So will Berners-Lee das Internet retten

Der WWW-Begründer stellt einen Gesellschaftsvertrag für Regierungen, Unternehmen und Nutzer vor. Erste mächtige Unterstützer gibt es.
 
Tim Berners-Lee, Begründer des World Wide Web, hat auf dem Internet Governance Forum (IGF) in Berlin seinen Gesellschaftsvertrag für das Internet offiziell lanciert und Regeln vorgestellt, die seine Erfindung vor dem Untergang bewahren sollen. Der 64-jährige Engländer macht sich schon länger Sorgen um das WWW und kündigte vor einem Jahr an, mit einem Vertrag Freiheit, Offenheit und Privatsphäre ins Web zurückbringen zu wollen.
 
Der "Contract for the Web" sei der erste "global plan of action to build the WebWeWant", schreibt Berners-Lee auf Twitter. Der Vertrag richtet sich mit jeweils drei Regeln an Regierungen, Unternehmen und die Nutzer. "Die Herausforderungen sind so gross und komplex, dass wir es nur zusammen schaffen können", sagte Berners-Lee in Berlin. "Wir müssen alles in Frage stellen und neu denken: Gesetze, Regulierung, Technologien und menschliches Verhalten."
 
Das Internet habe wissenschaftlichen Fortschritt ermöglicht und Milliarden von Menschen vernetzt und ihnen eine Stimme gegeben. Aber seine Schöpfung beinhalte auch grosse Gefahren, erklärte Berners-Lee: "Wenn wir jetzt nicht handeln, dann droht, das Potenzial ins Gegenteil umgeschlagen. Dann spaltet das Netz, statt Menschen zu verbinden, dann riskieren wir eine digitale Dystopie."
 
Internet soll für alle erreichbar und bezahlbar sein
An der Aufsetzung des Vertrags waren Tech-Firmen, Regierungen und weitere Organisationen beteiligt. Sie haben 76 Klauseln ausgearbeitet, welche die neun Hauptprinzipien im Detail ergänzen.
 
Für Regierungen gelten folgende drei Prinzipien: "Sicherstellen, dass jeder Zugang zum Internet erhalten kann." Die zweite Regel richtet sich gegen Netzsperren: "Halten Sie das gesamte Internet verfügbar, jederzeit und überall." Drittens: "Respektieren und schützen Sie die grundlegenden Datenschutz- und Datenrechte der Menschen."
 
Unternehmen werden im Vertrag verpflichtet, "das Internet für alle Gruppen erreichbar und bezahlbar zu machen, so dass niemand davon ausgeschlossen wird". Sie sollen weiter die Privatsphäre und Menschenrechte respektieren und schützen. Regel 6 verlangt von den Unternehmen, offene Technologien zu entwickeln, die den Nutzer ins Zentrum stellen, und offene Standards sowie die Maximierung der Zugänglichkeit zu fördern.
 
Von den Nutzern schliesslich wird verlangt, dass sie "Schöpfer und Mitarbeiter im Netz sind, indem sie aktiv an der Gestaltung des Internets teilnehmen". Sie sollen "starke Gemeinschaften aufbauen, die den zivilen Diskurs und die Menschenwürde respektieren", und nach Regel 9 für das Internet kämpfen, "damit es offen und eine globale öffentliche Ressource für die Menschen überall, jetzt und in der Zukunft bleibt".
 
In seinem Vertrag sieht der MIT-Professor und Direktor des World Wide Web Consortium (W3C) Berners-Lee einen "Fahrplan für den Aufbau eines besseren Internets". Derzeit arbeite die ebenfalls von Berners-Lee gegründete World Wide Web Foundation gemeinsam mit Partnern an Tools, die den aktuellen Fortschritt bei der Umsetzung der Prinzipien messen sollen.
 
Deutschland, Google und Facebook haben unterzeichnet
Bis jetzt haben die Regierungen von Deutschland, Frankreich und Ghana den Vertrag unterzeichnet, dazu Firmen wie Google, Facebook, Microsoft, DuckDuckGo, Cloudfare, GitHub und Organisationen wie die Electronic Frontier Foundation oder The New Now. Von den Unterzeichnern werde erwartet, dass sie die Grundsätze einhalten, Fortschritte in Bezug auf diese vorweisen und diese veröffentlichen und darüber berichten.
 
"In einem Jahr wollen wir sehen, dass viel mehr Unternehmen diese Kontrollfelder tatsächlich eingerichtet haben", sagte Emily Sharpe, Policy Director der Web Foundation, gegenüber 'ZDNet'. "Wir machen uns keine Illusionen, dass es über Nacht passieren wird, aber wir erwarten, dass innerhalb von ein oder zwei Jahren bedeutende Fortschritte erzielt werden, und wir werden weiterhin auf die folgenden Jahre drängen." Man befinde sich an einem Wendepunkt: "Es ist nicht zu spät. Es kann nicht zu spät sein – wir müssen etwas unternehmen." (paz)