Digitalisierung der SBB könnte 10'000 FTEs kosten

Eine Studie zeigt auf, was auf SBB-Angestellte, Sozialpartner und die SBB-Führung zukommt. Und dass Digitalisierung kein Zuckerschlecken wird.
 
"Ein Grossteil der SBB-Mitarbeitenden ist durch die Digitalisierung betroffen", so eine Erkenntnis einer PWC-Studie im Auftrag der SBB, die für Arbeitgeber und -nehmer richtungsweisend sein soll. Die Zusammenfassung haben wir bei 'bahnonline.ch' gefunden.
 
Die Studie "SBB Arbeitswelt der Zukunft 2025-2035" ist gleichzeitig ein konkretes Schweizer Firmenbeispiel, was Digitalisierung jenseits von Marketing-Events ("Digitaltag"), vagen Versprechungen von "Chancen" und Angstmacherei bedeuten dürfte.
 
"Betroffen" von der Digitalisierung umfasst alle Facetten der Arbeit – von Entlassung bis hin zu Umschulung. Primär liegt der Ursprung der prognostizierten Veränderungen vor allem in der Automatisierung.
 
Zwei Zukunftsszenarien diskutieren die Autoren. Bei einem Szenario hat die SBB wegen der Digitalisierung künftig 5500 Vollzeitpensen (FTEs) weniger als heute. Tritt das zweite Szenario ein, so schrumpfen die heutigen FTEs von 26'400 auf 16'400.
 
Je nach Zukunftsszenario setzt Technologie unterschiedlich viele Ressourcen frei, aber in jedem Falle sind speziell niedrig- und mittelqualifizierte Mitarbeitende und heutige Routineaufgaben betroffen.
 
Demographische Prognosen sollen den wenig populären FTE-Abbau relativieren. Denn die Autoren rechnen vor, im Zeitraum 2025 bis 2035 würden mehr SBB-Mitarbeitende pensioniert als FTEs wegfallen. Ergo könne ein allfälliger Stellenabbau "im Grundsatz" über Pensionierungen und natürliche Fluktuation "abgefedert" werden.
 
Gleichzeitig gebe es viele "frei werdende Kapazitäten", sagen die Autoren und relativieren weiter: "Bezüglich der frei werdenden Kapazitäten durch Automatisierung und Erweiterung handelt es sich jeweils um auf mehrere Personen verteilte Tätigkeiten und nicht um ganze Stellen."
 
Die Digitalisierung könnte gar zu einem Wachstum führen, ein theoretisches Plus von maximal 6600 FTES mit neuen Berufsprofilen ist für sie vorstellbar. Es ist dennoch anzunehmen, dass es Auto­matisierungs­opfer geben wird, wenn Aufgaben oder ganze Stellen beispielsweise in der Montage und der Beschaffung wegfallen. Gesucht seien von der SBB nämlich künftig vor allem IT-Know-how (Software, Infrastruktur, Security etc.) und Data Science (Data Analysten, Data Ingenieure).
 
Umschulung dürfte dabei nicht für jeden Mitarbeiter möglich sein. Aber dazu sagt die Studien­zusammenfassung wenig bis nichts. So ist nicht nachzuvollziehen, ob und wie ab 2025 SBB-Mitarbeiter, ihre Aufgaben, Pensionierungs­daten und die erwünschten Skills zusammenpassen sollen.
 
Ein Beispiel: Es werden sehr viele Lokführer
Grafik: Studie der SBB
in diesem Zeitraum pensioniert. Aber werden sie 2025 bis 2035 durch Menschen ersetzt oder zumindest teilweise durch selbstfahrende Züge? Die SBB-Strategie ist nicht bekannt, jedoch weiss man von aktuellen Experimenten der Südostbahn mit "selbstfahrenden" Zügen.
 
Wie die SBB die Digitalisierung meistern könne
Das Jahr 2025 beginnt schon ziemlich bald. So schlagen die Autoren vor, in welchen Bereichen Massnahmen zu definieren sind. Ein Bereich ist übertitelt mit "Kompetenzen erhalten, weiterbilden und entwickeln". Dabei geht es um Bahnberufe, aber auch um das Technologieverständnis der Angestellten.
 
Ein zweites Massnahmenpaket umfassst "Technologien und Belegschaft aktiv planen und steuern". Im Klartext: einen möglichen Mangel an qualifizierten Leuten mit kluger Technologiewahl und mit Umschulungen abfedern.
 
Aber auch kulturelle und hierarchische Aspekte seien anzupacken: Teamarbeit statt Linienfunktionen sei künftig gefragt. Und Vorgesetzte müssten an den Punkt kommen, dass sie die Digitalisierung und deren Folgen verstehen und vermitteln können, so ein dritter Punkt.
 
Nicht zuletzt empfiehlt die Studie dem Staatsbetrieb, arbeitsrechtliche Massnahmen zu beachten. Das bedeute den vertraglich zugesicherten Zugang zu Aus- und Weiterbildung oder den flexiblen Umgang mit neuen Anstellungsformen.
 
Als Basis allen Tuns empfehlen die Autoren: "Durch das Zusammenwirken von Unternehmen, Führungskräften, Mitarbeitenden und Sozialpartnern kann die Digitalisierung mit all ihren Chancen und Herausforderungen gemeistert werden."
 
Zusammenwirken? Das mag banal klingen, aber wird in der Praxis anspruchsvoll umzusetzen sein für alle Beteiligten. Und es zeigt, wie inhaltsleer Vergleiche wie "die industrielle Revolution war positiv für alle" eigentlich sind.
 
Die Prognosen gelten auch nicht nur für die SBB, halten die Autoren ebenfalls fest: "Volkswirtschaftlich betrachtet ist die Gesamtzahl der Arbeitsplätze in der Schweiz durch die Digitalisierung grundsätzlich nicht gefährdet. Jedoch sind wesentliche Verschiebungen in Art und Ausprägung der Arbeitsplätze zu erwarten."
 
Die Studie konsolidiert laut den Autoren Erkenntnisse aus 75 relevanten wissenschaftlichen Studien und rund 20 Experteninterviews zu den Themen Digitalisierung, Mobilität und Veränderungen in der Arbeitswelt. Diese seien ergänzt worden mit Informationen der SBB. (mag)