Auch bei Skype und Cortana hören Menschen Gespräche mit

Nach Apple, Google und Amazon muss sich nun Microsoft erklären. Auch ein Schweizer Startup wehrt sich.
 
Nach einem Bericht im US-Medium 'Vice' gibt Microsoft zu, dass Gespräche von Skype-Usern von Mitarbeitern abgehört werden. Dasselbe sei beim Sprachassistenten Cortana der Fall.
 
Die Journalisten haben mehrheitlich fünf- bis zehnsekündige Aufzeichnungen zugespielt erhalten, aber offenbar auch längere Sequenzen. Der anonyme Whistleblower, offenbar ein Microsoft-Contractor, sagte dem Medium, er habe auch Telefonsex mitgehört.
 
Microsoft erläutert, durch die Praxis könne man die Spracherkennung verbessern. Bei einer früheren Recherche von 'Vice' zum selben Thema hatte Microsoft noch verklausuliert geschrieben: "Die Entscheidung, was Cortana weiss, liegt beim Nutzer."
 
Nun erklärte Microsoft, Voraussetzung für eine Auswertung der Sprachdateien sei die User-Zustimmung. Microsoft setze auf Transparenz und Datenschutz. "Wir haben auch mehrere Verfahren eingeführt, um die Privatsphäre der Benutzer zu schützen, bevor wir diese Daten mit unseren Lieferanten teilen, einschliesslich der De-Identifizierung von Daten, der Verpflichtung zur Geheimhaltung bei Lieferanten und ihren Mitarbeitern und der Verpflichtung, dass die Lieferanten die hohen Datenschutzstandards des europäischen Rechts erfüllen. Wir überprüfen weiterhin die Art und Weise, wie wir mit Sprachdaten umgehen, um sicherzustellen, dass wir den Kunden so klare Optionen wie möglich bieten und einen starken Datenschutz bieten", heisst es in der Erklärung.
 
Tausende hörten bei Amazon, Apple und Google mit
Auch Amazon, Apple und Google hören für ihre Smart Speaker und Smart Watches über die Sprachassistenten mit, was hinter verschlossenen Wohnungs- und Schlafzimmertüren gesprochen wird. Alle Anbieter verbargen die Existenz von Abhör-Teams hinter kryptischen Formulierungen wie Apples "Erkennungssystem", bis sie von Medien damit konfrontiert wurden. Kein Anbieter sagt, wieviele Leute mithören dürfen oder wie die offenbar strengen internen Kontrollsysteme konkret ausgestaltet sind.
 
Journalisten recherchierten nun Details dazu. 'Die Welt' fand heraus, dass Temporärmitarbeiter von Amazon in Polen Alexa-Gespräche mithören, auch wenn sie "Work@home" machen und nicht wie behauptet in dedizierten Amazon-Räumen. 7000 Menschen hätten das Recht dazu.
 
Auch bei Google wurde bekannt, dass Angestellte und Contractor mithören. Laut Unternehmensangaben seien es "0,2 Prozent aller Audiofragmente", die von Menschen untersucht werden. "Audioausschnitte werden im Rahmen des Überprüfungsprozesses nicht mit Benutzerkonten verknüpft, und die Prüfer werden angewiesen, Hintergrundgespräche oder andere Geräusche nicht zu transkribieren und nur Ausschnitte, die an Google gerichtet sind, zu transkribieren", versichert der Konzern, nachdem in den Assistant-Datenschutzerklärungen nie explizit von Menschen die Rede gewesen war.
 
Nach einem Vorstoss des Hamburger Datenschutzbeauftragten stoppte Google die Praxis inzwischen vorerst.
 
'The Guardian' recherchierte zu Apple: "Apple Vertragspartner hören regelmässig vertrauliche medizinische Informationen, Drogengeschäfte und Aufzeichnungen von Paaren, die Sex haben, als Teil ihrer Arbeit, die Qualitätskontrolle oder "Benotung" von Siri."
 
Apple antwortete auf die Recherche, dass "weniger als ein Prozent der täglichen Siri-Aktivierungen" nach Zufallsprinzipien genutzt würden und "nicht mit der Apple-ID des Benutzers verknüpft" seien. Siri-Antworten würden in sicheren Einrichtungen analysiert und es gebe strenge Richtlinien. Bei Apple kann man Siri nicht völlig deaktivieren, Google und Amazon Alexa erlauben dies.
 
Auf die Medienberichte hat Apple angekündigt, man werde mit dem nächsten Software-Release ausdrücklich um Erlaubnis fragen, ob Mitarbeiter Ton-Mitschnitte abhören dürfen. Bis dahin sind die menschlichen Prüfer nicht mehr aktiv.
 
Ein noch nicht gelöstes Software-Problem betrifft Aufzeichnungen, weil sich beispielsweise Siri fälschlicherweise aktiviert, obwohl der User mit seinen Worten keine Aktivierung beabsichtigt hatte.
 
Mit ihrer Verschwiegenheit schaden sich die Konzerne selbst und säen nun tiefes Misstrauen. Dies obwohl Aufzeichnungen und menschliche "Prüfer" nötig sind, um mit Transkripten die Technologie weiterzuentwickeln. Komplexere Sätze, nuscheln, Dialekt oder Hall bereiten bislang schwer lösbare Probleme beim Etablieren einer eigentlich kommerziell vielversprechenden Technologie.
 
Nun sieht sich Apple laut 'Bloomberg' bereits mit einer Sammelklage von Siri-Kunden konfrontiert.
 
Schweizer Startup grenzt sich ab
Angesichts des Imageschadens für die Konzerne und die Technologie bemüht sich das Schweizer Sprachsystem-Startup Spitch um Schadensbegrenzung: "Bei unserem System erfährt jeder Anrufer vorab, ob Daten aufgezeichnet und zur Qualitätskontrolle mitgehört werden oder nicht," so eine Mitteilung. Auch Spitch müsse mit richtigen Gesprächsaufnahmen arbeiten, jedoch nicht für den Massenmarkt, sondern für einzelne Kunden und spezielle Cases. (mag)