Blockchain als Wunschkonzert

Avenir Suisse sieht riesiges Potential in der DLT-Technologie. Gartner stört die Harmonie ein bisschen.
 
Die marktliberale Denkfabrik Avenir Suisse hat sich dem Thema Blockchain angenommen. In der Studie "Blockchain nach dem Hype" sieht der Think Tank viel Potential und so heisst es im Untertitel: "Eine Chance für den Schweizer Finanzplatz". Chancen sind nach Avenir Suisse auch dringend nötig. Der Finanzsektor befinde sich doch wegen eines "immer enger geschnürten Regelkorsetts", den Folgekosten der Finanzkrise und der beschleunigten Digitalisierung in einer tiefgreifenden Transformation, wird in der Studie festgehalten.
 
In verschiedenen Bereichen des Finanzsektors, des "historisch gewachsenen Zugpferds der Schweizer Wirtschaft", vermuten die Forscher grosses Blockchain-Potential: Bessere Regulierung, Prozessoptimierung, Anlocken von Kapital, neue Geschäftsmodelle… Mitten in das kleine Wunschkonzert von Avenir Suisse platzen allerdings die Marktforscher von Gartner: Sie wollen nämlich herausgefunden haben, dass Unternehmen die Praktikabilität der Distributed-Ledger-Technologie (DLT) grundsätzlich überdenken müssten. Rund 90 Prozent der bestehenden Blockchain-Implementierungen müssten in etwa 18 Monaten überarbeitet werden, prognostizieren die Auguren.
 
Gartner-Analyst Adrian Lee stellt in 'ZDnet' die für manche Ohren ketzerische Frage, welchen zusätzlichen Nutzen Blockchain gegenüber bestehenden Technologien generieren würde. Es sei zumindest "verwirrend", ob und wie die DLT-Plattformen der immer grösseren Zahl an Anbietern bessere Lösungen böten, so Lee.
 
Avenir Suisse: DLT nutzt (fast) allen was
Anders und offenbar auch klarer sieht dies Avenir Suisse: Wenn sich die Schweiz als Vorreiterin im Handel mit tokenisierten Wertschriften positioniere, könne sie den relativ kleinen Kapitalmarkt vergrössern, schreiben die Forscher. Da dank der Implementierung der DLT auch Geschäftsprozesse optimiert und vergünstigt werden könnten, glaubt Avenir Suisse hier gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Viel Potential dafür hat man in der Finanzierung des Aussenhandels erspäht, da dort viele Akteure über viele Schritte involviert sind.
 
Schliesslich sieht Avenir Suisse neue Geschäftsmodelle und Kundensegmente im Geschäft der Vermögensverwaltung, etwa bei der Verwahrung der Private Keys. Hier müsste frühzeitig mit dem Aufbau von Expertisen begonnen werden, um ein neues internationales Kundensegment für sich zu gewinnen, raten die Studienautoren.
 
Auch die Regulierung des Finanzmarktes könne dank DLT effektiver und effizienter organisiert werden. Insbesondere beim Identitätsmanagement und dem Reporting könnten DLT-basierte Regtech-Lösungen Verbesserungen und Einsparungen bringen.
 
Gartner: Scheitern von Funktionalitäten, künftige Konsolidierung
Gartner-Analyst Lee ermahnt die Zuständigen derweil bei der Implementierung von DLT-Lösungen. Sie sollten sich auf eine schnelle Entwicklung, eine sich verändernde Wettbewerbslandschaft, zukünftige Konsolidierung von Angeboten und das Scheitern von Technologien und Funktionalitäten in der frühen Phase vorbereiten.
 
In der Schweiz arbeitet man bekanntlich intensiv auf dem Feld. Es würde bereits gute Aufbauarbeit geleistet, bilanziert Avenir Suisse dann auch die bisherigen Bestrebungen. Damit das "historisch gewachsene" Finanz-Zugpferd aber nicht zur Schindmähre herunterkommt, gibt es noch einiges zu tun. Nun ginge es darum sich vom "Krypto-Valley" zur "DLT-Nation" zu mausern, fordert der Think Tank.
 
Avenir Suisse: "schlank" regulieren und die SNB involvieren
Natürlich wäre Avenir Suisse nicht Avenir Suisse, wenn der Think Tank dafür nicht ein paar bekannte Rezepte zur Hand hätte. Möglichst "schlanke" Regulierung bei gleichzeitiger Rechtssicherheit, so wenig Behinderung durch staatliche Eingriffe wie möglich und Öffnung des Arbeitsmarktes für ausländische Fachkräfte, lauten die liberalen Lösungsansätze in Kurzform.
 
Entsprechend hat man einen Vorschlag an die Regulatoren in Sachen Datenschutz: "Anstatt voreilig Regulierungen zu erlassen, bedarf es einer gründlichen Prüfung, welche Aspekte der Technologie ein datenschutzrechtliches Problem darstellen. Regulatorische Massnahmen sollen nur dann ergriffen werden, wenn es notwendig ist."
 
Dann hat man seitens des Thinktanks aber auch noch einen weniger vorhersehbaren Vorschlag: Die Nationalbank (SNB) solle zusammen mit wichtigen Branchenakteuren die Entwicklung eines Franken-Tokens vorantreiben.
 
Und schliesslich schauen die Forscher in die Zukunft: Die SNB könnte eine "Zentralbank-Kryptowährung mit Berechtigungsbasis", für Institute, die von der SNB festgelegt werden, herausgeben. Die Token sind in diesem Modell nicht mehr vollständig mit Zentralbankgeld hinterlegt und über sie wird dann auch die Geldpolitik durchgeführt. "Aus heutiger Sicht ist eine solche Forderung jedoch verfrüht", schreiben die Forscher. Sie könnte zum Einsatz kommen, wenn sich Tokenisierung des Wirtschaftssystems auf breiter Basis durchsetze.
 
Die Studie von Avenir Suisse (PDF) kann von der Website des Think Tanks heruntergeladen werden. (ts)