Due Diligence: Hydromea

2. Februar 2023 um 08:10
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In dieser Kolumne schreibt Ramon Forster regelmässig über Schweizer Tech-Startups. Heute unter der Lupe: Hydromea aus Renens (VD).

Wenn eine Pipeline wie Nord Stream gesprengt wird, muss man unter Wasser gehen, um genau zu sehen, was passiert ist. Abgesehen von solchen medienwirksamen Ereignissen sind Unterwasser-Inspektionen heute Routine in Branchen wie Öl und Gas, Wasserkraft, Offshore-Windparks oder Aquakultur. Traditionell springen entweder Taucher ins Wasser oder sperrige Roboter werden ausgesetzt, die per Kabel mit einem Piloten am Trockenen verbunden sind. Dies ist nicht nur kostspielig, mit verheddernden Kabeln braucht es auch eine präzise Pilotierung, viel Energie und komplexe Manöver sind grundsätzlich eingeschränkt.
Hydromeas Exray Roboter bei der Inspektion eines Ballast-Wassertanks.
Hydromea, ein Schweizer Startup mit Sitz in Renens (VD), adressiert diese Probleme mit einem kleinen, kabellosen, kostengünstigen und halb-autonomen Unterwasserdrohnen-System. Laut eigenen Angaben kann damit die Infrastruktur jeglicher Art einfach und mit minimalen Einschränkungen aus allen Perspektiven untersucht werden. Menschliche Piloten werden nur noch eingeschränkt benötigt – die Drohnen fliegen den Weg zur Inspektionsstelle selbständig. Die Preise sollen zudem nur einen Bruchteil der Million Franken betragen, die man für herkömmliche Ausrüstung ausgeben muss.

Plattform-Technologien

Möglich machen diese Errungenschaften mehrere Technologien, die Hydromea als eigenständige Produkte auf den Markt gebracht hat:
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Luma transferiert Daten mit bis zu 10 MBit/s unter Wasser per Licht.
Ihre "Luma"-Geräte sind patentierte drahtlose Unterwassermodems, welche Informationen mit Lichtgeschwindigkeit in 6000 Meter Tiefe auf Distanzen von bis zu 50 Meter übertragen können. Die hohe Übertragungsrate von 10 MBit/s ermöglicht bei geringem Stromverbrauch das Streaming von HD-Videos in Echtzeit, und Luma wird deshalb von unabhängigen Stimmen als führende Technologie anerkannt.
Luma machte im Jahr 2022 etwa 80 % des Umsatzes von Hydromea aus. Der Rest wurde mit "Diskdrive" erzielt, einem nabenlosen Schubdüsenantrieb, der nach eigenen Angaben das weltweit beste Verhältnis zwischen Schubkraft und Gewicht bietet. Diese Schubdüsen können in ziemlich allen Grössen hergestellt werden, und da sie wasser- statt ölgeschmiert sind, eröffnen sich auch interessante Anwendungen in sensitiven Umgebungen.
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Der Exray-Unterwasser-Roboter soll noch dieses Jahr kommerziell verfügbar sein..
Beide Produkte, Luma und Diskdrive, sind Schlüsseltechnologien für die "Exray"-Drohne. Exray arbeitet halbautonom und kann mit verschiedenen Sensoren und Werkzeugen ausgestattet werden, zum Beispiel für die Messung von Metallkorrosion oder das Ausführen kleiner Wartungsarbeiten. Die Exray-Drohne befindet sich in einem fortgeschrittenen Pilot-Stadium mit namhaften Industrieunternehmen wie DOW und Total Energy. Sie soll in der zweiten Hälfte des Jahres 2023 kommerziell verfügbar sein.

Markt mit wenig Wettbewerb

Auf dem Markt für Unterwasserdrohnen gibt es derzeit hauptsächlich zwei etablierte Anbieter: Das australische Unternehmen "Advanced Navigation" bietet eine ähnlich fortschrittliche Drohnenplattform mit Funktionen wie akustischer Übertragung und Sonar für die Autopilotierung an. Sie wird derzeit vor allem in der Forschung und im Umweltbereich eingesetzt. Das norwegische Unternehmen "Transmark Subsea" baute sein ROV (ferngesteuertes Unterwasserfahrzeug) nicht komplett selbst, sondern verfolgte eine "Bolt-on"-Strategie und hat Technologien dazu gekauft. Dadurch kamen ihre Drohnen schneller auf den Markt, allerdings auf Kosten der vollen Kontrolle. Transmark fokussiert sich derzeit hauptsächlich auf die Aquakultur.
Technologisch ist Hydromea in einer guten Position, diese zwei Anbieter mit einem technologischen Vorsprung zu konkurrenzieren – vor allem auch dann, wenn ihre Vision Wirklichkeit wird: Einerseits sind dies fix stationierte "Schwärme von Unterwasserdrohnen" für wiederkehrende Inspektionen. Andererseits will Hydromea Unterwasserdaten verkaufen, die über das wachsende Netzwerk fest installierter Luma-Geräte gesammelt werden. Zusätzlich plant Hydromea auch, "Robots as a Service" (RaaS) anzubieten.

Wifi-Standard fürs Wasser

Meiner Meinung nach ist Hydromea ein Innovator im Bereich der Unterwasserdrohnen – einem Markt, der zehn Jahre hinter seinem Pendant in der Luft zurückliegt. Besonders gut gefällt mir ihr primärer Zielmarkt der Offshore-Energie und Wasserkraft. Diese Industrien weisen eine stark gealterte Infrastruktur auf, was häufigere Inspektionen und Wartungsarbeiten erfordert. Global beschlossene "Net Zero/ESG"-Ziele fördern zudem Offshore-Windparks wie auch die Verbreitung von Aquakulturen als zusätzliche Märkte. Und schliesslich ist auch der Verteidigungssektor immer auf der Suche nach Robotern...
EPFL-Reportage über die Hydromea-Technologien.
Hydromeas Produktportfolio und Umsatz ist bereits heute diversifiziert und ihr eigenes IP könnte Wettbewerbsvorteil bringen – man denke nur an die Technologie der Luma-Geräte, welche Hydromea als Mandat der SWiG aktuell zu einem "Unterwasser Wifi-Standard" entwickelt. Die Kehrseite der Medaille ist, dass sich ihre Exray-Drohne noch in der Pilotphase befindet und dass sie vermutlich mit Beschaffungs- und Qualitätsproblemen zu kämpfen haben, wenn sie liefern und ihre Produktion hochfahren müssen.
Um für diese Herausforderung gerüstet zu sein, sucht Hydromea im Jahr 2023 insgesamt 5 Mllionen Franken in Form von Eigenkapital, Subventionen und Darlehen. Da ihr eigenes IP bereits einen Umsatz von rund 1 Million Franken generiert und sich dieser im laufenden Jahr noch fast verdoppeln soll, ist ihre Unternehmensbewertung im zweistelligen Bereich angelangt. Dies wird vermutlich eher Investoren und VCs ansprechen, welche etwas tiefer in die Tasche greifen können.
Diesen Text können Sie auch in Englisch lesen.

Über den Autor

Ramon Forster ist seit mehr als zwanzig Jahren in der ICT-Branche tätig und kennt den Prozess der Due Diligence durch den Verkauf seines eigenen SaaS-Unternehmens "Picturepark" und seine Tätigkeit als Sictic-Investor. Heute hilft Ramon, aufstrebende oder bereits etablierte Technologie-Unternehmen als Berater oder Interim-Manager durch unbekannte Gewässer zu navigieren. Ausserdem berät er Organisationen auf ihrem Weg der digitalen Transformation. Dieser Beitrag gibt Ramons persönliche Meinung wieder, welche sich nicht mit jener der Redaktion von inside-it.ch decken muss. Die Kolumne soll nicht als Anlageberatung verstanden werden.

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