Will Facebook mit Libra auch einen E-ID-Standard setzen?

Facebook will mit Libra nicht nur ein auf einer Kryptowährung basierendes Zahlungssystem etablieren, sondern auch ein System für die digitale Identität schaffen. Dazu finden sich allerdings lediglich zwei dürre Sätze im umfassenden Whitepaper zu Libra und der Libra Association: "Ein weiteres Ziel des Vereins ist die Entwicklung und Förderung eines offenen Identitätsstandards. Wir glauben, dass eine dezentrale und tragbare digitale Identität eine Voraussetzung für finanzielle Integration und Wettbewerb ist."
 
In einem Interview mit 'Cointelegraph' sagte Alexander Denzler, Leiter des Blockchain Labs der Hochschule Luzern, dass Facebook mit der Implementierung des notwendigen Know-Your-Customer-Prozesses (KYC) Herr über die jeweiligen Identitäten werden könnte. "Dieser Ansatz steht in einem direkten Kontrast zum Self-Sovereign-Identity-Management, bei dem die Verwaltung von Identitäten und Daten in der Hoheit der Benutzer liegt", sagte der HSLU-Professor weiter. Dies biete künftig "Zündstoff für hitzige Diskussionen".
 
Mark Zuckerberg hatte schon vor dem PR-wirksamen Auftritt im Februar erklärt, dass sein Konzern die Möglichkeiten einer dezentralen, dienste-übergreifenden Identität prüfe. Dies stiess auf Kritik aus Kreisen, die an selbstbestimmten Identitäten arbeiten: Dies sei ein "welt-dominierender" Ansatz von Facebook und es gebe doch im Grunde funktionierende, offene Standards, erklärte Kaliya Young, Mitgründerin des Internet Identity Workshops und Autorin eines entsprechenden Buches gegenüber 'Coindesk'. Ausserdem widerspreche es der Idee der dezentralen Identität, wenn diese von einer einzigen Firma entwickelt werde.
 
Fraglich ist auch, ob und wie eine "Libra-Idenität" über mehrere Dienste hinweg genutzt werden könnte. Mit dem Attribut "tragbar" legt Facebook zumindest nahe, dass der Identitätsnachweis nicht nur innerhalb des eigenen Netzwerks gebraucht werden könnte. Konkrete Pläne wurden allerdings bislang nicht veröffentlicht, wie überhaupt die Ausgestaltung des Netzwerks selbst bislang noch mit vielen Fragezeichen zu versehen ist – darum ist auch die Frage offen, wie dezentral oder zentralistisch die geplante E-Identität wäre.
 
Das Thema birgt indes einigen Zündstoff, ist doch die Frage der Identifikation im Netz von ausschlaggebender Bedeutung etwa für rechtsgültige Transaktionen oder den Zugang zu offiziellen Diensten. Zugleich ist Identitätsdiebstahl und Spionage ein im Netz ein grosses Problem. Zudem böte die digitale Idenität für Provider potenziell gigantische Möglichkeiten für die Überwachung und Auswertung von User-Verhalten. Nicht umsonst wird etwa um die offizielle Schweizer E-ID innerhalb und ausserhalb der Räte leidenschaftlich gestritten. (ts)