Wenn Red Hat auf SAP und Hilti trifft

Christoph Baeck, Head of IT Infrastructure bei Hilti (l.), mit Marco Bill-Peter, SVP Customer Experience and Engagement bei Red Hat.
Der Werkzeug-Hersteller und Red-Hat-Vorzeigekunde Hilti hat die Migration auf S/4HANA gewagt. Was Hilti gelernt hat und wie es nun weitergeht, erklärte IT-Infrastruktur-Chef Christoph Baeck.
 
Schon lange dauert sie, die Beziehung von Red Hat und dem Liechtensteiner Werkzeughersteller Hilti. 2009 migrierte Hilti sämtliche unternehmenskritischen SAP-Systeme von Tru64 Unix auf Enterprise Linux. Ein Argument für den Wechsel zu Linux sei gewesen, dass alle Anbieter der bei Hilti eingesetzten Applikationen, darunter auch SAP, eine Zertifizierung ihrer Produkte für Red Hat Enterprise Linux (RHEL) vorweisen konnten. Das nächste grosse Migrationsprojekt bei Hilti stand mit einer Ankündigung von SAP vor der Tür: Kunden die weiterhin Support von SAP erhalten wollen, müssten bis 2025 auf die HANA-Plattform migrieren. Diesem Projekt muss sich noch eine Vielzahl von Unternehmen stellen – auch hierzulande, wie eine Umfrage zeigt. Erst eine Minderheit von Schweizer Firmen ist bereits auf die neue Business Suite S/4HANA migriert.
 
Aus offensichtlichen Gründen zögern Unternehmen, ein neues ERP-System einzuführen. Steht das ERP still, steht eine Firma mehr oder weniger still. Bei Hilti etwa verfügten 25'000 der 29'000 Mitarbeitenden über einen SAP-Account. 10'000 Anwender würden täglich auf das SAP zugreifen und das ERP-System sei Kern des Unternehmens, so Christoph Baeck, Head of IT Infrastructure bei Hilti.
 
Hilti als "First Mover"
Für Hilti habe es unterm Strich zwei Optionen gegeben, führt der Infrastruktur-Chef im Gespräch mit inside-it.ch aus. Man habe die Wahl gehabt, abzuwarten, und auf die Erfahrungen ähnlicher Firmen zu zählen. Damit aber würde man das Risiko eingehen, hinterherzuhinken und möglicherweise von Drittfirmen und Beratern abhängig zu sein, die bei der Migration helfen. Oder, und für diese zweite Möglichkeit hat sich Hilti schliesslich entschieden, man ist ein First Mover und erhält damit die ungeteilte Aufmerksamkeit von SAP.
 
In einem Projekt, das insgesamt zwei Jahre in Anspruch genommen hat, wechselte Hilti auf SAP S/4HANA. Nach dem Produktivstart im November 2018 habe Hilti noch keine Ausfallzeiten erlebt, sagte Marco Bill-Peter, SVP Customer Experience and Engagement bei Red Hat, im Gespräch.
 
"Testen, testen und nochmals testen", so die Antwort von Baeck auf die Frage, was er denn seinen Kollegen raten würden, die vor der HANA-Migration stehen. Und, so fügt er an, den nahen Kontakt mit den Hard- und Software-Partnern halten. Es seien nicht nur Mitarbeitende von Red Hat und SAP bei Hilti vor Ort gewesen, sondern auch Vertreter der Hardware-Partner HPE und Dell EMC.
 
Startup-Kultur im Traditionsunternehmen
Im Gespräch gibt Baeck einen Einblick in die Tests vor dem Go-live mit SAP S/4HANA. An mehreren Wochenenden habe man bis zu 4500 Hilti-Mitarbeitende einberufen, um einen Arbeitstag zu simulieren. Dabei handelt es sich um rund 20 Prozent der Arbeitskräfte. An solchen Testing-Tagen wurden bis zu 14'000 Bestellungen pro Stunde ausgeführt – deutlich mehr, als zu typischen Spitzenzeiten. 20 bis 30 zusätzliche Server hätten die Systeme mit automatisierten Workloads belastet, um sie zu testen.
 
In dieser Zeit habe sich bei Hilti eine Startup-ähnliche Kultur etabliert, erinnert sich Red-Hat-Manager Bill-Peter. Als Anekdote führt Baeck aus, dass
Red Hat holte Christoph Baeck (Hilti) am Boston Summit 2019 auf die grosse Bühne.
man während des Go-live-Wochenendes die Hotels nicht nur im liechtensteinischen Schaan, dem Hauptsitz der Hilti Gruppe, sondern auch in den benachbarten Orten in der Schweiz und Österreich gefüllt habe. Er könne sich auch erinnern, wie er Christoph Loos, Vorsitzender der Konzernleitung, durch die Büros geführt habe. Sie seien auf einen Mitarbeitenden gestossen, der unter einem Tisch geschlafen habe. Warum der "arme Kerl" denn kein Hotel-Zimmer habe, habe der Hilti-CEO gefragt. Aber dem Mitarbeitenden sei schlicht die Zeit für die Reise zu wertvoll gewesen, weshalb er kurzerhand im Büro übernachtet habe. Dies illustriere die Stimmung gut, resümiert Baeck. Neben aller IT, die für den reibungslosen Ablauf nötig ist, brauche es eben auch die Kultur, die alles zusammenbringe.
 
Ein Grossteil, wenn nicht alle IT-Mitarbeitenden von Hilti, seien zum einen oder anderen Zeitpunkt in das Projekt involviert gewesen, schliesst Baeck. Entsprechend gross sei dann auch die Erleichterung beim erfolgreichen Go-live gewesen. Für Spannung am Migrationswochenende habe dann aber noch ein Memory-Modul in einem der Server gesorgt, das plötzlich Fehlermeldungen lieferte. "Ich war froh, dass dies der aufregendste Moment des Wochenendes gewesen ist", so Baeck.
 
Hilti hat eine Multi-Cloud-Strategie
Und wann steht das nächste grosse IT-Projekt bei Hilti an? Man warte nun darauf, das RHEL 8, das am Red Hat Summit lanciert wurde, für SAP zertifiziert sei. Dies sei sicher der nächste grosse Schritt. Auch müsse geklärt werden, was mit den weiteren SAP-Systemen, der "nicht-ERP-Software", geschehe.
 
Ein weiteres Projekt stehe wohl auch mit Microsoft an. Während man bei Hilti für alle kundenseitige Software schon lange auf AWS setze, sei für interne Prozesse Microsoft im Einsatz. Man habe nun auch für interne Workloads damit begonnen, Red Hat Images auf Microsoft Azure auszurollen. Und eine Migration des SAP-Systems in die Azure-Cloud sei somit der nächste logische Schritt. Details dazu könne Baeck aber noch keine verraten.
 
Nadella bei Whitehurst und Red Hat in Walldorf
Da Hilti sowohl Microsoft- als auch Red-Hat-Kunde ist, freut sich Baeck insbesondere darüber, dass die CEOs der beiden Unternehmen gemeinsam auf der Bühne von Red Hat in Boston standen. Nach einer ersten Partnerschaft im Vorjahr kündigten dieses Jahr Satya Nadella und Jim Whitehurst gemeinsam die Verfügbarkeit von Azure Red Hat OpenShift an. Dies zeigt für Baeck, dass es sich nicht nur um eine kleine Ankündigung handle, die bald wieder vergessen gehe, sondern um einen strategischen Entscheid. Die Lösung werde von den Unternehmen gemeinsam entwickelt und werde auch von beiden Anbietern unterstützt.
 
Auch Red Hat betont, dass man eng mit Partnern arbeite, um die Kunden zu unterstützen. Die HANA-Migrationen antizipierend habe man die Präsenz in Walldorf ausgebaut, erklärt Red-Hat-Manager Bill-Peter. "Wir wissen, dass diese Migration vielen Unternehmen bevorsteht." Mit Engineering-Präsenz bei SAP will der OS-Anbieter sicherstellen, dass SAP-Lösungen rasch für Red Hat zertifiziert sind.
 
In diesem Kontext überrascht es nicht, dass im Interview neben Baeck gleich drei Vertreter von Red Hat anwesend sind. Als First Mover dient Hilti als Referenzkunde. Die SAP-Kundenbasis in der Schweiz ist gross, und es ist davon auszugehen, dass darunter auch einige Red-Hat-Kunden sind, die ähnlich wie Hilti von Unix zu Linux wechselten. "Diese Kunden sehen, was Hilti geschafft hat", glaubt Léonard Bodmer, Country Manager Red Hat Schweiz, und dies bietet "uns grossartige Möglichkeiten". (Katharina Jochum)
 
Interessenbindung: Die Autorin wurde von Red Hat nach Boston an die Konferenz, an der das Gespräch geführt wurde, eingeladen (Flug, Unterkunft).