Corona-Krise und die SW-Industrie: 2021 wird anspruchsvoll

16. Juni 2020, 19:48
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Digital Channels Forum: Auch die Software-Branche muss in der Corona-Krise Federn lassen. Allerdings keineswegs überall. Deutlich ist aber jetzt schon: 2021 wird zur Herausforderung.

Mehr Umsatz, höhere Profitabilität und mehr Mitarbeitende, mit diesen Resultaten hat die Schweizer Software-Industrie das Jahr 2019 abgeschlossen, wie dem Swiss Software Industry Survey des Branchenverbands ICT Switzerland zu entnehmen war. Der Ausblick auf das Jahr 2020 sah noch rosiger aus. Die Umsätze sollten auf über 11% und das Personal sogar um 15% zulegen. Mit der Corona-Pandemie gehören solch Aussichten zum grössten Teil definitiv der Vergangenheit an, wie aus Gesprächen für das Digital Channels Forum 2020 klar wird.
Projekte wurden sistiert oder verschoben und klar ist auch, dass sich die Software-Unternehmen auf ein schwieriges kommendes Jahr vorbereiten. Aber obwohl überall Unsicherheiten beim Ausblick aufs Gesamtjahr 2020 bestehen, wollen zumindest einzelne Software-Anbietern beim Personalausbau keine Abstriche machen.
Wenig verwunderlich sind konkrete Angaben zum laufenden Geschäftsjahr hierzulande kaum zu bekommen. International sieht das anders aus. Die ersten Quartalszahlen dieses Jahres zeigen bei den Konzernen unmissverständlich, dass die Covid-19-Krise gerade die Software-Branche deutlich getroffen hat. Bei IBM kamen im März Software-Transaktionen nahezu über Nacht zum Erliegen und es sollen tausende Stellen gestrichen werden. SAP musste eine bedeutende Zahl von Neuabschlüssen verschieben und konstatiert einen erheblichen Rückgang der Softwarelizenzerlöse und kündigte Sparmassmahmen an. Gelitten hat auch SaaS-Konkurrent Salesforce, der die Jahresprognosen senkte, nachdem der Gewinn geschrumpft war. Und zuletzt teilte der Genfer Banken-Software-Hersteller Temenos mit, dass Umsatz und Gewinn wegen Corona rückläufig seien, weil viele IT-Projekte bei den Banken verschoben worden.

Schweizer Optimismus

Doch kann man das Stöhnen der weltweit tätigen Konzerne einfach auf die Schweiz übertragen? Zweifel sind angebracht. Klar sind auch hierzulande die Auswirkungen der Krise allenthalben spürbar und es verwundert wohl nicht, wenn sich etwa der SAP-Dienstleister Agilita, der Business-Software-Anbieter Sage Schweiz oder das Software-Haus Zühlke unseren Fragen nicht stellen wollen. Insgesamt gibt die Branche aber ein gemischtes Bild ab. 
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BSI-CEO Markus Brunold. Foto: BSI
So hält etwa Markus Brunold, CEO beim Software-Hersteller BSI fest, die Corona-Krise treffe nicht alle Branchen gleich schnell mit der gleichen Härte. Ausserdem verweist er darauf, dass geschäftskritische Investitionen auch in schwierigen Zeiten getätigt werden. Und nicht wenige Unternehmen hätten Corona zum Anlass genommen, um neue digitale Businessmodelle anzugehen. Konkret verweist er auf CRM- und Marketing-Automation-Projekte, die geschäftsstrategisch sind und "daher gerade in schwierigen Zeiten eher noch gefördert" werden.
"Die Digitalisierung von Kundenbeziehungen – denn genau das ist unser Kerngeschäft – hat in der Corona-Krise eher noch an Priorität gewonnen – auch mit Blick in die Zukunft", rekapituliert Brunold die Lage. Vor diesem Hintergrund ist er für dieses Jahr "vorsichtig optimistisch". BSI stelle weiterhin Mitarbeitende ein und Kurzarbeit wurde nicht beantragt. Doch daraus eine Gesamtprognose für die Branche abzuleiten, hält er für verfrüht.
Ja, es handle sich um eine "nie dagewesene Ausnahmesituation", doch "wir haben glücklicherweise genügend Arbeit" und eine hohe "Arbeitsauslastung – auch dank der weggefallenen Reisezeiten und dem ausbleibenden Urlaub", so der BSI-CEO weiter. Pausieren würden gerade Projekte im Retail-Umfeld mit stationärem Handel. Abgesehen davon adressiere man aber auch die Branchen Banking, Insurance und Life Sciences, sei also "breit aufgestellt, was sich nicht nur in der gegenwärtigen Situation als hilfreich herausstellt". Die meisten Projekte in den Fokusbranchen würden weiterlaufen, "ausserdem konnten wir bei einigen Kunden auch Ad-hoc-Hilfe leisten", erklärt Brunold mit Verweis auf die SVA Zürich, für die innerhalb weniger Tage ein austomatisierter Antragsprozess für die Corona-Ersatzentschädigung aufgesetzt wurde.
Kurz gesagt, müssten "Nice-to-have-Projekte" sicher mit massiven Einbrüchen rechnen, zumal die IT-Budgets schrumpfen würden. Doch der Mission-Critical-Sektor, den BSI fokussiere, werde zumindest langfristig profitieren, resümiert Brunold.

Die Krise als Chance nutzen

Einen ähnlichen Optimismus wie BSI versprüht auch Opacc-Chef Beat Bussmann. Die Geschäftsentwicklung der letzten 4 Monate sei "im Rahmen der bereits vor der Corona-Krise getroffenen Erwartungen" verlaufen. Nachdem man erst Anfang Februar 2020 für 2019 mit 10% Umsatzwachstum das beste Geschäftsjahr in der über 30-jährigen Firmengeschichte verkündet hatte, dürfte es sich um vergleichsweise gute Zahlen handeln. Und dies, obwohl der CEO und Firmengründer von Themenverschiebungen spricht, allerdings auch betont, "netto aber ist die Geschäftsentwicklung positiv". Auch für das Gesamtjahr gibt er sich zuversichtlich: "Wir sind optimistisch, wissen aber, dass die Krise noch nicht ausgestanden ist." Zumal die Unternehmen sehr unterschiedlich betroffen seien. Jedenfalls sei klar, dass "die Wirtschaftsleistung über alle Unternehmen sicher abgenommen" habe.
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Opacc-Chef Beat Bussmann. Foto: Opacc
So verwundert es wenig, wenn auch Bussmann festhält, "direkt betroffene Unternehmen haben Projekte sistiert". Er fügt jedoch gleich an: "Nicht betroffene Unternehmen hingegen sehen die Krise als Chance, um die Marktstellung weiter auszubauen und investieren in die Logistik- und Digitalisierungs-Projekte". Zudem bemerkt er, Kurzarbeit habe es bei Opacc nicht gegeben und sei auch nicht beantragt worden. "Unsere personellen Ausbaupläne sind ebenfalls nicht tangiert. Wir sehen auch hier eine Chance, um zusätzliche Mitarbeitende zu finden und unser Team weiter auszubauen", so Bussmann weiter.
Als grösste Herausforderung bezeichnet er, "die betroffenen Kunden mit gezielten Massnahmen wie die Nutzung digitaler Verkaufskanäle schnell und unkompliziert zu unterstützen". Zudem habe man "im einen oder anderen Fall auch verkraftbare Zahlungsmodalitäten zu regeln" gehabt. Mittelfristig sieht der erfahrene Unternehmer die Krise denn auch als Chance. "Unternehmen sind sich einmal mehr der Wichtigkeit einer funktionierenden Anwendungsplattform bewusst geworden. Und werden weiterhin in die Digitalisierung investieren. Vermutlich nochmals etwas gezielter und nachhaltiger." Diese Entwicklung "kann für uns nur Gutes bedeuten", so das Fazit von Bussmann.

Das nächste Jahr wird anspruchsvoll

Ganz anders schätzt man die Lage offensichtlich beim Software-Spezialisten Abacus ein. Obwohl die St. Galler für das erste Quartal 2020 fast 12% mehr Umsatz als im Vorjahr meldeten, reagierte das Unternehmen sehr deutlich auf die Unsicherheiten wegen der Corona-Krise. Gespart wird im Marketing und bei Veranstaltungen, zudem wurde ein Einstellungsstopp erlassen. Knapp 15% der Arbeitszeit seien im Mai auf Kurzarbeit rapportiert worden, erklärt Geschäftsleitungsmitglied Daniel Senn. Die geplante Dividende soll wie auch die Honorare für die Geschäftsleitung und den Verwaltungsrat gekürzt werden, so Senn.
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Abacus-CEO Claudio Hintermann. Foto: Abacus
Auffällig ist bei diesem Vorgehen, dass die Zahlen von Abacus auch im April und Mai noch nicht gelitten haben, denn laut Senn konnte der Umsatz gehalten werden. Da die Neuverkäufe von ERP-Installationen aber zeitlich verzögert reagieren würden, rechne man in den nächsten Monaten mit einem Rückgang. Dennoch könne der Umsatz im Gesamtjahr dank dem starken ersten Quartal vermutlich knapp gehalten werden, so Senns Prognose. Abacus blickt aber wenig optimistisch ins nächste Jahr. Man orientiert sich an Konjunkturprognosen, die einen Rückgang des BIP um 6% bis über 10% erwarten. So betont CEO Claudio Hintermann, dass im Sinne einer vorsichtigen Geschäftsführung die Geschäftsleitung davon ausgehe, "dass die Software- und Wartungseerträge bei Abacus 2021 auch in diesem Umfang zurückgehen. Unsere 50'000 Kunden sind ein Spiegel der schweizerischen KMU-Landschaft."

Entscheidend ist die Krisenbewältigung der Kunden

Nüchtern sieht auch Silvan Wyser, Marketing-Chef beim SAP-Spezialisten und IT-Dienstleister GIA Informatik, die Situation: "Die Gesundheitskrise wird nahtlos abgelöst durch eine Wirtschaftskrise." So sei in den letzten 4 Monaten das Neukundenbusiness "faktisch zum Erliegen" gekommen, weil viele Projekte auf Kundenseite sistiert wurden. Allerdings, so Wyser weiter, stiegen parallel dazu "die Anfragen der bestehenden Kunden markant an, um deren Homeoffice-Infrastruktur aufzubauen". Als Beispiel nennt er die Obersee Bilingual School: "Sie startete frühzeitig das Projekt Microsoft 365 und führte souverän durch die Corona-Krise, indem sie mit ihren Schülerinnen und Schülern Homeschooling praktizierte." Zudem verweist er auf Vertragsverlängerungen während dieser Monate.
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Silvan Wyser, Marketing-Chef bei GIA Informatik. Foto: GIA Informatik
Eine Prognose zum Umsatz von GIA im Gesamtjahr 2020 lässt sich Wyser gleichwohl nicht entlocken. Er gesteht aber durchaus, dass auch SAP-Hana-Projekte gestoppt wurden. Ausserdem habe man "für ein kleines Team von 10 Mitarbeitenden Kurzarbeit beantragt". Jedoch sei "inzwischen klar, dass wir diese Hilfe nicht vollumfänglich beanspruchen müssen. Trotzdem sind wir froh darüber," so Wyser weiter. Zudem betont er, dass GIA "in diversen Bereichen sogar wieder zusätzliche Stellen" schafft.
Auf die Frage, ob GIA zu den Gewinnern oder Verlierern der Krise zählt, kommt Wysers Realitätssinn zum Tragen: "Entscheidend ist, dass unsere Kunden die Krise erfolgreich bewältigen." Dafür stehe ihnen GIA als verlässlicher Partner zur Seite und "zudem vertrauen wir auf unsere über 30-jährige Erfahrung und bleiben deshalb optimistisch".

Investieren und Investitionen anregen

Ohne Kurzarbeit und mit nur wenigen Auslastungslücken präsentiert sich Axept Business Software. Wie CEO und Partner Raphael Kohler erklärt, sei man als IT-Dienstleister im Business-Software-Umfeld mit einer vollen Projekt- und Betreuungspipeline in die Krisenmonate März, April und Mai gerutscht. "Wir hatten einzelne Sistierungen von Aufträgen (kleineres Volumen) aber nicht von Projekten. Diese wurden fast ausnahmslos weitergeführt." Die durchschnittliche Dauer der Projekte betrage etwa 9 bis 12 Monate und "somit ist die Auslastung in unserem Unternehmen über einen längeren Zeitraum sichergestellt und planbar", erläutert Kohler.
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Raphael Kohler ist CEO und Partner bei Axept Business Software. Foto: Axept Business Software
"Kurzarbeit war bisher keine Option für uns", schiebt er nach. Jedoch habe man "zur Sicherheit einen Einstellungsstopp erlassen und die noch offenen Vakanzen nicht mehr weiter besetzt". Ersatzrekrutierungen würden sofern sinnvoll und notwendig weiter vorgenommen. "Wir entscheiden einfach etwas vorsichtiger, wo und wann wir noch weitere Mitarbeitende rekrutieren. Unser Fokus ist aktuell die Sicherung aller bestehenden Arbeitsplätze – vorzugsweise natürlich ohne staatliche Unterstützung." Und: "Wir sind überzeugt, dass wir dazu in der Lage sind", so Kohler.
Allerdings geht man auch beim Abacus-Partner Axept davon aus, "dass das Projektgeschäft im 2021 etwas schwieriger werden könnte und somit rechnen wir für unser Business eher mit mittelfristigen Konsequenzen oder zumindest mit einer gewissen Abkühlung der Nachfrage", führt Kohler aus. Für das laufende Jahr sei man "weiterhin zuversichtlich", die "Umsätze auf Vorjahresniveau halten" zu können.
Vorteilhaft habe sich allerdings bisher schon ausgewirkt, dass "wir unsere Produkte und Dienstleistungen hauptsächlich in Branchen anbieten, welche vom Lockdown nicht von Anfang an direkt betroffen waren", erklärt Kohler mit dem Hinweis auf die Bau- und Immobilienbranche, die Alters- und Pflegeheime oder soziale Institutionen.
Obwohl auch er derzeit davon ausgeht, dass das Projektgeschäft im 2021 schwieriger werden könnte, gibt er sich erstaunlich optimistisch. Kohler problematisiert vielmehr das Investitions- und Konsumverhalten von Unternehmen und Privatpersonen: "Viele Unternehmen haben bis heute keine wesentlichen finanziellen Einbussen erleiden müssen. Ich sehe hier auch eine Art gesamtwirtschaftliche Verantwortung bei diesen Unternehmen, die auch weiter investieren" müssten. Axept jedenfalls werde das tun. Das Büroprojekt in St. Gallen werde wie geplant umgesetzt und anstehende IT-Investitionen ebenfalls ausgelöst.
"Natürlich sind auch wir vorsichtig und beobachten genau unseren Geschäftsgang. Wir legen einen noch grösseren Wert auf eine gute Auslastungsplanung über die nächsten 3 bis 6 Monate. Das gibt uns die notwendige Sicherheit, schrittweise die sinnvollen und notwendigen Investitionen auszulösen." Schlussendlich gehe es aber darum, die "Kaufkraft der Unternehmen und der Mitarbeitenden aufrecht zu erhalten, damit weiter konsumiert und investiert werden kann".
Das sei denn auch der Grund dafür, "den Bonus für unsere Mitarbeitenden im vergleichbaren Rahmen wie in den Vorjahren auszubezahlen". Kohler erklärt dazu: "Wir animieren unsere Mitarbeitenden mit einer kleinen Challenge ihren Bonus in der Schweiz, sprich in Schweizer Unternehmen zu investieren. Dafür haben wir einen zusätzlichen Anreiz geschaffen und suchen nun die besten und kreativsten Investitionen in die Schweizer Wirtschaft." Es läge an uns, meint der Axept-Chef, "ob wir nun durch ein übervorsichtiges Sparverhalten die Krise verschlimmern oder ob wir weiterhin gezielt und sinnvoll investieren".
Digital Channels Forum ‒ so geht es weiter:

Podcast 2: Corona-Krise und die Cloud-Anbieter

Am Freitag, 19. Juni, folgt der zweite Podcast im Rahmen des Digital Channels Forum: Corona-Krise und die Cloud-Anbieter. Die Cloud-Spezialisten Marc Zimmermann (Netcloud), Michael Dudli (Xelon) und Matthias Oswald (iWay) erklären, weshalb sie mehrheitlich zu den Gewinnern der Krise zählen. Roger Semprini berichtet, wie die Leitungen in den RZs von Equinix heiss liefen, und Alexander Mohri, wie Swisscom die Krise erlebt hat.

Corona-Krise: Und jetzt der Digitalisierungsboom?

Den Artikel zu diesem Thema lesen Sie nächste Woche an dieser Stelle.

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