Ist Libra schon tot vor dem Launch?

Wäre die Krypto-Währung Libra ein Fussball-Team, so würden selbst Fans vom drohenden "Auseinanderbrechen" der Mannschaft kurz vor Matchbeginn sprechen. Zu dieser Prognose kann man kommen, da nicht nur Paypal das Libra-Konsortium verlässt, sondern mehrere weitere angekündigte Gründungspartner: Mastercard, Visa, Ebay und der Payment-Provider Stripe sowie der lateinamerikanische Zahlungsriese Mercardo Pago wollen plötzlich nichts mehr direkt mit Libra zu tun haben. Unisono schwadronieren sie, es sei ein "interessantes Projekt" und "zu einem späteren Zeitpunkt". Irgendwann dann vielleicht, "wenn das Regulatorische geklärt ist", denn "Blockchain ist sehr vielversprechend."
 
Zudem haben US-Senatoren am 8. Oktober Warnbriefe vor Libra an Stripe, Mastercard und Visa gesandt (PDF).
 
Ausser dem holländischen Payment-Startup PayU haben damit alle angekündigten Zahlungsanbieter als Mitglieder der Libra Association die Reissleine gezogen. Und dies wenige Stunden vor der formellen Gründungsversammlung der Vereinigung. Der US-Finanzminister Steven Mnuchin sagte Journalisten laut 'CNBC', die Libra-Unterstützer seien ausgeschieden, weil das Projekt "nicht bereit" sei, die gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen.
 
Die ersten Unkenrufer sehen denn bereits das Ende von Libra nahen.
 
Naturgemäss ganz anders sieht das Libra-Chef David Marcus. Via Twitter dankt der Schweizer insbesondere Visa und Mastercard, "bis zur elften Stunde dabei gewesen zu sein" und schreibt, der Partnerverlust sei "in einem gewissen Sinne befreiend". Was das heissen soll, führt Marcus nicht aus. Glaubt der Libra-Chef ernsthaft, Facebook könne Libra mit einem holländischen Payment-Startup, ein oder zwei Telcos sowie mit Spotify und Uber etablieren?
 
Jedenfalls scheint ihn der Korb der Payment-Giganten auf dem falschen Fuss zu erwischen. Noch am 2. Oktober twitterte Marcus, ihm seien keine Firmen bekannt, die ausscheiden wollten.
 
Die Krypto-Währungs-Evangelisten unter seinen Twitter-Followern hyperventilieren derweilen. Libra solle jetzt auf Bitcoin setzen, "statt das Rad neu zu erfinden" oder, so die andere lautstarke Fraktion, Facebook solle bei Libra aussteigen.
 
Gleich sechs von 28 Gründungspartnern in einer Woche weg, dies ist bloss eine schlechte News für Facebook und Libra. Denn auch personell gibt es einen relevanten Abgang zu melden: Simon Morris, Head of Product der Libra Association, ist nach knapp fünf Monaten "Libra-Laufbahn" schon wieder weg. Dies entdeckte der 'Coin Telegraph' mit Verweis auf das LinkedIn-Profil des BitTorrent-Veterans. Aber freie Pulte sind kein Problem für Libra, der Genfer Hauptsitz besteht offenbar erst aus einem Abo eines Co-Working-Spaces .
 
Ein grösseres Problem ist, dass es Facebook bislang nicht schafft, seine Idee "Libra" als Facebook-unabhängiges Projekt zu verkaufen. Genau dies soll nun Mark Zuckerberg dem US-Kongress bald persönlich näherbringen. Er ist am 23. Oktober vorgeladen für ein Hearing vor dem US-Committee on Financial Services (auch "House Banking Committee" genannt).
 
"Mark freut sich darauf, vor dem House Committee on Financial Services auszusagen und auf Fragen der Gesetzgeber zu antworten", schreibt Facebook in einer Erklärung. In den letzten US-Hearings zu Datenschutz und Privatsphäre kam Zuckerberg nicht ins Schwitzen oder Stottern. Damals lag es am Unwissen der fragenden Volksvertreter und ihrem unbändigen Willen zur endlosen Selbstdarstellung.
 
G7 warnen vor neun Risiken
Diesmal könnte es anders sein. Von Zahlungsverkehr und Geldwäsche verstehen die Regulatoren mehr als von Geo-Tracking und APIs. Einflussreiche Skeptiker betrachten Libra als potentielle Gefahr für den Euro, die staatliche Hohheit, die nationale Sicherheit und sehen Risiken für die Geldpolitik der Notenbanken.
 
Der neueste Schlag kommt von den G7: Die Kryptowährung darf nicht eingeführt werden, bis Facebook/Libra beweist, dass sie sicher und geschützt ist, heisst es in einem neuen Bericht der G7, den 'BBC' einsehen konnte. Die grössten Volkswirtschaften warnen im Berichtsentwurf, Kryptowährungen wie Libra stellten ein Risiko für das globale Finanzsystem dar.
 
Der Berichtsentwurf beschreibt neun Hauptrisiken, die von solchen digitalen Währungen ausgehen. Die G7 warnen, dass selbst wenn die Geldgeber von Libra die G7-Bedenken beseitigen können, das Projekt möglicherweise trotzdem nicht bewilligt wird.
 
Facebook und die Libra Association lehnten eine Stellungnahme zum G7-Bericht ab. Die Libra Association soll sich heute Montag in Genf treffen und das Aufsichtsgremium wählen. (mag)