Deutschland will Ab­hängig­keit von Microsoft verringern

Aufbau des betrachteten Software-Stacks der Bundesverwaltung (Quelle: PwC, 2019)
Die Bundesverwaltung sei zu stark von einzelnen Software-Anbietern abhängig. Dies soll sich ändern und die "digitale Souveränität" sichergestellt werden.
 
"Um unsere digitale Souveränität zu gewährleisten, wollen wir Abhängigkeiten zu einzelnen IT-Anbietern verringern. Ausserdem prüfen wir Alternativ-Programme, um bestimmte Software ersetzen zu können." Dies kündigte der deutsche Innenminister Horst Seehofer an. Im Auftrag des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) habe der Berater PwC eine Marktanalyse erstellt. Diese untermauere die zunehmend kritische Technologieabhängigkeit der Öffentlichen Verwaltung in Deutschland, aber auch im europäischen Umfeld, heisst es in einer Mitteilung.
 
In der Bundesverwaltung würden in weiten Bereichen Standardprodukte von kommerziellen Software-Anbietern eingesetzt. Die Standardisierung des Software-Portfolios auf wenige Produkte einzelner IT-Anbieter führe zu weiteren Abhängigkeiten und damit zu zusätzlichen Risiken für die digitale Souveränität, so die Mitteilung weiter. Dieser Prozess werde durch die wachsende Fokussierung auf Cloud-basierte Lösungen verstärkt. Die starke Abhängigkeit von wenigen Anbietern stehe im Widerspruch zu den strategischen Zielen der IT des Bundes.
 
Im PwC-Bericht erwähnt werden SAP, Oracle und Microsoft. Microsoft erhält besonders viel Platz, da die Produkte vielfach eingesetzt werden und eng miteinander verknüpft seien.
 
Aufgrund der Abhängigkeiten würden sich eine Reihe von "Schmerzpunkten" ergeben, wie es im Bericht heisst. Da der Quellcode nicht einsehbar sei, habe die Verwaltung nur eingeschränkte Möglichkeiten, die Informationssicherheit von Microsoft-Software zu überprüfen.
 
Ausserdem wird vor eingeschränkter Flexibilität und unkontrollierbaren Kosten gewarnt. Die Lizenzkosten seien zwar verhältnismässig gut kontrollierbar, aber Preisänderungen oder Anpassungen der Lizenzmodelle wie es sie in der Vergangenheit gegeben habe, können sich auf die künftigen Kosten auswirken. "Im Rahmen seiner Produktbündelungs- und Cloud-Strategie versucht Microsoft, die Bundesverwaltung verstärkt zur Nutzung von Abonnement-basierten Lizenzmodellen zu bewegen, wodurch zukünftige Preis- und Lizenzmodellanpassungen auf Seiten der Bundesverwaltung schwerer steuerbar wären", so die Marktanalyse.
 
Diversifizieren und Open Source
Die Autoren nennen eine Reihe von Strategien, mit denen sich die Abhängigkeit verringern liesse. Eine Option sei "verhandeln". Das niederländische Justizministerium beispielsweise habe Zugeständnisse von Microsoft bei der Erhebung von Telemetriedaten erwirkt. Der Hersteller habe zugesagt, die eigenen Produkte gemäss der DSGVO anzupassen. Und auch die israelische Regierung habe mit Microsoft einen neuen Vertrag ausgehandelt, nachdem sie Cloud-basierte Produkte als potenzielles Kostenrisiko identifiziert hatte.
 
Obwohl Microsoft den Markt in verschiedenen Bereichen dominiere, gebe es bei vielen Produkten Alternativen. Im Rahmen einer Multi-Vendor-Strategie, in der verschiedene Produkte für die gleichen Dienste von mindestens zwei Anbietern bezogen werden, könnten Risiken reduziert werden.
 
Auch der Umstieg auf Open-Source-Software sei eine Möglichkeit, wie vergleichbare Projekte im Ausland zeigen würden. So hätten etwa die Stadt Rom oder die italienische Armee Office-Lösungen ausgetauscht. Im Zusammenhang mit Open-Source widmet sich der Bericht auch dem OSS-Abenteuer in München und versucht aufzuzeigen, unter welchen Voraussetzungen ein Projekt gelingen könnte. Der Erfolg hänge etwa davon ab, ob es gelinge, die Nutzerakzeptanz sicherzustellen sowie eine kritische Masse von Usern zu erreichen. Der Parallelbetrieb mehrerer Systeme sollte langfristig vermieden werden, um Schnittstellen, Komplexität und Kosten zu reduzieren.
 
Der vollständige Bericht steht online unter 'cio.bund.de' zum Download verfügbar. (kjo)