Corona: Und jetzt die Digitalisierungswelle

23. Juni 2020, 10:21
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Die Corona-Krise beschleunigt die Digitalisierung. Doch geht der Trend über "work everywhere" und die Modernisierung der Kommunikation hinaus?

Dass die Corona-Krise der Digitalisierung der Gesellschaft und insbesondere auch der Arbeitswelt einen gewaltigen Schubs verpasst hat, ist Allgemeinplatz. Doch wie genau sieht die Digitalisierungswelle aus, die über die Schweiz rollt? Geht es um mehr als mobiles Arbeiten und Video-Konferenzen? Wird nun alles anders? 
"Wir waren im Vorfeld und zu Beginn des Shutdowns sehr damit beschäftigt, die IT-Infrastruktur der Stadt Zürich aufrecht zu erhalten und den städtischen Mitarbeitenden Homeoffice zu ermöglichen. Das ist uns gut gelungen, der Wechsel klappte ohne grösseren Probleme. Nun werden wir eine Analyse der Erfahrungen der Fachabteilungen machen und feststellen, wo wir Lücken haben und wir uns verbessern müssen," sagt Andreas Németh, Direktor OIZ der Stadt Zürich und damit der Chef einer der grösseren Schweizer IT-Organisationen.
Doch natürlich macht man sich bei der OIZ schon jetzt Gedanken darüber, wohin die Reise nach der Corona-Krise gehen wird. So wird die Stadt Zürich genauer abklären, welche Dokumente wirklich physisch unterschrieben werden müssen und wo digitale Unterschriften genügen. Und welche Prozesse ganz digitalisiert werden können. Németh: "Wir habe rasch gelernt und gemerkt, dass viele frühere Diskussionen unnötig waren".
Die Aufgabe der Informatik der Stadt Zürich ist es, den Dienstabteilungen die entsprechenden Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen. Németh nennt als Beispiel, dass Dokumente nicht nur gescannt werden, sondern der Inhalt auch maschinenlesbar gemacht werden soll. Dafür wird auch Machine Learning eingesetzt. "Dieses Pilotprojekt werden wir beschleunigen, denn wir wollen die Voraussetzung schaffen, um Arbeitsunterlagen effizient zur Verfügung zu stellen."
Zugelegt haben (natürlich) die Zugriffe auf digitale Dienste, die die Stadt Zürich anbietet. Die Krise dürfte die Motivation der Dienstabteilungen, rasch mehr solche Online-Services zu entwickeln, verstärken, so Némeths Einschätzung. Und natürlich wird man die Werkzeuge, so etwas die Telekommunikationslösungen, die Home Office ermöglichen, verbessern.
Die Technik ist für Németh allerdings nur die eine Seite. Auf der anderen Seite betrifft die Digitalisierungskompetenz der Mitarbeitenden und der Kader. Diese will die Stadt im zweiten Halbjahr mit einer Kampagne fördern. Németh: "Es geht auch um Kultur und Vertrauen".
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Mike Dargan.

Nicht anders, aber schneller

"Unsere Strategie hat sich nicht verändert – sie wurde bestätigt. Doch die Corona-Krise beschleunigt die Umsetzung unserer gewisser Vorhaben." So fasst Mike Dargan, Group Chief Information Officer von UBS, die Auswirkung der Pandemie auf die IT der Grossbank zusammen. UBS werde die bereits kommunizierten Projekte, wie etwa die Migration von bestimmten Lösungen in die Public Cloud (Azure), die Einführung von Office 365 und von virtuellen Desktops nun beschleunigen, so Dargan.
Interessant ist, dass Dargan im kurzen Telefongespräch rasch auf den gleichen Punkt zu sprechen kommt wie Németh: "Digital Literacy". Eine Auswirkung er Krise sei, dass alle UBS-Mitarbeitenden an "Digital Literacy" gewonnen hätten.
Die Corona-Krise habe bewiesen, dass die IT-Strategie der Grossbank richtig sei, so Dargan: "Sie führt dazu, dass sich das Tempo der Veränderung beschleunigt. Und, dass operative Resilienz an Gewicht gewonnen hat." ein Unterscheidungsmerkmal geworden ist.
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Urs Sträuli.
Von Beschleunigung spricht auch Urs Sträuli. Der IT-Veteran (Ixos, Open Text, Data Migration, Unic) ist ausgerechnet seit diesen März Leiter Digitalisierung und IT bei der Stiftung Gesundheitsförderung Bad Zurzach. Die grosse Stiftung betreibt Reha-Kliniken und -Ambulatorien, TCM-Praxen, Bäder und Fitnesszentren und Hotels. Alles Unternehmen, die von der Corona-Krise besonders betroffen waren. "Wir haben bestimmte Investitionen vorgezogen," so Sträuli. "Wir standen am Anfang des Rollouts einer neuen Kollaborationsplattform. Diesen mussten wir extrem beschleunigen. Und natürlich die Bandbreiten erhöhen und in Security investieren. Auch haben wir bestimmte Dienstleistungen auf Online-Angebote umgestellt," sagt Sträuli. Die Adaption der Collaboration-Tools sei "erstaunlich reibungslos" vor sich gegangen.
Digitale Angebote, die rasch entwickelt werden können, will Sträuli sofort umsetzen. Denn es ist durchaus möglich, dass eine zweite Welle der Pandemie erneut die Schliessung von Bädern und Fitnesszentren nötig macht. Auch evaluiert die Stiftung zur Zeit ein neues System für Online-Reservationen. Auch dies ein Projekt, das durch die Pandemie dringlicher geworden ist.
Sträuli: "Die ganze Gesundheitsbranche hat massiven Nachholbedarf. Das gilt auch für uns. Gerade weil die Pandemie während der Lockdown-Phase in der Stiftung zu zu einem erheblichen Ertragsausfall geführt hat, wollen wir Projekte nicht stoppen und abwarten, was passiert. Sondern wir sind noch motivierter, vorwärts zu machen." Neben digitalen Prozessen sollen auch die Schnittstellen zum Kunden verbesset werden und die neue digitale Services entwickelt werden.
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Pascal Sieber.

"Halbschlimme" Projekte werden abgeschossen

Trommeln gehört zum Geschäft und natürlich sagt jeder CIO, dass gerade die Corona-Krise zeige, wie gut seine Strategie aufgehe. Etwas kritischer betrachten Beobachter von aussen die IT-Welt. Zum Beispiel der Berner Berater Pascal Sieber, der als Verwaltungsrat, Berater, Politiker und Manager auf Zeit in viele Firmen und Organisationen sieht.
"Es werden zur Zeit IT-Projekte schneller gestoppt. Man hat nun einen guten Grund, 'halbschlimme' Projekte abzubrechen und den Stopp mit der Corona-Krise zu begründen." Einen solch heftigen Impact der Krise auf die Software-Industrie habe er noch nie gesehen, sagt Sieber. Seine Aussage hat Gewicht, denn er gehört zu den Leuten, die hinter dem Swiss Software Index Survey der Uni Bern steht und seine Firma produziert auch den Swico ICT-Index. Sieber: "Externe Ressourcen werden massiv abgebaut und Verträge für die Entwicklung von Individual-Software nicht verlängert. Mehr Nachfrage gibt es hingegen nach Cloud-Lösungen und nach No-Code-Lösungen. Plötzlich ist es egal, ob ein Server in der Schweiz oder in Irland steht."
Ausserdem boomt gemäss Sieber die Offshore-Entwicklung. "Man kann es sich nicht mehr leisten, 143 Franken pro Stunde statt 25 zu bezahlen," so der Berater. Beschleunigt oder neu aufgegleist werden Projekte, die der Kostensenkung dienen und – wen wunderts – solche, die die Resilienz von Unternehmen unterstützen. "Der Widerstand gegen die Durchgängigkeit von Information nimmt ab. Nicht mehr die Abteilung eines Unternehmens steht im Vordergrund, sondern die Verfügbarkeit der Informationen."
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Startup im Glück

Während viele Startups in eine Cash-Klemme geraten sind, haben andere von der Pandemie profitiert. Ein Beispiel ist der Zürcher Startup Beekeper. Erst letzten September konnte sich das hoffnungsvolle Unternehmen neues, zusätzliches Risikokapital über 45 (!) Millionen Dollar sichern. Beekeeper bezeichnet seine Lösung für die firmeninterne Kommunikation über Smartphones als "Slack für Mitarbeitende ohne festen Arbeitsplatz". Genau solche Lösungen sind in Zeiten des Lockdowns gefragt, könnte man denken.
"Mit der Umstellung auf Remote-Work stieg die Nachfrage nach einer digitalen Lösung, die Unternehmen erlaubt, auch in solch instabilen Zeiten agil zu bleiben und das Geschäft möglichst reibungslos weiterzuführen. Doch auch wir mussten uns umstellen und haben beispielsweise Prozesse optimiert, um den Implementierungszeitraum unserer Lösung bei neuen Kunden drastisch zu verkürzen. So schafften wir es bei Unternehmen mit mehreren tausend Mitarbeitern innerhalb von 48 Stunden die Lösung einzuführen," schreibt Beekeeper-CEO Cristian Grossmann in einer Mail.
Das Startup-Unternehmen hat rasch reagiert und ein Paket für die Mitarbeiterkommunikation während der Corona-Krise und im "Next Normal" entwickelt. Grossmann: Für viele Unternehmen mit einer hohen Anzahl Mitarbeitern ohne festen Arbeitsplatz war die Pandemie dabei der letzte Motivator für die Entscheidung in Digitalisierung zu investieren." Obwohl Kunden auch Projekte zurückgestellt haben, habe er einen Anstieg der Nachfrage beobachtet, so Grossmann.
Die Aussichten des US-Schweizerischen Startups, das Niederlassungen in Polen, den USA, Berlin und London besitzt, dürften durch die Corona-Krise noch besser geworden sein. Grossmann: "Der Trend zeichnet sich ganz deutlich für uns ab: Zum einen wird digitale Kommunikation immer wichtiger und Unternehmen wissen nun um die Dringlichkeit dank neuen Gegebenheiten wie "Remote Work" Bescheid. Zum anderen hat sich aber auch einmal mehr die Wichtigkeit von gewerblichen Mitarbeitern gezeigt. Sie sorgten dafür, dass auch während der Krise alle essentiellen Bereiche des öffentlichen Lebens wie etwa die öffentliche Versorgung sichergestellt wurden."
Kommentar

Das Glas ist nicht halbvoll, sondern voll oder leer

Wer jetzt in IT investiert, investiert in die Resilienz der Systeme, die Verfügbarkeit der Information und in verteiltes Arbeiten. Sprich: Cloud.
Gleichzeitig stehen ganze Branchen (Maschinenindustrie, Tourismus, Transport, Behörden) unter massivem Spardruck. Also werden "halbschlimme Projekt", wie sie Pascal Sieber schön beschreibt, abgeschossen. Projekte, deren Nutzen nicht ganz klar ist, die schon zu lange vor sich hin dümpeln und die man nur nicht abgebrochen hat, damit niemand das Gesicht verliert, können nun unter dem Hinweis auf die Krise gestoppt oder gleich ganz abgebrochen werden..
Für die ICT-Branche bedeutet dies, dass sich viele IT-Dienstleister nicht fragen müssen, ob sie das Glas nun als halb leer oder doch lieber halb voll betrachten wollen. Sondern es ist leer oder voll. Wer Kunden in Cloud- und Work-Everywhere-Projekten helfen kann oder wer wie Beekeeper ganz neue Kommunikationslösungen hat, der sieht sein Glas schön voll. Wer hingegen das Pech hat, in nicht dringend notwendige Projekte verwickelt zu sein, dessen Glas dürfte sich nun rasch leeren.

Das Digital Channels Forum

Seit Anfang Juni findet an dieser Stelle das "Digital Channels Forum" statt. In einer Reihe von Podcasts und Artikeln sowie einem Video analysieren wir - immer im Gespräch mit den Machern der Szene - wie die Schweizer ICT-Branche die Corona-Krise übersteht. Was sind die richtigen Strategien und was haben wir gelernt?Im nächsten Podcast befragt Volker Richert die Distributoren, wie sie die Krise überstanden haben und noch werden. Philipp Anz analysiert im letzten Artikel, was die Krise in der Branche selbst auslösen wird. Wird die Konsolidierung angeheizt? Werden mehr Firmen verkauft? Im vierten Podcast kommen die Security-Spezialisten zu Wort und zum Schluss befragen wir im Video Thomas Boll, Stefan Beeler (Datastore), Thomas Winter (Microsoft Schweiz), Frank Thonüs (Dell Technologies) und einen Vertreter von Lenovo, was sie dem Channel jetzt raten.

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