Europäisches Cloud-Projekt Gaia-X gerät in Turbulenzen

19. November 2021 um 15:04
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Mit Scaleway aus Frankreich ist ein Gründungsmitglied ausgetreten. Auch andere Beteiligte äussern Kritik an der Entwicklung des Grossprojektes.

Seit gestern, 18. November findet in Mailand ein Gipfeltreffen zum europäischen Cloud-Projekt Gaia-X statt. Motto des zweitätigen Gaia-X Summit 2021: "Here to deliver!" Im Juni hatte der noch amtierende deutsche Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier erklärt: "Gaia-X ist die wichtigste und erfolgreichste Initiative, die wir bislang in diesem Bereich unternommen haben." Im Juli präsentierte Altmaier dann 16 Vorhaben, die in einem deutschen Förderwettbewerb prämiert worden waren, als "Leuchtturmprojekte". 122 Millionen Euro sollen dafür ausgeschüttet werden.
Doch nur wenige Monate später ziehen Wolken über dem vor zwei Jahren gestarteten Grossprojekt auf. "Gaia-X wird dazu neigen, genau wie paradoxe Systeme zu funktionieren, die den Status Quo begünstigen", sagte Yann Lechelle, CEO von Scaleway, gegenüber dem französischen TV-Sender 'B Smart'. Und gab damit auch gleich den Austritt bekannt: "Scaleway wird seine Gaia-X-Mitgliedschaft nicht erneuern."

Aus 22 beteiligten Unternehmen sind 300 geworden

Das französische Cloud-Unternehmen gehörte zu den Gründungsmitgliedern. Scaleway werde nun "seine Zeit, sein Geld und seine Aufmerksamkeit auf sein Multi-Cloud-Produktangebot konzentrieren – ein Schlüsselfaktor für echte Reversibilität und Offenheit".
Grund für Scaleways Rückzug ist die Entwicklung von Gaia-X. Gegründet wurde das Projekt 2019 von 22 französischen und deutschen Unternehmen – neben Scaleway gehörten unter anderem Atos, SAP, OVHcloud, German Edge Cloud, Outscale und die Deutsche Telekom dazu. Gaia-X sollte auch zur digitalen Souveränität der beiden Länder und Europas beitragen.
Auch die Schweiz blickt interessiert auf Gaia-X. Der Bundesrat kündigte kürzlich an, er prüfe eine Beteiligung. Hiesige Unternehmen erhoffen sich laut einer Swico-Umfrage vom Cloud-Projekt Datensouveränität, neue Kunden und Datenschutz. Die Gründung eines Schweizer Gaia-X-Hubs solle intensiviert werden, wird gefordert.
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Yann Lechelle.

Kein Wunsch nach einer europäischen Cloud-Industrie

Mittlerweile sind rund 300 Unternehmen am Bündnis beteiligt, darunter auch amerikanischen und chinesische Konzerne wie Amazon, Google, Microsoft, IBM, Alibaba, Huawei und einige mehr. "Ich bezweifle einen aufrichtigen Wunsch unserer Politik nach der Entstehung einer europäischen Cloud-Industrie", hatte Lechelle bereits Anfang November Kritik an dieser Entwicklung geäussert. Er forderte, die Nutzung einer Cloud zu fördern, "deren Software überwiegend europäisch ist".
Kritik kommt auch von anderen (noch) Gaia-X-Mitgliedern. Im März hatte der Telekom-B2B-Manager Hagen Rickmann das Projekt in einem 'Ntv'-Podcast mit dem gescheiterten DE-Mail des Unternehmens verglichen: "Wir haben in dieses Projekt (DE-Mail) als Telekom viele, viele Millionen investiert. Wir haben da viel Geld verloren. Es ist gefloppt. Komplett gefloppt. Genau wie bei Gaia-X, viele Absichten, aber irgendwann muss mal einer bestellen."
Wird die ambitionierte Gaia-X-Roadmap, die bis 2025 die europäische Software- und Betriebs-Souveränität erreichen will, zum "reinen Etikettenschwindel", wie es ein Kommentar von 'Heise' formuliert? "Die Vorstellung, ausgerechnet die marktbeherrschenden Platzhirsche würden die Entwicklung ihrer potenziellen zukünftigen Konkurrenz aktiv unterstützen, ist bestenfalls naiv."
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Frank Karlitschek.

"Zu viele Köche verderben den Brei"

Denn nicht nur unter den Mitgliedern rumort es, auch über die interne Organisation wird geklagt. Regelmässig würden Termine für wichtige Updates verschoben, hatte 'Politico' Ende Oktober berichtet. Das Bündnis schaffe "laufend neue Gruppen, die viele überflüssig finden, und hält die Mitglieder nicht über die neuesten Entwicklungen auf dem Laufenden".
"Zu viele Köche verderben den Brei", sagte Frank Karlitschek, Gründer von Nextcloud, einem Mitglied von Gaia-X. "Es ist bereits klar geworden, dass es schwierig ist, einen Konsens zwischen allen zu finden." Nextcloud wie auch Scaleway beteiligen sich mittlerweile an der im Juli 2021 gegründeten Vereinigung Euclidia (European Cloud Industrial Alliance). Rund 20 europäische IT-Unternehmen wollen mit Euclidia "moderne Cloud-Technologie" entwickeln, "damit Europa weltweit führend werden kann, ohne den amerikanischen oder asiatischen Modellen zu folgen".
Alban Schmutz, Vice President bei OVHcloud, mag Gaia-X laut 'Politico' noch nicht begraben. Ob Gaia-X halte, was es verspricht, "hängt von den Erwartungen ab, die man bei der Markteinführung hatte". Aber: "Man träumt davon, dass sein Baby ins Weltall fliegt, und am Ende geht das Kind lieber angeln."

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