Begräbt Six sein ambitioniertes Cloud-Projekt?

Six und Hiag Data sistieren die Cloud-Partnerschaft bereits nach sechs Monaten. Für das gross angekündigte Projekt heisst es: zurück auf Start. Für Hiag Data: "Überprüfung der Ergebniserwartungen".
 
Im letzten November hat Six Grosses bekannt gegeben: Der Finanzinfrastrukturbetreiber schaffe ein Cloud-Angebot, wie es derzeit nur von "globalen Anbietern aus Amerika und China" zur Verfügung gestellt werde. Neben einer "hochsicheren" Schweizer Cloud solle auch eine skalierbare globale Cloud lanciert werden, hiess es damals.
 
Infrastruktur- und Plattform-as-a-Service sollten das Fundament liefern, um einen "Appstore" für Funktionalitäten für den Finanzplatz zu etablieren, erklärte der Verantwortliche Henrik Czurd. Der Zeitplan: Bereits im vierten Quartal 2019 sollten erste Services ausgerollt werden.
 
Im Dezember kündigte Six dann eine Partnerschaft mit Hiag Data an. Noch vor einigen Tagen hiess es, man eruiere derzeit mit dem Partner, wie man eine sichere Schweizer Cloud technisch-organisatorisch realisieren könne. Nun folgt der grosse Paukenschlag: Die Partnerschaft zwischen Six und Hiag Data wird beendet, beziehungsweise nicht über die Evaluation hinaus erweitert, wie der Mutterkonzern von Hiag Data mitteilt.
 
Für Hiag Data sind das einschneidende Neuigkeiten: "Aufgrund der veränderten Situation von Hiag Data revidiert Hiag die Ergebniserwartungen für das Geschäftsjahr 2019". Hauptsächlich wegen des negativen Ergebnisbeitrags von Hiag Data erwarte der Konzern für das erste Halbjahr 2019 einen tieferen Gewinn als im Vorjahr, heisst es in der Mitteilung.
 
Im Vordergrund stehe nun eine Öffnung von Hiag Data für weitere Partner, um die Finanzierung der Tochtergesellschaft breiter abzustützen. Man prüfe Varianten für die weitere Entwicklung der eigenen Multicloud-Plattform, so Hiag.
 
Damit findet sich auch Six auf dem Startfeld wieder und muss neu beginnen. Das heisst Standortbestimmung und Diskussion mit den Banken-Partnern. Hat man sich seitens Six verspekuliert? Wird das Projekt überhaupt realisiert?
 
Die Hyperscaler als Freund und Helfer?
Im Marktfeld, das Six anpeilt, sind bereits bekannte lokale Player wie Swisscom und Inventx aktiv. Mittlerweile hat auch Google die Cloud-Region Schweiz eröffnet und will nach eigenen Angaben das Kundensegment von Six beackern. Und auch die Hyperscaler Azure und AWS planen, hierzulande RZ-Ressourcen aufzubauen.
 
Angesprochen auf die Konkurrenz durch die grossen Cloud-Anbieter erklärt Six-Pressesprecher Jürg Schneider, dass das Interesse der Hyperscaler vor allem die Attraktivität des Schweizer Marktes bestätige. Bekanntlich haben diese aber Ressourcen, die auch Six kaum stemmen könnte. "Wichtig hierbei scheint mir festzuhalten, dass wir die grossen Hyperscaler nicht direkt konkurrieren möchten. Wir planen ja unter anderem, deren Technologien einzusetzen und daher profitieren wir voneinander", sagt Schneider.
 
Allerdings hatte Google bei der Eröffnung seiner Schweizer Cloud-Region wiederum betont, auf die Banken abzuzielen. Und man präsentierte bereits die Credit Suisse als Kunden. Six biete aber etwas, was keiner der Hyperscaler offeriere, versichert Schneider, nämlich SaaS-Lösungen in der Wertschöpfungskette der Finanzinstitute. Konkret nennt er Funktionalitäten und Daten im Bereich Analytics sowie KI.
 
Das Thema war aber bei der Präsentation von Googles Schweizer Region im März praktisch omnipräsent: Die CS setzt nämlich derzeit auf Cloud-Ressourcen von Google für KI-Anwendungsfälle. Und auch weitere grosse Kunden hat der Tech-Konzern in diesem Bereich gewonnen. Die Partner vor Ort zeigten ebenfalls viele Analytics- und KI-Projekte auf Basis der Google-Cloud.
 
Swissness, Cloud-Act und Vertrauen
Auch die weiteren Argumente aus dem Hause Six überzeugen nur teilweise. Man wolle sich mit dem Ökosystem, der Kundenorientierung sowie Zuverlässigkeit profilieren. Das sind alles Aspekte, die man sich auch in den amerikanischen Häusern auf die Fahnen geschrieben hat.
 
Swissness und Vertrauen, die von Six ebenfalls ins Feld geführt werden, dürfte das Schweizer Unternehmen aber in den Augen potenzieller Kunden schon eher verkörpern als ein Hyperscaler aus dem sonnigen Kalifornien. Und auch bank-owned & bank-governed als Leitmotiv sowie die Sorgen in Sachen Cloud-Act und DSGVO könnten Six einige Argumente liefern.
 
Es wird sich also noch zeigen müssen, ob sich das Angebot von Six auch tatsächlich realisieren und profitabel betreiben lässt. Vorerst ist Six aber zurückgeworfen, der ursprüngliche Zeitplan Makulatur, ein möglicher Cloud-Partner erst zu eruieren.
 
Schneider ist es derweil wichtig zu betonen, dass das Thema Cloud und Ökosystem nach wie vor von grossem Interesse für Six sei. (Thomas Schwendener)