BLS muss Riesenabschreiber mit deutscher Standard-Software machen

Ein Spezialist sollte eine Ressourcenplanung einführen. Nun heisst es Projektabbruch. Wir haben bei BLS und dem Anbieter recherchiert und stiessen auf Verblüffendes.
 
Mit bis zu 23 Millionen Franken wird das diesjährige Jahresergebnis des vergleichsweise kleinen Berner Bahnunternehmens BLS wegen Teilabbruch eines Software-Projekts belastet. Um welche Software es sich handelt, will die BLS nicht veröffentlicht wissen. Offener gibt sich der Software-Anbieter. Er ist in Berlin ansässig, heisst IVU Traffic Technologies und ist ein Spezialist. Pressesprecher Stefan Steck bestätigt, das es sich um ihr "IVU.rail" genanntes Produkt handelt.
 
Bei der BLS wird der Projektabbruch damit begründet, dass sich die Software während der Testphase in den vergangenen Monaten gegenüber dem heutigen System als zu langsam erwies. "Trotz gemeinsamer Anstrengungen mit dem Hersteller musste die BLS feststellen, dass die ausgewählte Software aus heutiger Sicht die Anforderungen der BLS mittelfristig nicht erfüllen kann." Weiter heisst es, die "Kosten für zusätzliche Anpassungen des Systems wären zudem zu hoch, um eine Weiterführung des Projekts zu rechtfertigen".
 
Die SBB ist Neukunde für die Software
Interessant ist, dass der so begründete Riesenabschreiber in dem abgebrochenen BLS-Projekts den Deutschen hierzulande offensichtlich nicht geschadet hat. Denn vor wenigen Tagen hat IVU Traffic mitgeteilt, genau die Software, mit der man bei der BLS gescheitert ist, der SBB verkauft zu haben. Für die "Planung und Disposition aller Mitarbeitenden des stationären Bereichs Vertrieb, Services und Vermarktung setzt die SBB auf IVU.rail". Zudem übernehmen die Berliner IT-Spezialisten "zugleich das Hosting des integrierten Standardsystems" bei der SBB, heisst es in einer Pressemitteilung.
 
Die Leidensgeschichte des BLS-Projekts
Bei der BLS geht es konkret um die im November 2015 von der BLS ausgeschriebene Erneuerung der Software für die "Planung von Personal mit Dienstplan", die "Planung von Schiffen und Schiffspersonal" sowie die "Planung von Bahnressourcen wie Rollmaterial und Bahnpersonal". Damals war ausdrücklich ein "am Markt verfügbares Standardprodukt" gefordert worden. Und BLS hatte herausgestrichen, dass dieses "Ressourcenplanungssystem zentral für das Kerngeschäft der BLS und damit kritisch für den Geschäftserfolg" ist.
 
Mit dem sieben Monate später, im Juni 2016 erfolgten Zuschlag, ging der Auftrag für rund 10,8 Millionen nach Deutschland. Dabei allerdings hatten auch einzig die Berliner eine Offerte eingereicht. Ende 2018 kam zusätzlich ein freihändig vergebener Nachtragsauftrag von gut 3,5 Millionen Franken an die derzeit rund 500-köpfige deutsche Software-Schmiede hinzu.
 
Die Berliner fokussieren auf den öffentlichen Verkehr, sind in 13 Ländern aktiv und unterhalten in Olten einen Standort mit derzeit fünf Mitarbeitern, wie IVU-Traffic-Sprecher Steck bestätigt. Bei der BLS erklärt Pressesprecher Stefan Dauner den Folgeauftrag damit, dass im "Rahmen der Projektarbeiten festgestellt wurde, dass weitere Funktionalitäten der ausgewählten Lösung für die BLS sinnvoll sind".
 
Abbruch nach intensiven Tests
Auf den von der BLS kommunizierten Projektabbruch angesprochen, stellt IVU-Traffic-Sprecher Steck klar, dass nicht das ganze Gesamtprojekt gestoppt worden ist: "IVU.rail kommt bei der BLS weiter in den Bereichen Bus, Schiff und Personal zum Einsatz. Abgebrochen wurde nur die IVU.Rail-Einführung im Bahn-Bereich."
 
BLS-Mann Dauner erklärt, das "beschaffte System (ist) modular aufgebaut. Leider hat sich im Laufe der Projektumsetzung gezeigt, dass nicht alle Komponenten unsere Prozesse gleichermassen gut unterstützen". Auf Nachfrage bestätigt er dann die Aussage der Berliner, dass es sich nur um einen Teilabbruch handelt.
 
Laut einer Mitteilung der BLS sind in die Wertberichtigung von bis zu 23 Millionen Franken unter anderem über 60 Prozent für Eigenleistungen wie Lohnkosten der Projektmitarbeitenden eingeflossen. Das sind also bis zu rund 14 Millionen Franken. Rechnet man die Kosten für den Gesamtauftrag von rund 14,3 Millionen Franken dagegen, so ist von der BLS eingekauften ursprünglichen Software noch ein Teil im Wert von etwas mehr als fünf Millionen Franken brauchbar. Zu berücksichtigen sei hierbei aber auch, erklärt BLS-Sprecher Dauner, dass "Lizenzkosten der Software erst bei Einführung des Systems fällig würden. Diese Phase haben wir im Projekt leider nicht erreicht."
 
Den Teilprojektabbruch selbst begründet er mit der "intensiven Testphase". Sie habe "alle Prozesse, und damit auch Softwarefunktionalitäten, die notwendig sind umfasst, um die Planungs- und Dispositionsprozesse zu unterstützen. Dazu zählen ebenfalls die im Rahmen des Nachtragauftrags beschafften Funktionalitäten."
 
"Zusätzlicher Hardware-Power hat nicht gereicht"
Auf die Frage, ob das Projekt denn nicht beispielsweise durch zusätzliche Hardware-Power hätte gerettet werden können, teilt Dauner mit: "Nicht alle Prozesse können beliebig skaliert und mit zusätzlicher Hardware beschleunigt werden. Wo Leistungssteigerungen notwendig und möglich waren, haben wir das umgesetzt. Bei der Bedienung der Software haben wir die notwendige Geschwindigkeit in der Abarbeitung von Testfällen auch mit zusätzlicher Hardware-Power nicht erreicht."
 
Und wie weiter?
Nach der Zukunft der Erneuerung der Ressourcenplanung gefragt, heisst es bei der BLS, dass es in "einem ersten Schritt jetzt darum geht, die im Projekt gemachten Erfahrungen und die Lerneffekte genau zu analysieren und die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen". Laut Dauner ist noch offen, ob und wann eine Neuausschreibung erfolgt. (vri)