen zufrieden und mit 84 Prozent gibt die grosse Mehrheit an, sie seien "gerade noch OK". Zudem sind für rund 95 Prozent die PKL der SAP nicht lesbar, unverständlich oder nicht kundenorientiert. – Gerade noch fünf Prozent kommen mit den PKL zu recht.
 
Und trotz aller Anstrengungen, die SAP auf den Umstieg auf S/4Hana unternimmt, sind gerade fünf der befragten Firmen migriert. Das sind laut Studie gerade zwei mehr als 2017. Immerhin 43 Prozent planen die Migration zum End-of-Life für R/3 bis 2025. Weitere 29 stecken noch in der Planung und 22 Prozent wollen die Version ECC6 über 2025 hinaus betreiben. Klar sei auch der Wunsch, dass SAP den End-of-Life für R/3 ohne Mehrkosten um fünf Jahre bis 2030 verlängert.
 
Viele Änderungswünsche an SAP
Das tendenziell unzufriedene Lagebild resultiert laut der Umfrage aber nicht nur aus firmenspezifischen Sorgen: "Vor allem die Unsicherheit bezüglich der weiteren Ausrichtung von SAP und der fehlenden Klarheit für die Migration nach S/4Hana bereite Bauchschmerzen". Laut der IG sollte dieser Befund beim ERP-Riesen zumindest Anlass zum Nachdenken über seine Strategie sein.
 
Denn konkret Sorgen mache den Unternehmen der Druck zur Migration etwa auf S/4Hana oder C/4Hana, während bei ihnen andere Projekte Priorität haben. Es sei dieser "Priorisierungskonflikt", Projekte mit rechenbarem Business Case den Vorzug vor der Migration auf S/4Hana zu geben. Das erkläre zum Teil die Suche nach anderen ERP-Systemen oder alternativen Cloud-Lösungen.
 
Weiter würden vor allem die Bestandskunden wegen der Unklarheiten und offenen Fragen in der SAP-Strategie verunsichert. Die frühere Verlässlichkeit bröckelt, weil viele Fragen speziell im Integrations- und Funktionsbereich offen sind. SAP müsse beantworten, wohin der Weg führt und was die vielen Zukäufe und personellen Veränderungen im Konzern bedeuten.
 
Zudem hat die IG SAP in ihrer Studie herausgefunden, dass "die stetige Kostensteigerung des SAP Einsatzes" verunsichert. Dauerbrenner wie die indirekte Nutzung und zu wenig Flexibilität bei geschäftlichen Veränderungen bleiben Hauptsorgen der SAP Kunden. Dazu wird die Produktwartung für die ERP-Version ECC 6 laufend abgebaut und Produkte, die im ECC 6 lizenziert waren müssen für S/4Hana wieder neu lizenziert werden oder die gleiche Funktionalität ist noch nicht verfügbar: SAP will nur noch verkaufen, es fehlt eine konstruktive Lösungsberatung", zeige die Auswertung der diesjährigen Zahlen.
 
Schliesslich wird auch noch das Personalproblem angesprochen. Die meisten Firmen haben offene Stellen, ihnen fehlt SAP-Kompetenz. Aber nicht nur die Stellenbesetzung sei schwierig, selbst in der Beratungsbranche sei viel unqualifiziertes Personal unterwegs. (vri)