Weltes Welt: Libra und die Hydra

Was die Kryptowährung mit der mythologischen Figur Hydra zu tun haben könnte, zeigt Kolumnist Beat Welte.
 
Der Handelskrieg zwischen den USA und China beherrscht seit Monaten die Schlagzeilen. Und verdeckt den Blick auf einen ungleich wichtigeren Krieg: denjenigen um die Weltleitwährung. Der Gewinner in diesem Krieg steht noch nicht fest – der Verlierer aber schon: die USA.
 
Seit Monaten ist Washington auch an dieser Front vor allem defensiv-destruktiv unterwegs. Im Trump-Land kapriziert man sich vor allem darauf, die von Facebook geplante Krypto-Währung Libra zu sabotieren. "Ist Libra schon tot vor dem Launch", fragt sich inside-it.ch vor einigen Tagen völlig zu Recht. Dabei geht es den USA nicht wie vielfach spekuliert darum, dem ungeliebten Facebook-Chef und "Libra-Vater" Mark Zuckerberg ans Schienbein zu treten. Die geostrategische Bedeutung wird deutlich aus einem Brief, den das US-Repräsentantenhaus am 2. Juli dieses Jahres an Facebook geschrieben hat: Das Unternehmen möge das Projekt fallen lassen, hiess es da in verblüffender Offenheit, weil damit die US-Geldpolitik und der Dollar konkurrenziert würden.
 
Seit dem Zweiten Weltkrieg hat der Dollar das britische Pfund als Weltleitwährung abgelöst. Ein Grossteil der Währungsreserven wird heute in Dollar gehalten und der grenzüberschreitende Handel wird überwiegend in Dollar abgewickelt. Diese Vormachtstellung hat den USA soviel Vorteile und Reichtum gebracht, dass schon früh dagegen angekämpft wurde: Bereits 1965 (!) wollte der französische Präsident Charles de Gaulle die Vormachtstellung des Dollars untergraben – natürlich völlig erfolglos. Ganz im Gegenteil: 1973 wurde die Swift (Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication) als Genossenschaft gegründet, die sämtliche grenzüberschreitenden Zahlungen regelt. Zwar ist die Swift im Prinzip unabhängig, Swift-Transaktionen sind geschützt und alle Mitglieder gleichberechtigt. Nur sind einige Mitglieder wie bei Orwell gleicher als die anderen, und über die Jahrzehnte wurde immer wieder kolportiert, dass die USA bei Swift mitlesen – und auch die Muskeln spielen lassen, wenn es darum geht, missliebige Länder, wie kürzlich den Iran, vom Swift-Verkehr auszuschliessen.
 
Die Trump-Regierung hat mithin alles Interesse daran, den Status quo zu erhalten. Und China hat umgekehrt alles Interesse daran, das zu ändern: die bald grösste Wirtschaftsmacht der Welt will auch währungstechnisch den Ton angeben. Seit 2014 arbeitet das Regime an einer staatlichen "Krypto-Währung", welche die physische Währung Yuan ablösen soll. Gemäss Aussagen der People’s Bank of China steht diese Krypto-Währung unmittelbar vor dem Start. Bei Erfolg würde nicht nur die Vormachtstellung des Dollars untergraben, sondern auch die Swift als zentrale Schaltstelle internationaler Transaktionen umgangen. Nach dem niederländischen Gulden, dem britischen Pfund und schliesslich dem US-Dollar könnte das Digitalgeld "made in China" die globale Führungsrolle übernehmen.
 
Noch ist unklar, ob sich die Chinesen wirklich durchsetzen können. Denn es spricht vieles dafür, dass die "Krypto-Währung" nicht so ganz "krypto" sein wird, sondern für das Regime in Peking vielmehr ein weiteres mächtiges Instrument, Geldströme und damit die eigene Bevölkerung (und den Rest der Welt) zu überwachen. Das allein dürfte gerade auf den sensibilisierten Westen stark abschreckend wirken, und auch die USA werden sich wohl bald auf China einschiessen. Nur spricht auch vieles dafür, dass wie bei der mythologischen Hydra der Versuch der Eindämmung zu einer weiteren Eskalation führen wird: Immerhin ist sogar die konservative Schweizerische Nationalbank ins Rennen um das "digitale Zentralbankengeld" eingestiegen. Und sie wird nicht die letzte sein. Die USA können diesen Krieg gegen den Rest der Welt nicht gewinnen. (Beat Welte)
 
Beat Welte war über 25 Jahre in führenden Positionen bei verschiedenen grossen und kleinen IT-Unternehmen tätig. Er arbeitet heute selbständig als Strategie- und Kommunikationsberater – und ist kritischer Beobachter der IT-Branche. Für inside-it.ch und inside-channels.ch kommentiert er monatlich Marktveränderungen, bedeutsame Trends und Ankündigungen.