Wie sich ABB zum Digitalisierungs-Konzern wandeln will

Neuer CEO, eine Reorganisation, eine neue Roboter-Fabrik und eine Cyber-Security-Allianz sollen das Wachstum von ABB ermöglichen.
 
ABB befindet sich in einer spannenden Zwischenphase, seit im vergangenen Dezember nichts weniger als ein neues Zeitalter für das Unternehmen angekündigt worden war. Es sieht sein Heil nun in der Digitalisierung.
 
Der Neustart umfasst insgesamt drei fundamentale Schritte.
 
Einerseits wird das Geschäftsmodell durch die Auflösung der bisherigen Matrixstruktur vereinfacht und die Divisionen erhalten mehr Autonomie, während andererseits der rückwärtige Bereich am Konzernsitz in Oerlikon verkleinert wird. Zudem stellte ABB die Divisionen einmal mehr um, neu umfassen diese Elektrifizierung, Industrieautomation, Antriebe sowie Robotik & Fertigungsautomation.
 
Der wohl wichtigste Punkt ist die strategische Neuausrichtung. Nach dem Verkauf der Stromnetzsparte im Dezember 2018 soll der Fokus künftig hauptsächlich auf die digitale Industrialisierung gelegt werden. Der damalige CEO Ulrich Spiesshofer proklamierte euphorisch "ein neues Kapitel in der Geschichte von ABB". Der Konzern hat beim angestrebten Wandel vom Investitionsgüter-Hersteller zu einem High-Tech-Unternehmen die Digitalisierung explizit als Schlüssel hervorgehoben. Praktisch in jeder Medienmitteilung wird seither auf die Kompetenzen bei der Digitalisierung der Prozesse verwiesen, welche unter dem Label "ABB Ability" zusammengefasst sind. Diese digitale Plattform findet spartenübergreifend in allen vier Divisionen Anwendung und verfügt seit kurzem über eine eigene Corporate Website.
 
Dabei steht das industrielle Internet der Dinge (IoT) aus der Cloud im Fokus des Interesses. Die grossen Hoffnungen von ABB liegen in den Geschäftsfeldern Automation und Robotik. Für den Betrieb von Industrie- oder auch Service-Robotern sind digitale Prozesse besonders wichtig. Allerdings ist derzeit das Marktumfeld für Industrieroboter ungünstig. Der Sektor leidet unter der Schwäche der Automobilindustrie, dem Handelsstreit zwischen den USA und China sowie dem anhaltenden Preisdruck seitens der Konkurrenz aus Asien.
 
So hat nicht nur ABB zuletzt mit der Division Robotik & Fertigungsautomation einen empfindlichen Rückgang beim Auftragseingang erlitten, sondern auch beispielsweise der deutsche Konkurrent Kuka. Gemäss dem internationalen Verband für Robotik dürfte die Zahl der neu installierten Roboter im laufenden Jahr erstmals seit 2012 stagnieren. Allerdings prognostiziert der Verband gleichzeitig für die darauffolgenden drei Jahre ein Wachstum von durchschnittlich 12 Prozent.
 
Auch ABB zeigt sich diesbezüglich nicht pessimistisch für die Zukunft und will an diesem Wachstum teilhaben. Dies zeigt unter anderem die Investition von rund 150 Millionen US-Dollar in eine Roboterfabrik in China. Die "Fabrik der Zukunft" wird in Shanghai in der Nähe des bereits bestehenden Robotik-Campus gebaut. Mittels Automatisierung und der Kombination von verschiedenen Technologien sollen dort Roboter neue Roboter herstellen.
 
Ob ABB mit der neuen Strategie zu Wachstum und höheren Margen zurückfindet, bleibt abzuwarten. Die Konkurrenz ist gross und dass Maschinen permanent überwacht werden, ist heute Standard.
 
Lukratives Geschäftsfeld Cyber-Security?
Weitere wichtige Digitalisierungs-Themen bei ABB sind die Stabilität der Stromversorgung oder die Daten-Sicherheit. Dass das Thema Security akut ist, zeigt sich darin, dass ABB kürzlich eine globale Allianz für Cybersicherheit mitbegründet hat, die "Operational Technology Cyber Security Alliance" (OTCSA).
 
Die OTCSA zählt laut Website aktuell zwölf Mitglieder, neben ABB ist das der Industriekonzern Wärtsilä, zudem einige Security-Firmen wie Check Point sowie Splunk. Die Büroadresse der Vereinigung ist identisch mit einem Tessiner Standort von ABB.
 
Guido Jouret, der Chef der digitalen Aktivitäten von ABB, berief sich in diesem Zusammenhang in einem Interview mit der Agentur 'AWP' auf ein Zitat: "Es gibt nur zwei Arten von Firmen, solche die gehackt wurden und solche, die es nicht gemerkt haben." Eine Cyberattacke müsse aber nicht zwingend von ausserhalb der Firma kommen, so Jouret. "Ebenso kann ein Laptop eines Mitarbeiters von einer bösartigen Software befallen sein. Niemand ist immun dagegen."
 
Wie viel an ABB ist schon digital und wie viel noch "Old Economy"? Dazu meinte Jouret: "Das ist schwierig zu bemessen, denn schliesslich gibt es seit rund fünf Jahrzehnten digitale Technik. Wir bekommen mittlerweile rund 45 Prozent der Aufträge für Produkte, die mit der digitalen Transformation zusammenhängen. Das sagt aber noch nicht viel über den effektiven Wert der digitalen Lösungen aus."
 
Matchentscheidend für die Zukunft wird wohl sein, ob ABB die verschiedenen Baustellen zu einem guten Abschluss bringt und wie das Unternehmen künftig mit seinen Produkten und digitalen Lösungen im Vergleich zur Konkurrenz abschneidet.
 
Erschwerend beim Umbau von ABB kommt hinzu, dass der neue CEO Björn Rosengren seine Tätigkeit erst im kommenden Frühjahr aufnimmt. Peter Voser, VR-Präsident und derzeit noch interimistischer CEO, hatte bei der Ernennung von Rosengren zwar betont, dass dieser die eingeschlagene Strategie mittragen werde, dennoch wird Rosengren auch eigene Ideen in den Konzern einbringen wollen. Bis die Neuausrichtung Früchte trägt, braucht es also noch Geduld. (Keystone-sda/Charlie Fehrenbach, AWP/mag)