Von Hensch zu Mensch: Eher soft als top?

Kolumnist Jean-Marc Hensch war an der "grössten IT-Fachmesse der Schweiz" nicht nur begeistert.
 
Marketing wird heute immer extremer. Während früher eine möglichst breite Palette von Massnahmen eingesetzt wurde, drängt heute alles in die Pole: Einerseits konzentriert sich die (immer zielgerichtetere) Massenkommunikation auf die Online-Werbung, andererseits wird der hochwertige Kontakt mit potenziellen Kunden und Prospects zunehmend auf den sogenannten Live-Event-Bereich verlagert.
 
Von letzterem zeugen die unendlich vielen Kundeneinladungen, Symposien, "Summits" und andere Barcamps, zu denen eingeladen wird. Manchmal mit horrenden Eintrittspreisen, manchmal auch gratis, je nach Hintergrund. Man sollte also meinen, dass in diesem Marketing-Umfeld die Messe, die Live-Begegnung par excellence, regelrecht boomt. Ein Augenschein an der kürzlich durchgeführten "Topsoft" in der Umweltarena in Spreitenbach hat mir den letzten Anstoss gegeben, generell über den Messeauftritt Schweizer IT-Anbieter zu schreiben.
 
Meine generelle Diagnose, um sie gleich vorwegzunehmen: Das durchschnittliche IT-Unternehmen in der Schweiz hat keine Ahnung, wie Messen funktionieren und wie man Live-Kommunikation betreibt. Wer clever ist, steht dazu und kommt gar nicht erst an die Messe. Das erklärt vielleicht die magere Präsenz relevanter Player an der Topsoft.
 
Die Probleme beginnen bei der Standgestaltung. Mir kommt es fast so vor, als entspreche manchenorts die Höhe der Standgebühr dem Gesamtbudget für die Messe. Ein bisschen Mobiliar aus dem Büro anschleppen, ein paar Roll-ups aufspannen, und fertig ist der Stand. Ich gebe zu, diese Extremfälle sind selten, aber vielerorts merkt man schon, dass die Ausstellungsmaterialien zusammengestückelt wurden und nicht für die Messe gestaltet. Da mischen sich nicht nur frischfröhlich verschiedene Typografien, man darf das Logo auch in verschiedenen Formen und Farbschattierungen bewundern. Dass die Schriften teilweise so klein sind, dass man sie nicht lesen kann, ohne die Lesebrille aufzusetzen und direkt vor das Display zu stehen, ist ungünstig – oder vielleicht als raffinierte Anlock-Massnahme gewollt?
 
Störend sind vor allem konzeptionelle Mängel. Wenn man die Aufgabe an eine Agentur mit null Sachkenntnis delegiert, kommen Schlagzeilen heraus wie: "Die smarte Lösung für ihr Business" oder "Produkt XY, der ROI-Booster mit Langzeitgarantie". Nichtssagend bis zum Gehtnichtmehr. Ich habe als Besucher keine Ahnung, worum es beim Produkt geht und was effektiv angeboten wird.
 
Wo es Give-Aways gibt, haben diese oft keinen Zusammenhang mit dem Business, und es wird nicht mal versucht, einen herzustellen. Natürlich kommen Leute vorbei, wenn man kostenlos Soft-Ice verteilt, aber werden sie dadurch zu Kunden?
 
An vielen Ständen wird man nicht wirklich zur Interaktion ermuntert. Zwei dickbäuchige Verkäufer, die ganz hinten im Stand auf ihre Handy-Displays starren, das motiviert mich nicht wirklich. Eine nette Hostess ist da schon besser – vor allem kann man sie als Externe auch verpflichten, etwas zu tun und Besucher aktiv anzusprechen. Wenn sie aber weder Fragen beantworten noch an eine kompetente Stelle weiterleiten kann, ist auch dies vergebliche Liebesmüh.
 
Ich bin überzeugt, dass aufgrund der eingangs geschilderten Entwicklung im Marketing Messen mit Zusatzveranstaltungen durchaus ihren Platz haben. Der Messestandort der Topsoft mitten in der Pampa ist zwar – trotz Öko-Groove – wirklich ungünstig. Dennoch, ich finde es richtig, dass die Topsoft veranstaltet und von namhaften Verbänden (wie zum Beispiel Swico) unterstützt wird, sie hat Potenzial.
 
Aber bitte, liebe IT-Unternehmen, reisst euch am Riemen und sorgt für eine Präsenz, für die ihr euch nicht schämen müsst. Die Mehrkosten eines anständigen Auftritts spielt man mit Kontakten, Leads und Offertanfragen wieder herein, wie auch anhand der Topsoft belegt werden kann (an der es eben nicht nur die schlechten Beispiele gab!).
 
Ich selbst fühle mich übrigens in der neuen Marketingwelt pudelwohl, weil ich an beiden Polen engagiert bin. Als Kolumnist von inside-it.ch profitiere ich vom Online-Boom und als Verwaltungsrat des Zürcher Kongresshauses zähle ich auf die Kraft der Live-Events. (Jean-Marc Hensch)
 
Jean-Marc Hensch ist seit 2012 Kolumnist von inside-it.ch und inside-channels.ch. Als Verwaltungsrat, Startup-Investor und Coach ist er in der ICT- sowie in weiteren Branchen engagiert. Er äussert hier seine persönliche Meinung und twittert als @sosicles.