Studie: "Die Schweiz ist bei weitem keine Startup-Nation"

Die Freiburger Hochschule für Wirtschaft (HSW-FR) hat sich dem "Mythos der Startup-Nation Schweiz" angenommen. Ihr Befund in der Schweizer Ausgabe des Global Entrepreneurship Monitor (GEM) ist deutlich: Die Schweiz sei "weit davon entfernt, eine Start-up-Nation zu sein".
 
Im Gegenteil beabsichtigen in der hiesigen Bevölkerung weniger Menschen ein Unternehmen zu gründen als noch 2017. Die Quote liege unter dem Durchschnitt anderer Volkswirtschaften mit hohen Einkommen, so die HSW-FR.
 
Hätten 2017 noch 10,5 Prozent die Absicht bekundet, eine Firma ins Leben zu rufen, seien es im Untersuchungszeitraum 2018/2019 noch 6,9 Prozent gewesen. Tatsächlich hätten nur 7,4 Prozent der Schweizer ein unternehmerisches Abenteuer begonnen, was die Gründungsrate in den Vergleichsländern markant unterschreite, wo sie 10,4 Prozent betrug.
 
Markante Unterschiede im Alter und dem Geschlecht
Besonders deutlich fällt der Unterschied in der Altersklasse von 18 bis 24 Jahren aus: Nur gerade 2,2 Prozent von ihnen sind laut der Studie an der Gründung eines Unternehmens oder der Leitung eines Startups beteiligt. Dies ist bloss die drittletzte Position vor Polen und Zypern.
 
In dieser Gruppe sehen nur gerade 15,4 Prozent unternehmerische Chancen im eigenen Umfeld. "Daraus schliesse ich, dass unser Unterstützungsangebot, das nicht nur, aber vor allem in den und um die Universitäten und Fachhochschulen stattfindet, in Tat und Wahrheit die falsche Altersgruppe anspricht", so Rico Baldegger, einer der Studienautoren. Denn unter den 35- bis 54-Jährigen sehen fast die Hälfte Chancen in ihrem Umfeld.
 
Auch unter Frauen ist der Anteil an Firmengründerinnen gering: Nur 4,7 Prozent von ihnen sind bereit unternehmerisch tätig zu werden, während es unter den Männern mit fast zehn Prozent rund doppelt so viele sind. Damit landet die Schweiz bei der Geschlechter-Egalität auf dem viertletzten Rang.
 
Schlechte Resultate trotz gutem Umfeld
Dies alles habe sich trotz Unterstützung unternehmerischer Initiativen auf kantonaler und nationaler Ebene, einer zunehmenden Anzahl von Aus- und Weiterbildungs-Programmen sowie steigender Investitionen in unternehmerische Projekte und Startups ergeben, wird in der Studie festgehalten. Einige Rahmenbedingungen hierzulande erhalten ausgezeichnete Beurteilungen im internationalen Vergleich. So etwa die Infrastruktur, die Regierungsprogramme, der R&D-Transfer und die Ausbildung nach der Sekundärstufe.
 
Die dennoch ernüchternden Resultate basieren mutmasslich auch auf einer schlechteren Selbsteinschätzung der potenziellen Firmengründer in der Schweiz. So zeigten sich 36,3 Prozent wenig zuversichtlich in Bezug auf ihre Gründer-Fähigkeiten. Nur Italien rangiert hier in der Rangliste der Länder mit hohen Einkommen hinter der Schweiz.
 
Fast 40 Prozent hatten hierzulande zudem Angst vor dem Scheitern. Dies ist eine deutliche Zunahme von über zehn Prozentpunkten gegenüber 2017. Der Glaube schwinde seit 2013, so die HSW-FR, und liege mittlerweile auf dem niedrigen Niveau von 2012.
 
"Der Unterschied zu den Spitzenländern in Bezug auf die unternehmerische Tätigkeit ist 2018 grösser geworden. Diese Ergebnisse sind kritisch und müssen in den nächsten Jahren genau beobachtet werden", kommentiert Baldegger die Resultate.
 
Nur wenige handeln aus einer Zwangslage
Wenn in der Schweiz dann aber jemand ein neues Unternehmen gründet, basiert dies offenbar auf Geschäftsideen von hoher Qualität. So gründen hierzulande überdurchschnittlich viele Unternehmer eine Firma, weil sie sich eine Verbesserung ihrer Situation erhoffen. Dem stehen nur 7,4 Prozent gegenüber, die aus einer Zwangslage heraus handeln. Wie hoch derweil die Erfolgsrate ist, geht aus der Studie nicht hervor.
 
Die Ergebnisse der Schweizer Ausgabe des Global Entrepreneurship Monitor (GEM) beruhen auf der Befragung von rund 2400 Personen. Die Vergleichsländer mit hohem Einkommen sind Australien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Irland, Israel, Italien, Korea, die Niederlande, Slowenien, Spanien, Schweden, UK und die USA.
 
Die Studie kann als (PDF) von der Website der HSW-FR heruntergeladen werden. (ts)