Schliesst die Public-Clouds-Ausschreibung Schweizer Anbieter aus?

21. Januar 2021 um 14:16
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110 Millionen will der Bund für Public Clouds ausgeben. Die Anforderungen könne nur Microsoft erfüllen, kritisiert Infomaniak.

Es winken in einer laufenden Ausschreibung 110 Millionen Franken des Bundes ab 1.9.2021 bis 31.8.2026 für 5 Public-Cloud-Anbieter. Nun machen sich erste Schweizer Cloud-Anbieter in der Zeitung 'Le Temps' frustriert Luft: Marc Oehler, Chef von Infomaniak, sagte der Zeitung "die Ausschreibung scheint nicht nur Schweizer Anbieter auszuschliessen, sondern vor allem dem Bund die Möglichkeit zu geben, seine Zusammenarbeit mit Microsoft zu validieren."
Grundsätzlich ist die Ausschreibung offen, das zeigte unser Blick in die Ausschreibungsunterlagen. Neben Schweizer Anbietern werden auch grosse internationale Provider als mögliche Anbieter genannt: also vorrangig AWS, Google Cloud, Microsoft Azure, die nicht namentlich erwähnt werden. Dies soll die Verwaltungseinheiten in den Genuss der neuesten Technologien bringen, wenn dies die betreffenden Anwendungen und Daten zulassen.
Mikaël Zennaro, Direktor des Neuenburger Cloud-Hosting-Unternehmens VNV kommentiert die Ausschreibung in der Zeitung (Paywall) etwas zurückhaltender mit "es ist ein ungewöhnliches Dokument im Hinblick auf die geforderten Spezifikationen."
Speziell zu Reden geben dürften bei potenziellen Schweizer Anbietern gleich mehrere Kriterien:
  • "Der Anbieter verfügt über Rechenzentren auf mindestens 3 Kontinenten (inkl. Europäischem Wirtschaftsraum) und stellt seine Public Cloud Services einer internationalen Kundschaft zur Verfügung", heisst es in den Unterlagen.
  • "RZ-Standorte Schweiz: Der Anbieter gibt anhand einer Roadmap an, bis wann er die geforderten Services georedundant auf Schweizer Boden produzieren/betreiben kann." Dabei muss man 24 von 32 Services anbieten können, wenn möglich beispielsweise auch Cloud Blockchain Platform Services (bPaaS). Die Maximalpunktzahl erzielt, wer bis Ende März 2022 fit für den Bund ist. Die RZ-Standorte Schweiz werden bei den Zuschlagskriterien zudem auch nur mit 10% gewichtet.
  • "Der Anbieter verfügt minimal über die folgenden (oder äquivalente) Zertifizierungen für mindestens einen Teil des Serviceangebotes: SOC 1 Type II, ISO/IEC 27001 (ISMS), ISO/IEC 27017 (Cloud Security), ISO/IEC 27018 (Cloud Privacy)." Diese Zertifizierungen könnte wohl kein Schweizer Anbieter vorweisen, so die beiden Romands.
Zudem sei es "wirklich gigantisch, ein Datenvolumen von beispielsweise 10 Petabyte pro Monat zu verwalten", so Zennaro in der Zeitung.
Interessant ist zudem ein weiterer Paragraf in der Ausschreibung: "Der Ort der Datenhaltung kann nach Regionen festgelegt werden. Insbesondere kann festgelegt werden, dass die Daten in einem Land, in dem ein 'Angemessener Schutz für natürliche Personen' gemäss der Staatenliste vom EDÖB gewährleistet ist, gehalten werden."
Die Bundeskanzlei erwidert der Zeitung: "Die Ausschreibung ist nicht auf ein bestimmtes Unternehmen ausgerichtet. Alle Unternehmen, die über eine ausreichende wirtschaftliche und technische Kompetenz verfügen und die Eignungskriterien und technischen Spezifikationen erfüllen, werden zur Abgabe eines Angebots aufgefordert. Für die Bereitstellung von Public-Cloud-Diensten werden maximal 5 Cloud-Service-Anbieter gesucht."
Allerdings dürfte ein weiterer Aspekt viele Schweizer Public-Cloud-Anbieter vor einer Offerte abschrecken, ausser sie wollen in Brüssel, Pretoria oder Washington neue Standorte aufbauen: "Ort der Dienstleistungserbringung - Standorte der Schweizer Bundesverwaltung, weltweit."

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