Ausverkauf im Schweizer Channel?!

22. Dezember 2021, 12:51
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Der BKW-Kauf von UMB war dieses Jahr einer von vielen. Staatsnahe Unternehmen und internationale Financiers sind in Kauflaune. Ein kommentierter Rückblick auf die wichtigsten Channel-Akquisitionen im Jahr 2021 von Chefredaktor Reto Vogt.

UMB galt als Leuchtturm der unabhängigen Reseller und Outsourcer in der Schweiz, flüsterte mir ein Branchenkenner zu. Aber so wie der unabsteigbare FC Aarau irgendwann in die NLB musste, ist jetzt auch der Unkaufbare gekauft. Durch die BKW. Eigentlich habe er keinen Inhaberwechsel geplant, aber die Gespräche mit BKW seien sehr gut gelaufen, kommentierte der bisherige Inhaber und CEO Matthias Keller den Verkauf. BKW verfolge eine nachhaltige Strategie und habe einen guten Weg aufzeigen können. Frei übersetzt heisst das: "Die BKW hat mir einfach so viel Geld geboten, dass ich den Deal unmöglich ablehnen konnte."

Der unabhängige Channel schmilzt wie ein Schneemann in der Sonne

Es ist, Stand heute, 22. Dezember, vermutlich die letzte grosse Akquise des Jahres. Aber es ist heuer bei weitem nicht die Erste. 2021 ist ein Jahr, in dem viele wichtige Player der Schweizer IT-Branche verkauft bzw. gekauft worden sind.
Erst vor wenigen Tagen gab Swisscom die Übernahme der Deutschschweizer Gesellschaften der MTF Gruppe bekannt. Und auch ein zweites staatsnahes Unternehmen bediente sich heuer in der helvetischen Software-Branche. Und dies gleich mehrfach: Nach der Übernahme von Klara im September 2020 durch die Schweizerische Post folgten in diesem Jahr der Cloud-Anbieter Tresorit und der Gemeinde-Softwareanbieter Dialog Verwaltungs-Data unters warme, schützende, gelbe Dach.
Zu reden gab definitiv auch der Verkauf von Appway an den globalen Finanzdienstleister FNZ. Ebenfalls einem Finanzinvestor gehört Base-Net Informatik. Ähnlich erging es Myfactory: Der ERP-Anbieter ist neu in britischen Händen und gehört nun zur globalen Unternehmensgruppe Ferrero. Zu dieser gehören auch Pro-Concept und Abas. Nicht zuletzt fand heuer auch eine Konsolidierung innerhalb der Branche statt. Bossinfo schluckte mit FSS, E-Support und Advis gleich 3 Unternehmen und zählt mittlerweile 300 Mitarbeitende an 8 Standorten in der Deutschschweiz.
Es ist bemerkenswert, dass mittlerweile, Ende 2021, fast alle wichtigen KMU-IT-Dienstleister halbstaatlichen Firmen – Swisscom, BKW, Post, Abraxas – oder Multis – Ricoh, Bechtle, Sharp, Computacenter – gehören.

Konsolidierung in der Branche wird wohl weitergehen

Die aufgezählten Übernahmen sind nur ein kleiner Ausschnitt. Passiert sind viele mehr und sie ergeben auch durchaus Sinn. Durch den Digitalisierungsschub und auch durch die Pandemie sind IT-Unternehmen höchst profitabel. Dies macht sie zu interessante Anlagen für Investoren. Gleichzeitig bringen sie das Know-how mit, das digitalisierungsfernen Betrieben wie eben zum Beispiel der Post fehlt, oder sie liefern zumindest deren Chefs ein entsprechendes Image. Hinzu kommt, dass viele Gründer und Inhaber nicht mehr die Jüngsten sind und sich nach einer Nachfolge umsehen müssen, wie auch schon unser Kolumnist Urs Prantl feststellte.
Letzteres war bei Matthias Keller beim Verkauf seiner UMB an die BKW wohl nicht das entscheidende Argument, da er mit seinen 46 Jahren definitiv noch nicht im entsprechenden Alter ist. Eingegangen ist er den Deal dennoch. Und das ist keine gute Nachricht für den Schweizer IT-Markt, weil die grossen Unternehmen immer mächtiger werden und die kleinen, unabhängigen Firmen immer mehr verschwinden.

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