Wissenschafter überprüfen 50 Mythen zum Internet

Angst vor dem Tod der Privatsphäre oder Cyber-Attacken? Blockchain als heiliger Gral? Alles Übertreibungen, alles Behauptungen, alles Mythen, schreiben Forscher.
 
Im Rahmen des Internet Governance Forum (IGF) der Uno haben unabhängige Wissenschafter aus aller Welt 50 Mythen rund um das Internet genauer unter die Lupe genommen.
 
Unter dem Titel "50 Internet-Mythen auf dem Prüfstand" äussern sie sich zu Security und Regulation, aber auch zu Technologien, Daten und zum Journalismus von heute.
 
Eine Auswahl ihrer Analysen und Folgerungen:
 
Zum Mythos "die Privatsphäre ist tot" heisst es da: "Richtig ist, dass das Private dank des Internets, Big-Data-Technologien und der Verbreitung von Smartphones und des Internets der Dinge heute kommerzialisiert, verkauft, gehandelt, ausgebeutet, vernachlässigt und aufgegeben wird." Solche Anstrengungen habe es schon früher gegeben, schreiben die Autoren und verweisen auf Texte von 1874 oder 1909. Hingegen sei der Wunsch nach Privatsphäre auch heute vorhanden und der Schutz werde zwar komplizierter, aber Menschen würden Privates nicht freiwillig aufgeben. Ihr Fazit: "Sowohl im Alltag als auch in der Wissenschaft erlebt das Private eine Renaissance als gesellschaftliche Praxis und als politischer Wert."
 
Aus Branchen-Sicht bemerkenswert ist der Mythos, der mit der Unglückszahl oder Glückszahl 13 nummeriert wurde: "Drastische Verbesserungen der Cybersicherheit sind dringend erforderlich". Zwar würden reale Cyberrisiken existieren und die Risiken steigen. Aber diese "unterscheiden sich nicht wesentlich von den Bedrohungen in der physischen Welt und sind auf ähnliche Weise beherrschbar", postulieren die Autoren. Man müsse weder das Internet, noch alle anderen Informationssysteme von Grund auf neu denken oder neu bauen.
 
Beherrschbar würden sie mit technologischen Mitteln (2-Faktor-Authentifizierung, Backups, Recocvery-Lösungen) und einem Risikomanagement, das den Namen verdient. Gibt es absolute Sicherheit? Nein, so die Autoren, und das auch kein sinnvolles Ziel. Sie widersprechen den Skeptikern und sagen, ein für alle angemessenes Sicherheits-Niveau sei "wahrscheinlich" möglich.
 
Auch bei den zu erwartenden Schäden solle man nicht übertreiben: "In der Vergangenheit waren die Schäden aufgrund mangelnder Cybersicherheit noch hinnehmbar und in der Regel geringer als die Schäden durch andere Formen von Kriminalität, Naturkatastrophen sowie unbeabsichtigte Bugs oder Bedienfehler".
 
Auch dem Hype-Thema der Tech-Gegenwart schlechthin widmen sich Wissenschafter und sie sagen klipp und klar: "Blockchains lösen all unsere Probleme" sei ein Mythos, nicht mehr und nicht weniger. Unveränderliche Daten hin, Vertrauensfragen her, Blockchain löse nur wenige, spezifische Probleme und auch diese nicht befriedigend. "Die dem Bitcoin zugrunde liegenden Konzepte sind für Gruppen von Peers interessant, die gemeinsam ein Ereignisprotokoll unterhalten möchten, sich aber nicht auf eine einzige Entität einigen können, um die Logeinträge zu ordnen. Ausserhalb dieses engen Rahmens schneiden Blockchain-basierte Systeme in der Regel (in Bezug auf Durchsatz, Latenz und Kosten) schlechter ab als bestehende und einfachere Ansätze", so das Fazit.
 
Unser Lieblingsmythos trägt die Nummer 26 und lautet "heutzutage sind wir alle Journalist*innen und Berichterstatter*innen". Es gebe viele Gründe, die Aussage zu hinterfragen, dass das Internet den Journalismus demokratisiert habe, so der Autor. Es sei nichts als ein Mythos, also eine Behauptung. All den Blog-Autoren, Evangelists, Influencern, YouTubern und selbsternannten Grassroots-Journalisten fehle nämlich "die Ausbildung, die Fähigkeit zur Verifizierung von Fakten, Möglichkeiten der redaktionellen Überprüfung sowie die Motivation traditioneller Journalist*innen", heisst es da.
 
Die einzelnen Texte sind online verfügbar. (mag)