Scandit und das IoT: "Hey Stuhl, wer bist du?"

Scandit-CEO Samuel Müller
Das Zürcher Startup Scandit ist ein Unicorn-Anwärter mit grossen Plänen. CEO Samuel Müller erläutert im Gespräch mit inside-channels.ch Strategie und Geschichte des jungen Unternehmens.
 
Scandit wird als eines von nur neun Schweizer Startups mit Aussicht auf eine Marktbewertung von über einer Milliarde Dollar gehandelt. Erst im Juni 2018 konnte der Spezialist für Scanning-Lösungen in einer Finanzierungsrunde 30 Millionen Dollar einsammeln. Mittlerweile beschäftigt das 2009 gegründete Unternehmen rund 200 Personen.
 
Der Hauptsitz von Scandit liegt einen Steinwurf vom Zürcher Technopark entfernt. Hier in der sechsten Etage eines repräsentativen Baus mit Ausblick über das Industriequartier empfängt uns Mitgründer und CEO Samuel Müller zum Gespräch. Der Informatiker und Finanzökonom mit ETH-Doktortitel ist bei Scandit zuständig für die strategische Ausrichtung, das Marketing, den Vertrieb und die Geschäftsentwicklung. Müller war unter anderem im Research Lab von IBM in Rüschlikon tätig, bevor er sich vor zehn Jahren mit zwei Kollegen selbständig machte.
 
Den drei ETH-Absolventen ging es damals im Prinzip darum, Alltagsgegenstände interaktiv zu machen, wie Müller im Gespräch unterstreicht. "'Hey Stuhl, wer bist du?', müsste man doch fragen können," lacht er, "es sollte eine Lösung geben, damit man nicht immer zuerst den Computer einschalten muss, um nach einem Produkt zu suchen. Die Alltagsgegenstände selbst sollten smart werden."
 
Diese Idee trieb das Scandit-Gründerteam bereits 2005 um, als der Begriff Internet-of-Things noch praktisch Niemandem etwas sagte und das berühmte Nokia 3310 gerade mal 5-jährig war. Damals starteten sie mit aktuellen Nokia-Geräten und dem Ziel mit einem beliebigen Device – das für ganz andere Zwecke entwickelt wurde – Barcodes lesbar zu machen.
 
Es geht also einfach darum, Barcodes lesbar zu machen? Auf die etwas provokante Frage entgegnet Müller: "Was wir alles machen, ist wie ein Eisberg: viel mehr, als man auf den ersten Blick sieht."
 
Tatsächlich ist das Portfolio gross und der technische Hintergrund komplex. Scandit bietet Lösungen auf vier Layern: Zuoberst sind Interface und Interaction aber auch Augmented Reality angesiedelt. Darunter liegen die Ebenen der technologischen Bilderkennung und der Integration etwa in iOS und Android. Und schliesslich bietet Scandit auch eine Analytics-Plattform zum Management und der Verbesserung von Scan-Vorgängen.
 
Starkes Wachstum, globale Expansion und grosses Selbstvertrauen
Scandit arbeitet also an vielen Themen und sieht entsprechendes Potential. Zurecht, vermuten Investoren, und verpassten dem Startup kürzlich den Titel "Unicorn-Anwärter".
 
Natürlich gab es auf dem Weg zum heutigen Erfolg manche Hindernisse und harte Jahre, sagt Müller im Rückblick. Doch zur Zeit geht es schnell bei Scandit: 2017 gab es bei Scandit etwa 50 Mitarbeiter im Unternehmen. Heute sind in den Büros in Zürich, den USA sowie einigen europäischen Standorten rund 200 Personen angestellt, die Hälfte davon in der Entwicklung. Etwa 100 Personen arbeiten in der Schweiz, wie Müller unterstreicht.
 
Nach der grossen Finanzierungsrunde letztes Jahr ging das Unternehmen an die weitere Expansion: Neu unterhält man im finnischen Tampere einen Entwicklungsstandort – und findet damit ein wenig zu Nokia zurück, auf dessen damaligen Handys mit Kamerafunktion man die erste Scandit-Lösung implementierte. Der Ort gilt als Mekka für Kameratechnologie und war früher Hauptsitz des finnischen Telco-Konzerns.
 
Es läuft also rund für Scandit: Über Umsätze und Zahlen spricht Müller aber nicht und erklärt auf Nachhaken lediglich: Man sei dank dem einmaligen Offering "auf jeden Fall stark und schnell wachsend – in allen Bereichen und Industrien". Neben der geographischen Expansion wurde mit dem Geld aus der letzten Finanzierungsrunde in die Produkteentwicklung investiert.
 
Und Müller gibt sich selbstbewusst: Mitbewerber müsse Scandit nur bedingt fürchten, denn die Anbieter der dedizierten Scan-Hardwarelösungen kämpften mit verschiedensten Nachteilen wie etwa hohen Kosten und Inflexibilität. Auch andere Smartphone-Scanner-Applikationen seien nur bedingt Konkurrenz, denn deren Angebotsportfolio sei nicht so breit wie jenes von Scandit, sagt der CEO. Das hauseigene Angebot umfasse neben der Bereitstellung der Technologie zum Scanning und zur Identifikation auch diverse Zusatzfunktionen.
 
Und auch technisch sieht Müller Scandits Lösung auf der Pole Position: So betont er unter anderem, dass die Bilderkennungsverfahren von Scandit nicht über die Cloud laufen, sondern die Berechnungen direkt auf dem jeweiligen Smartphone ausgeführt werden. Dadurch könne die Software Gegenstände innerhalb von Millisekunden erkennen.
 
"Bei einer Schwenkaufnahme über ein Ladenregal sind rund 30 Frames pro Sekunde nötig. Unsere Algorithmen können dabei in praktisch jedem Frame einen Gegenstand erkennen und im Bild verfolgen. Mit cloudbasierten Lösungen ist so etwas heute nicht möglich, die Latenz ist einfach viel zu gross", erklärt Müller. Dazu kommt die Schwierigkeit der Netzabdeckung – deshalb wäre eine Abwicklung über die Cloud ohne Experience-Einbusse aktuell gar nicht möglich.
 
Die Zukunft vom ERP bis zum Drohnen-Scan
So schweigsam wie man sich bei Scandit in Sachen Zahlen gibt, so gerne nennt man an der Zürcher Förrlibuckstrasse grosse Kunden. Müller zählt allein für die Schweiz unter anderem Ex Libris, Migros, die SBB, die Zürcher Kantonalbank, Twint und Coop auf.
 
Am Beispiel des Retailhandels illustriert Müller das Business-Potential: Coop wickle in entsprechend ausgerüsteten Läden bereits bis 25 Prozent des Retail-Umsatzes mit den verschiedensten Scanning-Lösungen ab – dazu zählt allerdings auch das Self Checkout an den fest installierten Kassen. "Dieser Anteil wird in Zukunft noch deutlich steigen", ist Müller sicher. Und Coop nutzt dazu in seinen Apps Scandits Scan-Technologie, für die der Scandit-CEO beim Handels-Riesen entsprechend eine grosse Zukunft sieht.
 
Neben dem Direktvertrieb vertreibt und integriert Scandit seine Lösungen auch zusammen mit Partnern, wie zum Beispiel Apple, Samsung oder Abacus und SAP. Für ERP-Anbieter werde es immer wichtiger, zusätzliche Funktionalitäten und Anbindungen anbieten zu können, sagt Müller. "Scandit ist quasi das visuelle Interface zu einem solchem System, wir machen Input und Output über mobile Geräte möglich".
 
Zukunftspläne hat Scandit gemäss Müller viele, aber der Fokus richte sich darauf, jene Prozesse, die heute bereits existieren, noch viel stärker abzudecken und smarter zu machen. Als Beispiel nennt er den Detailhandel und die vielzähligen Scanprozesse, die für Mitarbeitende einfacher und weniger zeitaufwändig werden sollen.
 
In der Zukunft soll beispielsweise ein ganzes Regal auf einmal gescannt werden können – oder eine Drohne oder ein Roboter soll dies übernehmen. Aber auch beim Thema Wearables und Augmented Reality sieht Müller viel Potential – da wird in den nächsten Jahren einiges passieren, ist er sicher. (Nina Fehr / Thomas Schwendener)