Wie der Bundesrat Vendor-Lock-in reduzieren will

Der Bund geht auf Abhängigkeiten bei IT-Herstellern ein und spricht Empfehlungen für zukünftige Beschaffungen aus.
 
Der Bundesrat hat seinen Bericht "Abhängigkeit von Herstellern und Wege zur Risikominderung bei IT-Beschaffungen" vorgelegt. Der Bericht geht auf ein Postulat von Nationalrat Thomas Weibel (GLP/ZH) vom Juni 2016 zurück.
 
Weibel forderte in seinem Postulat: "Der Bundesrat wird beauftragt aufzuzeigen, wie hoch die Abhängigkeiten von welchen ICT-Anbietern sind, welche Ursachen dies hat sowie welche Auswirkungen (Bundesfinanzen, Gesamtwirtschaft usw.) und Risiken (Kontrolle durch Firmen usw.) damit verbunden sind."
 
Die Beschaffungskonferenz des Bundes (BKB) habe sich im Rahmen der "IKT-Beschaffungsstrategie der Bundesverwaltung" auch mit dem Thema Abhängigkeit von IT-Lieferanten und Risikominderung befasst, schreibt nun der Bundesrat. Um eine unabhängige Beurteilung zu erhalten, habe das Informatiksteuerungsorgan des Bundes (ISB) 2018 eine externe Studie in Auftrag gegeben. Diese diente als Grundlage für den Bericht und die Antworten auf die im Postulat gestellten Fragen.
 
Aktuelle Abhängigkeiten von IT-Anbietern
Es würden keine statistischen Daten zur Frage existieren, wie hoch die Mehr- oder Minderkosten bei den IT-Beschaffungen der Bundesverwaltung aufgrund einer Abhängigkeit von den Anbietern und ihren Produkten seien, schreibt der Bundesrat.
 
"Bei einem Gesamtvolumen der Beschaffungszahlungen von 5,7 Milliarden Franken entfallen 540 Millionen auf IT- und Telekommunikationsmittel. Die IT-Beschaffungen im Jahr machten 2017 rund 10 Prozent der Beschaffungen des Bundes aus. Zu den umsatzstärksten IT-Lieferantinnen des Bundes gehören die Firmen Acceleris, Atos, Business IT, Elca, Global IT, Hewlett-Packard, Microsoft, Oracle, RUAG, SAP, SoftwareONE, SPIE ICS und Swisscom", heisst es weiter. Mit der Umsatzstärke sei aber nicht zwingend eine Abhängigkeit verbunden.
 
Handlungsempfehlungen des Bunderates
Basierend auf den Erkenntnissen der externen Studie schlägt der Bund Handlungsempfehlungen für den zukünftigen Umgang mit IT-Abhängigkeiten vor.
 
"Bei jedem Bedarf soll geprüft werden, ob eine Ausschreibung nötig ist oder der Bedarf bundesintern abgedeckt werden kann. Sofern noch keine grossen Abhängigkeiten bestehen, sollen den rechtlich geschützten (proprietären) Lösungen frei verfügbare Lösungen (Open-Source-Software) gegenübergestellt werden", schreibt der Bundesrat im Bericht.
 
Um das Klumpenrisiko zu senken, empfehle es sich, von der Software-/Hardware-Lieferanten unabhängige Dienstleister zu beauftragen. Über einen Rahmenvertrag könne die genaue Auftragserteilung im Abrufverfahren nachgelagert zur Ausschreibung erfolgen.
 
Der Bundesrat empfiehlt einen Interbrand- statt Intrabrand-Wettbewerb: "Dieses Vorgehen erlaubt es, insbesondere bei grossen Volumen, den Wettbewerb unter den verschiedenen Herstellern (Interbrand) zu nutzen ohne dabei auf die Vorteile der spezialisierten Subunternehmer, mit vertieften Kenntnissen der lokalen Rahmenbedingungen, zu verzichten. Der Wettbewerb unter den Subunternehmern (Intrabrand) fliesst in das Angebot des Generalunternehmers ein."
 
Vorgehen bei zukünftigen Beschaffungen
Der Bundesrat listet im Bericht zu schaffende Voraussetzungen für zukünftige Beschaffungen auf. So fordert er eine "bundesweite, transparente Übersicht der Beschaffungen" mit regelmässig aktualisierten Portfolios der Schlüssellieferanten pro Verwaltungseinheit und intern breit zugänglichen Daten aus dem ERP-Beschaffungscontrolling.
 
Ein Qualitäts- und Risikomanagement soll dafür sorgen, dass Zielkonflikte und Risiken der Beschaffung analysiert werden, "insbesondere die Abhängigkeiten von Lieferanten/Produkten".
 
Unter dem Punkt "Modularisierung und Standardisierung der Architektur und der Leistungen der IT" schlägt der Bundesrat vor, derartige Bestrebungen in der Bundesinformatik zu fördern und eine Unternehmensarchitektur einzuführen. Dies soll "mehr Lösungsauswahl" und einen "Fokus auf Standardlösungen und Agilität in der Beschaffung" zur Folge haben.
 
In seinem Fazit schliesst der Bundesrat: "Die geeigneten Massnahmen zur Reduktion der Abhängigkeit von Herstellern werden im Rahmen der Umsetzung der IKT-Beschaffungsstrategie des Bundes festgelegt."
 
Das Postulat von Nationalrat Thomas Weibel wurde am 16. Juni 2016 eingereicht. Der Bericht (PDF) des Bundesrates datiert vom 14. Juni 2019. (paz)