Darum gingen beim Smart-City-Leuchtturm in Toronto die Lichter aus

28. Juli 2022, 12:39
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Foto: Heatherwick Studio für Sidewalk Labs

Würgen Klimakrise und Datenschutz Smart-City-Ambitionen ab? Ein Debakel wie in Kanada sei in der Schweiz kaum vorstellbar, sagt der Geschäftsführer des hiesigen Smart City Hubs.

2017 startet Toronto ein ambitioniertes Projekt. Mit Quayside sollte die kanadische Stadt eines der ersten Hightech-Stadtviertel bekommen. Die Kosten wurden auf fast 4 Milliarden Dollar geschätzt, dafür hätten flächendeckendes WLAN, Wolkenkratzer aus Holz, Robo-Taxis und -Recycling und beleuchtete Trottoirs das Herz des technikaffinen Stadtbewohners erfreuen sollen. Und natürlich hätte eine Armada an Sensoren und Analytics-Tools den Stadtteil "optimiert". Das Unterfangen war als Leuchtturm-Projekt für die digitale Stadt geplant, es wurde durch die Presse gereicht – auch in der Schweiz.
Inside-it.ch hatte das Projekt in der Planungsphase besucht und festgestellt, dass es vor allem aus viel Werbung bestand und dass der mit der Umsetzung betraute Google-Bereich Sidewalk Labs wenig praktische Erfahrung hatte. Die Urban-Innovation-Abteilung von Google überwarf sich dann auch bald mit den Stadtbehörden. Medienrecherchen zeigten, dass um Steuern aber auch um den Datenschutz gestritten wurde. Die Popularität des einst bejubelten Projekts schmolz dahin, Einwohner Torontos protestierten gegen den drohenden Verlust ihrer Privatsphäre.
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Vom Techprojekt mit Holzhochhäusern...
Im Mai 2020 erklärte Sidewalk Labs schliesslich, Corona habe Quayside das Genick gebrochen, das Hightech-Viertel werde nicht gebaut. Kein Jahr später stellte aber auch die US-Stadt Portland ein Smart-City-Projekt mit Sidewalk Labs ein. Die Gründe laut Stadtverwaltung: Mangelnde Transparenz eines Spinoffs der Google-Abteilung und Querelen um Datenschutz. Die beiden Projekt-Abbrüche zeigen eine Krux von Smart-City-Projekten, in denen sich Tech-Optimismus und die Sorgen von Einwohnern in die Quere kommen können.

Was ist eigentlich eine Smart City?

Im Februar 2022 gab Toronto Pläne für ein neues Bauvorhaben im betreffenden Stadtteil bekannt. 800 erschwingliche Wohnungen, ein grosser Wald, ein neues Kunstzentrum mit Schwerpunkt auf indigene Kultur und klimaneutrale Anlagen sollten nun entstehen. Eine 180-Grad-Wende zum technologischen Ansatz von Sidewalk Labs, die auch für die Probleme der techfixierten Smart-City-Perspektive steht. Um den Verkehr zu verbessern, die Kühlung zu optimieren und Dienste anzubieten, müssen erstmal Unmengen an Daten her. Von den Einwohnern der Stadt. Das führt zu Konflikten.
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...zur grünen Vision mit Digitalaspekten. Foto: Quayside
Im neuen PR-Material von Toronto sind nun weder Drohnen noch autonome Autos zu sehen, sondern viel Grün. "Es ist ein Gemeinwesen, das grossen Wert auf Grünflächen, urbane Landwirtschaft und städtischen Anbau legt", sagte Jennifer Keesmaat, ehemalige Chefplanerin von Toronto, zum Journal 'MIT Technology Review'. Statt um digitale Vernetzung geht es um indigene Kultur, statt um Daten und Sensoren um Bäume und Vögel. Eine Art smarte City soll das Unterfangen dennoch bleiben, bloss sollen nun intelligente soziale und ökologische Nachhaltigkeit im Fokus stehen, statt Technik-PR eines Konzerns wie Google.
Die "intelligente Stadt" in der Schweiz
Auch die Schweiz zählt diverse Smart-City-Projekte, die von zwei Verbänden, dem Smart City Hub und der Smart City Alliance, gefördert werden. In der Allianz sind die Dienstleister organisiert, beim Smart City Hub führen die Städte das Zepter. "Ich habe das Projekt in Toronto verfolgt und bin überhaupt nicht überrascht, dass es abgebrochen werden musste", sagt Benjamin Szemkus, Geschäftsführer des Smart City Hub, zu inside-it.ch. Hierzulande sei ein solches Debakel aber kaum vorstellbar, so Szemkus, in dessen Verband sich zwei Arbeitsgruppen mit sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit befassen. Es gehöre in die DNA der Förderinitiative, dass man die Themen umfassend betrachte und die Partizipation der Einwohner mitdenke.
Mit Zürich und Genf rangieren zwei hiesige Städte in den Top 10 des internationalen "Smart City Index". Beide haben letztes Jahr Einblicke in ihre Projekte gewährt: Ethik, Umweltschutz und Partizipation sollen eine grosse Rolle spielen, hiess es aus dem Welschland. In der Stadt Zürich wurde unter anderem ein Pilot-Projekt für digitale Transparenz aufgegleist. Via QR-Code sollen Passanten sehen können, welche Daten von Sensoren in der Stadt aufgenommen werden.
Die Projekte in Schweizer Städten haben aber eine riesige Bandbreite und reichen vom internen Chatbot bis zur datenbasierten Optimierung. Die Definition einer "Smart City" wird auch hierzulande nicht trennscharf benutzt. "Ich würde den Begriff 'intelligente Stadt' bevorzugen", sagt Szemkus, Smart City sei technologisch überfrachtet. Man habe im Smart City Hub oftmals mit Dienstleistern zu tun, die eine solche Engführung des Begriffs bevorzugen. Sie wollen schliesslich ihre Services und Produkte verkaufen.
Transparenz und Ethik wurde beim Smart City Hub bei zwei Projekten von einer Ad-Hoc-Arbeitsgruppe bearbeitet, sagt Szemkus. Derzeit sei diese nicht mehr aktiv, könne aber jederzeit wieder ins Leben gerufen werden. Die Themen stünden auf jeden Fall auf der Traktandenliste.

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