Der Bund definiert seine Rolle im Finanzmarkt von morgen

3. Februar 2022, 14:29
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Foto: Claudio Schwarz/Unsplash

Der Bundesrat will die Chancen und Risiken der Digitalisierung des Finanzmarktes nicht allein der Privatwirtschaft überlassen und legt Handlungsfelder fest.

Angesichts der Geschwindigkeit und Radikalität des Fortschritts im Bereich Finanzen und Digitalisierung hat der Bundesrat das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) mit einer Bestandsaufnahme beauftragt. In dem nun vorliegenden und vom Bundesrat verabschiedeten Bericht sind unter dem Titel "Digital Finance: Handlungsfelder 2022+" die Rolle des Bundes und konkreten Handlungsfelder identifiziert worden.
Auch wenn der Einsatz neuer digitaler Technologien im Grundsatz Sache der Privatwirtschaft sei, verlange der Veränderungsprozess und die identifizierten Chancen und Risiken für den Standort Schweiz vom Bund eine aktivere Rolle, heisst es in Bern. Der Bund "soll die Rahmenbedingungen für neue Geschäftsmodelle verbessern, Stabilität und Integrität sowie die internationale Wettbewerbsfähigkeit sicherstellen sowie Nachhaltigkeit und Vernetzung des Finanzplatzes fördern", schreibt man sich ins Pflichtenheft.

Die Ambivalenzen der Digitalisierung

Konkret nötig mache diese Aufgaben, weil "innovativen Finanzdienstleistungen und -produkte nicht mehr nur von traditionellen Finanzdienstleistern wie Banken und Versicherungen erbracht werden, sondern auch von einer rasch wachsenden Zahl von auf Technologie spezialisierte Unternehmen im Finanzbereich ('FintTechs'), sowie von 'BigtTechs', den global ausgerichteten, meist amerikanischen oder chinesischen, Technologieunternehmen".
Beispielhaft genannt werden Player ausserhalb des Finanzsektors etwa im "Ökosystem Wohnen", die auch Hypotheken, Haushaltsversicherungen oder die digitale Heizkostenkontrolle anbieten.
Zudem wird auf neue Wertschöpfungsketten verwiesen, die im sogenannten DeFi (Decentralized Finance) radikal alternative Finanzökosysteme versprechen und dezentral sowie unabhängig von Finanzinstituten und den regulatorischen Strukturen genutzt werden können.
Das ermögliche zwar effizientere und bessere Leistungen mit neuen Akteuren. Doch wachse zugleich auch die Verwundbarkeit durch Cyberangriffe, die Fragmentierung wegen Fehlens eines ganzheitlichen Blicks oder auch Risiken aufgrund der mit der Digitalisierung einhergehenden Anonymität.
Ähnlich ambivalent sieht es laut dem Bericht mit der für den Finanzmarkt zentral gewordenen Datennutzung aus. Der besseren Verfügbarkeit und Qualität von Daten korrespondieren grössere Risiken beim Schutz der Privatsphäre und Kontrolle über die persönlichen Informationen.
Nicht anders wird die Automatisierung von Finance-Prozessen durch Applikationen beschrieben. Zwar hat die Effizienz des Finanzsystems zugenommen, die Kosten für Services sind gesunken und ihre Qualität wurde bei gleichbleibenden Kosten verbessert. Doch führe diese digitale Entwicklung zu einem erhöhten Bedarf an Fachkräften und zu einer beschleunigten Kumulation von automatisierten Anlageentscheidungen, was die Finanzmarktstabilität gefährden könne.
Ausserdem wird noch auf das Wegfallen räumlicher Grenzen hingewiesen. Distanzen werden nebensächlich, die Digitalisierung erlaubt mittels Skalierbarkeit der Produkte überall neue Kundenkreise zu erschliessen und auch Fachkräfte im Ausland anzuheuern. Allerdings erhöhe das auch den Kostendruck und die Komplexität der Positionierung im Markt. Und es wird für den Staat schwieriger bei der Finanzmarktaufsicht, der Abwehr und Verfolgung von Finanzkriminalität, beim Datenschutz, der Cybersicherheit, Besteuerung oder beim Arbeitsrecht, heisst es in dem Bericht.

Neue Aufgaben des Bundes

Angesichts der hier kurz nachgezeichneten Chancen und Risiken, schreibt sich der Bund die Rolle zu, den innovationsfördernden und rechtssicheren Technologieeinsatz zu unterstützen. Es gehe darum, "die Eignung der bestehenden Rahmenbedingungen für die durch neue Technologien veränderten wirtschaftlichen Tätigkeiten laufend zu prüfen und Anpassungen am rechtlichen Rahmen vorzunehmen". Ausserdem solle der Bund eine Rolle als aktiver Diskussionspartner für die Finance-Player und bei Koordinationsaufgaben übernehmen. Schliesslich wird noch auf die Rolle des Bundes bei den Risiken für die Finanzstabilität, den Kundenschutz und der Reputation des Schweizer Finanzplatzes hingewiesen. Wobei hierfür unter anderem die Nutzung von Daten, Clouds, Distributed- Ledger-Technologie (DLT) und Cybersicherheit angesprochen werden.
Die Konsequenzen der hier genannten Aspekte hat der Bericht in 12 Handlungsfeldern mit spezifischen Massnahmen ausgemünzt. Unter der Leitung des EFD sollen diese umgesetzt werden, wobei die Arbeiten "in enger Koordination zwischen Politik, Behörden, Privatwirtschaft und Wissenschaft ausgeführt werden" sollen.
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