Die Säntis-Banken wechseln zu Inventx

2. April 2020, 15:31
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Fünf Banken wechseln mit Finnova-Kernsoftware und dem App-Management den IT-Dienstleister. Was nun? GLKB, Inventx, Econis und Finnova nehmen Stellung.

Die "Säntis-Banken", die Kantonalbanken von Appenzell, Glarus, Nidwalden, Obwalden und Uri wechseln auf die Open-Finance-Plattform der Inventx. Dies meldet der IT-Dienstleister. Man werde ab 2021 nicht nur für den IT-Betrieb der Finnova-Kernbanken-Lösung verantwortlich sein, sondern sich auch für das Application Management und die Umsysteme verantwortlich zeigen.
Gegen wie viele Mitbewerber sich Inventx durchsetzen konnte, ist unklar. "In einem vielschichtig geführten Evaluationsprozess wurden von den fünf Kantonalbanken mehrere potenzielle Plattform-Provider eingeladen, ihre Leistungen zu präsentieren und zu offerieren", antwortet die Glarner Kantonalbank (GLKB) auf Anfrage.
Damit verlieren der IT-Dienstleister Econis, aber gleichzeitig auch Finnova einen bedeutenden Auftrag. Konnte das bisherige "Team" Econis/Finnova mitpitchen? "Ja", antwortet Robert Bornträger, Verwaltungsratspräsident auf Anfrage. "Econis konnte jedoch nur als Sublieferant von Finnova anbieten, obwohl wir heute einen direkten, eigenständigen Vertrag mit den Säntis-Banken haben. Wir haben versucht, wieder direkt anbieten zu können, durften dies jedoch nach Vorgabe der Säntis-Banken nicht."
Stellt sich die Frage beim Gewinner: Hat Inventx mit der Kernbotschaft “alles aus einer Hand” gepitcht? “Eine klare Accountability End-to-End über ein gesamtes Verantwortungsgebiet war eine von mehreren Kernbotschaften. Je mehr Tätigkeiten durch Inventx selbst verantwortet werden können, desto mehr profitieren dabei unsere Kunden dank den entstehenden Synergieeffekten”, antwortet ein Inventx-Sprecher.
Was sagt die GLKB dazu? Hat Inventx mit "alles aus einer Hand" gewonnen oder durch den Preis? "In einem komplexem Evaluationsverfahren geht es immer um verschiedene Parameter, die gegeneinander verglichen und abgewogen werden. Der Preis ist einer davon. Das stimmige Gesamtpaket in Kombination mit der modernen Open Finance Plattform gab letztendlich den Ausschlag zugunsten von Inventx", so der Banksprecher.
Von den Inventx-Standorten in Chur, St.Gallen und Zürich wird nun das Projekt vorangetrieben. An Pfingsten 2021 soll der "Big Bang" mit der Open-Finance-Plattform stattfinden. Auf dieser Plattform können laut Inventx gemeinsame sowie je nach Bank individuelle Services bezogen werden.

Ein Finnova-VR ist auch GL einer involvierten Bank

Eine spezielle Schnittstelle zwischen Finnova und den Säntis-Banken bildet Hanspeter Rhyner, Vorsitzender der Geschäftsleitung der GLKB und gleichzeitig Verwaltungsrat bei Finnova. Der Software-Anbieter verliert mit dem Applikationsmanagement laut einem Finanz-IT-Kenner einen Grossteil des heutigen Auftragsvolumens von Finnova/Econis.
Wie stellt sich die GLKB dazu? "Es ist korrekt. Das Application Management für die von den Banken eingesetzte Finnova Kernbankensoftware wird ab Pfingsten 2021 von Inventx betrieben. Hingegen werden wichtige Innovationsprojekte vom Wechsel zu Inventx nicht tangiert. Dazu zählen u.a. Projekte für eine neue Kundenberater-Oberfläche, ein Kundenportal, das CRM oder die Finnova Loan Advisory. Diese Initiativen verfolgen die fünf Kantonalbanken weiterhin individuell und unabhängig voneinander zusammen mit dem Application Management von Finnova", präzisiert die GLKB.
Zur Rolle von Rhyner ergänzt er: "Ganz im Sinne einer Good Corporate Governance hat das Finnova-VR-Mandat von Hanspeter Rhyner den Entscheid des künftigen Plattform-Providers nicht beeinflusst. Die Glarner Kantonalbank und die anderen vier Kantonalbanken haben ihren Entscheid im Interesse der Banken in den jeweiligen Geschäftsleitungs- und Bankrats- respektive Verwaltungsratsgremien getroffen."

"Wir weisen eine gute Sales-Pipeline auf"

Welche Konsequenzen hat der Auftragsverlust für Econis? VRP Bornträger antwortet: "Wir verlieren einen langjährigen Service-Vertrag mit den Säntis-Banken. Den Umsatzverlust werden wir über Neu-Geschäfte zu kompensieren versuchen, wobei wir eine gute Sales-Pipeline aufweisen. Da unsere Zusammenarbeit mit den Säntis-Banken über den besagten Service-Vertrag hinausgeht, werden wir über die bestehenden Geschäftsbeziehungen weiterführende Services wie beispielsweise Digital Workplace anbieten wollen."
Finnova verliert das Application Management, bestätigt auch eine Finnova-Sprecherin. "Das Lizenzgeschäft bleibt aber weiterhin bei Finnova. Für die Digitalisierungsplattformen – bestehend aus dem Kundenportal und den neuen Finnova-Berater-Anwendungen, welche auf und in Kombination mit der Finnova Open Platform betrieben werden können – können die Kantonalbanken aus dem Interessenverbund (Appenzell, Glarus, Nidwalden, Obwalden und Uri) jedoch individuell entscheiden; so haben sich die Glarner und Obwaldner Kantonalbank bereits entscheiden, die Weiterentwicklung wie auch den Betrieb der Digitalisierungsplattform bei Finnova zu belassen."
In Seewen betreiben etwa 50 Mitarbeitende die Finnova-Software für mehrere Banken auf unterschiedlichen Plattformen. Was geschieht mit dem betroffenen Application Management? Übernimmt Sieger Inventx die entsprechenden Finnova-Mitarbeitenden? "Inventx betreibt bereits mehrere Finnova-Installationen und deren Umsysteme für namhafte Schweizer Banken wie die Graubündner Kantonalbank oder die Clientis Banken. Entsprechend verfügen wir über eine eigene Application Management Einheit. Die fünf Banken profitieren dadurch von der jahrelange Erfahrung unserer Spezialisten", sagt der Inventx-Sprecher. Also nein.
Keine leichte Aufgabe für den neuen Chef des Application Managements von Finnova, Christian Reinhard, der laut ‘Luzerner Zeitung’ seine Stelle Anfang 2020 angetreten hat. Muss er nun Entlassungen aussprechen?

"Selbstverständlich tut uns das weh"

Die Finnova-Sprecherin verneint: "Es sind keine Entlassungen geplant. Wir haben noch weitere Kunden, für die wir das Application Management für den Core betreiben. Wir haben einen starken Fokus auf der Digitalisierungs-Plattform und 'a- a-Service'-Modellen. Als Teil der Strategie diversifizieren wir in Financial Services – haben ja auch Liberty-Vorsorge gewonnen, die im ‘as-a-Service’-Model Leistungen bezieht." Zudem sei Seewen nicht nur für den Betrieb der hauseigenen Banking-Software wichtig, sagt die Sprecherin: "Hier wurde und wird die Finnova Open Platform entwickelt. Und ist als Standort im Bereich 'Analytics' tätig, konkret wird das Data Warehouse dort betrieben und weiterentwickelt. Das Solutions Team ist zudem wichtig im Bereich des Business Process Framework. Sie entwickeln und implementieren für Kunden individuelle Lösungen".
Nichtsdestotrotz resultiert ein Umsatzverlust. Nach unbestätigten Schätzungen müsse man davon ausgehen, dass wohl 70% des auslaufenden Deals vom Application Management kam (oder gar mehr). "Auf den Gesamtumsatz hat das eine geringe Auswirkung. Selbstverständlich tut uns das weh, dass eine so langjährige Partnerschaft auseinandergeht. Wir setzen alles daran, den Weggang der Banken aus dem Finnova eigenen Application Management zu kompensieren."

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