Das Zeitalter der Lochstreifen ist noch nicht (ganz) vorbei

Beim britischen Geheimdienst GCHQ und sogar bei der NSA werden sie auch 2019 noch verwendet.
 
Alte Speichermedien wie Tapes, DVDs, CDs oder Floppy Disks sterben oft sehr viel langsamer, als man sich das vorstellt, wenn modernere Technologien auftauchen. Manche, wie Tapes, können sich für bestimmte Aufgaben immer noch besser eignen als modernere Medien. Und andere überleben in Nischen, wo es schlicht schwierig ist, sie zu ersetzen.
 
Letzteres gilt, wie wir zu unserem eigenen Erstaunen aus einem ausführlichen Artikel von 'Computer Business Reviews' (CBR) erfahren haben, sogar für das altehrwürdige, bereits im 18. Jahrhundert erstmals verwendete Medium der Lochstreifen. Lochstreifen sind Papier- beziehungsweise Kunststoffstreifen, auf denen Daten in Form von eingestanzten Löchern gespeichert werden. Laut 'CBR' stehen sie auch heute noch im realen Einsatz, und zwar bei den Geheimdiensten GCHQ und NSA.
 
Bei beiden Geheimdiensten werden sie weiterhin teilweise verwendet, wenn es darum geht, kryptographische Schlüssel an verschiedenste, meist militärische Empfänger zu verteilen. Dort werden sie dann in spezielle Lesegeräte gefüttert, welche die Schlüssel in die Zielgeräte einspeisen. Die Empfänger reichen von Fliegerstaffeln, welche die Schlüssel verwenden, um die Kommunikation untereinander zu verschlüsseln, über Funksysteme bis zu Unterseeboten. Was die Empfänger der Lochstreifen im Allgemeinen verbindet, ist dass sie oft über Jahre oder Jahrzehnte im Einsatz stehen und nur langsam ersetzt werden, und dass sie oft nicht oder gar nie online sind.
 
Bei beiden Geheimdiensten gibt es Bemühungen, die Lochstreifen doch endlich durch elektronische Medien zu ersetzen. Beim US-Geheimdienst NSA steht man laut einem Interview mit dem technischen Direktor Dave Ziring kurz vor dem Ziel. Der Gebrauch von Lochstreifen sei bereits stark reduziert worden, so Ziring. Früher seien Millionen davon produziert und verteilt worden. Heute seien es nicht einige Hundert pro Jahr. Und Ende dieses Jahres sollen beim NSA die letzten Lochstreifen überhaupt produziert werden. Das letzte Gerät zu ihrer Herstellung könnte kurz darauf in ein Museum kommen.
 
Beim britischen Geheimdienst ist man dagegen laut dem 'CBR'-Bericht noch lange nicht so weit. Hier könnte es noch einige weitere Jahre gehen, bis die Lochstreifen nicht mehr gebraucht werden.
 
Sowohl beim NSA als auch beim GCHQ gibt’s eigene Unterorganisationen, welche für die Produktion und das Management aller kryptographischen Schlüssel, die vom Militär und Behörden eingesetzt werden, zuständig sind. Lochstreifen werden neben anderen Medien dafür verwendet, um Schlüssel für symmetrische Algorithmen zu verteilen, also Schlüssel für die Art der Verschlüsselung, bei der sowohl Sender als auch Empfänger eine Kopie des gleichen Schlüssels haben müssen. Genaue Zahlen darüber, wie hoch der Anteil der verschiedenen physischen Medien ist, die dafür verwendet werden, konnte 'CBR' nicht in Erfahrung bringen. Der Arbeitsaufwand, der beim GCHQ für das Management der Papierstreifen geleistet wird, sei aber weiterhin "signifikant".
 
In früheren Zeiten wurden die Lochstreifen in schlichten Plastiksäcken an die Empfänger geliefert. Seit 1986 werden als Verpackung spezielle Plastikboxen verwendet, die nicht geöffnet werden können, ohne dass dies klar ersichtliche Spuren hinterlässt. Wenn der Empfänger solche Spuren sieht weiss er also, dass die Schlüssel abgefangen wurden und er sie nicht verwenden kann.
 
Ein kritischer Punkt bei der Verwaltung von Schlüsseln ist laut NSA-Mann Ziring deren komplette Nachverfolgung. Man muss wissen, welche Schlüssel man produziert hat, wo sie sind und wer sie erhalten sollte. Wenn einer davon verloren geht oder kompromittiert wird, muss man auch wissen, wer sonst diesen Schlüssel verwendet und daher angewiesen werden muss, ihn nicht mehr zu verwenden. Genau dies sei aber ein grosses Problem bei der Verwendung von Lochstreifen beziehungsweise kleinen Plastikboxen, die rund um die Welt transportiert werden. Elektronisches Schlüsselmanagement mache diese Aufgabe wesentlich einfacher. (hjm)