Droht der Schweiz nach den Shutdowns eine Konkurswelle?

1. April 2022, 08:49
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Zeitweise waren fast 1,4 Millionen Beschäftigte in der Schweiz in Kurzarbeit. Foto: Masaaki Komori / Unsplash

ETH-Konjunkturforscher Florian Eckert erläutert im Gespräch seine Prognose für "nach dem Winterschlaf". IT-Firmen schildern ihre Lage in der Pandemie.

Im Frühling 2020 legte die Pandemie das gesellschaftliche Leben in der Schweiz weitgehend lahm. Nachdem die Bevölkerung ihre Mobilität bereits eingeschränkt hatte, erliess der Bundesrat Mitte März strenge Massnahmen. Restaurants, Hotels aber auch verschiedenen Dienstleistern brach das Geschäft weg. Rasch sprang der Staat ein und verhinderte das grosse Firmensterben. Die Folge: Trotz Umsatzeinbrüchen gingen während der Pandemie deutlich weniger Unternehmen Konkurs als in den Jahren zuvor.
Rechtliche Massnahmen, Stützungskredite, Härtefallhilfen und Kurzarbeit schlugen zu Buche. Auf dem Höhepunkt der Pandemie waren in der Schweiz 1,35 Millionen Beschäftigte in Kurzarbeit. Die staatlichen Stützungsmassnahmen haben auch Firmen über Wasser gehalten, die es unter normalen Umständen wohl nicht mehr geben würde. Droht nun ein Aufholeffekt, der sich in einem steilen Anstieg an Konkursen niederschlägt?
Eine Konkurswelle erwarte er nicht, sagt Florian Eckert, Forscher an der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) im Gespräch. Er hat mit seinem Kollegen Heiner Mikosch die Lage untersucht: Demnach ging der Rückgang der Konkurse vor allem auf einen "Winterschlaf" zurück, in dem der Staat die anfallenden Kosten für den Geschäftseinbruch übernommen hatte. Da diese Summen nicht in den Firmenbilanzen stecken würden, sondern im Staatshaushalt, sei ein Nachholeffekt weniger wahrscheinlich, erklärt Eckert und ergänzt: "Auch die rasche wirtschaftliche Erholung trägt dazu bei, dass wir eher Entwarnung geben können." Der Ökonom unterstreicht aber, dass Prognosen derzeit aufgrund der vielen Unsicherheiten etwa in Sachen Lieferketten, Inflation oder Sanktionen sehr schwierig seien.

Schweizer IT-Firmen geben sich optimistisch

2020 lag die Zahl der Firmenkonkurse rund 19% unter dem Niveau von 2019 und auch 2021 waren noch deutlich weniger Fälle zu beobachten als im Referenzjahr. Im Februar 2022 zogen die Konkurse stark an, im Kanton Zürich etwa um 64%, wie die Wirtschaftsanalyse-Firma Dun & Bradstreet mitteilt, die auch die Datengrundlage für die KOF zur Verfügung stellt. Ein Grund zur Panik ist das für KOF-Forscher Eckert längst nicht. Es kann sich um einen einmaligen Ausschlag handeln, der keine Tendenz abbildet.
Richtig schwierig wird die Interpretation der Daten, wenn man auf einzelne Branchen schaut. Zwar gab es bei den IT-Dienstleistern einen starken Anstieg der Konkursmeldungen Anfang Jahr, aber die Anzahl ist so gering, dass bereits ein paar wenige zusätzliche Insolvenzen die Kurve ausschlagen lassen. Die Zahlen von Dun & Bradstreet zeigen: Im Bereich Informatikdienstleistungen sind im Januar und Februar 2022 gerade mal 23 Konkurse im Schweizerischen Handelsamtsblatt gemeldet (SHAB) worden. Ob dies nun ein Ausreisser sei oder eine Tendenz abbilde, könne man angesichts der dünnen Datenlage und der hohen Volatilität schlicht nicht sagen, erklärt Eckert.
Die Nachfrage bei IT-Firmen aus verschiedenen Bereichen malen indes ein positives Bild. Von Elca, Ergon, Infoguard, Netcetera, Ti&m und Zühlke heisst es: Man habe in der Pandemie eine gute Nachfrage verzeichnet – teilweise spezifisch durch Homeoffice und weitere Umstellungen angetrieben. Die Firmen haben entweder keine Massnahmen in Anspruch genommen oder nur wenige Wochen lang als die Krise ihren Höhepunkt hatte.
"Alle Marktsegmente haben sich, trotz der anspruchsvollen und teils wenig planbaren Corona-Situation, sehr erfreulich und nach Plan entwickelt", heisst es etwa von Ti&m. Infoguard schreibt: "Gegenüber dem Vorjahr konnten wir 2021 unser Umsatzwachstum wiederum deutlich steigern." Ähnlich klingt es von Ergon-CEO Gabriela Keller, die in den Marktsegmenten, in denen ihre Firma tätig ist, eine gute Entwicklung registriert hat. BBV Software, Netrics, UMB und United Security Provider wollten sich zur Lage nicht äussern oder reagierten nicht auf unsere Anfrage.

Geht die Nachfrage nach IT-Services wieder zurück?

Das Stimmungsbild legt nahe, dass es zumindest für einen Teil der IT-Branche gut aussieht. Infoguard-CEO Thomas Meier sagt: "Durch plötzlich auftretende Herausforderungen wie Remote Working und dem zunehmenden Einsatz von Cloud-Services stieg auch die Nachfrage nach IT- und Cyber-Security-Lösungen." Auch bei Ti&m und Zühlke bestätigt man, dass nach dem ersten Schock ein stark erhöhter Bedarf an Digitalisierungslösungen registriert wurde.
Zu den "Gewinnern" der Pandemie zählen Soft- und Hardware-Anbieter, -Dienstleister und -Verkäufer sowie grosse Teile des E-Commerce. Die Frage stellt sich aber: Geht dies primär auf einen Strukturwandel zurück oder waren temporäre Umstellungen ausschlaggebend? Wäre zweiteres der Fall, könnte die Nachfrage wieder nachlassen. "Es wird sich nun herausstellen müssen, ob das veränderte Konsumverhalten anhält oder die Konsumenten etwa den Besuch von physischen Läden wieder umso mehr schätzen", sagt Eckert. Auch wie sich Homeoffice und Videoconferencing mit den ganzen Dienstleistungen und den Securityanforderungen entwickeln, muss sich noch zeigen. Viele Firmen haben zumindest angekündigt, dass sie künftig auf hybride Modelle setzen: Homeoffice und Büro.

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