Due Diligence: Zario

19. Januar 2023, 07:47
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Ramon Forster

In dieser Kolumne schreibt Ramon Forster regelmässig über Schweizer Tech-Startups. Heute unter der Lupe: Zario aus Zürich.

"Wenn du Zeit haben willst, musst du sie dir nehmen", lautet ein Sprichwort. Aber in der heutigen Welt, in der mobile Geräte fester Bestandteil unseres Körpers sind, ist die nächste Ablenkung nur ein Scrollen entfernt. Umfragen zufolge verbringt die junge Generation zwischen 5 und 7 Stunden pro Tag an ihrem Mobiltelefon, vor allem auf den sozialen Medien. Dies verringert nicht nur die Produktivität, sondern kann auch zu Stress, Angst, Schlafmangel und Nomophobie führen. Und es macht so süchtig, dass 90% beim Versuch scheitern, dies zu ändern.
Als ich letztes Jahr auf das Schweizer Startup Zario stiess, gefiel mir "Digital Wellbeing" grundsätzlich als Wachstumsmarkt – man denke nur an die drohenden Persönlichkeitsstörungen mit dem Metaverse. Und natürlich habe ich die Sucht selbst erlebt. Aber ich dachte, dass es bereits tonnenweise Wellness-Apps gibt und dass sich nur wenige Menschen einer App unterwerfen würden, welche ein Verlangen verhindert. Und ich vermisste bei Zario auch die Kontrollfunktion, mit der ich meine Kinder zu weniger Handy-Zeit zwingen könnte.
Scheinbar hatte ich nicht ganz verstanden, wie Zario das Problem angehen will.

Gewohnheiten brechen

Mit der Zario-App wird das Reduzieren der Bildschirmzeit zu einer angenehmeren Erfahrung: Erstens stellen sich die Nutzer täglich einer "Challenge" wie zum Beispiel "Kaufe fünf Lebensmittel, die Du noch nie probiert hast". Dies bietet frische Anregungen, mit Gewohnheiten zu brechen. Zweitens löst eine definierte Anzahl Nutzungen einer App den "Circuit Breaker" aus. Doch anstatt, dass die App dabei nur einzuschränkt, versucht Zario in erster Linie, Benutzerinnen und Benutzern das eigene Verhalten bewusst zu machen – indem beispielsweise die App-Nutzung angezeigt und konformes Verhalten mit einer "Realitätsflucht" belohnt wird: Zeit, die man dann komplett ohne Kontrolle verbringen darf.

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Zario-Gründer Killian Fjellbakk und Ondrej Zak.
Drittens plant Zario insbesondere für Jugendliche eine spielerische Umsetzung ("Gamification"): Nutzerinnen und Nutzer schliessen sich zu Gruppen zusammen und treten in Wettbewerb zu anderen Teams, um sich App-Credits zu verdienen. Diese Credits können sie dann für den Kauf von sinnvollen Partner-Apps ausgeben. Ziel von Zario ist es also nicht nur, die Bildschirmzeit zu begrenzen, sondern insgesamt dabei zu helfen, die Freizeit achtsamer und produktiver zu gestalten.

Schnell wachsender Markt

Erste Tests zeigen, dass Nutzer der Gen Z, die zwischen 1997 und 2012 geboren sind, auf gamifizierten Ansatz mit Teams und Wettbewerben ansprechen. Und deren Elterngeneration zeigt generell eine höhere Bereitschaft für Achtsamkeit. Dies ist beispielsweise auch bei Meditations-Apps zu beobachten, die alle zwei bis drei Jahre ihren Umsatz verdoppeln – sicherlich auch etwas durch Corona-Lockdowns befeuert.
Zario hofft in den nächsten fünf Jahren den Umsatz von null auf 200 Millionen zu katapultieren. Das ist ehrgeizig, selbst wenn alles nach Plan läuft, was bisher nicht immer der Fall war: 2021 musste Zario zunächst klassische Startup-Probleme überwinden, denn App-Entwicklung ist nicht so einfach, wie es zuerst mal aussieht. Und der Aufbau eines guten Teams braucht Zeit. So wurde die aktuell kostenlose App mit bisher rund 15'000 Downloads seit April 2022 nicht mehr aktualisiert und bietet als MVP bescheidene 200 Herausforderungen.

Ambitionierte Pläne

Das Team ist jedoch zuversichtlich, dass der neue "Circuit Breaker" und ein neuer "Focus Mode" noch im ersten Quartal veröffentlicht werden, sodass die Monetarisierung starten kann. Bezahlte Downloads sollen Einnahmen generieren. Aber die App soll auch in grossem Umfang über Krankenkassen und Grossunternehmen ausgerollt werden, welche einen direkten Nutzen davon haben, Menschen gesund und produktiv zu halten. Und mit der geplanten "Gamification" sollen Partnerverkäufe weitere Umsätze beisteuern.
In der Zwischenzeit wird dieser adressierbare Markt (SAM) mit potenziell rund 5 Milliarden Umsatz aber aggressiv von bereits etablierten oder neuen Konkurrenten bewirtschaftet: Freedom zum Beispiel hat etwa 2 Millionen Nutzer, eine Vielzahl von Funktionen und überwacht auch am Computer. Bei Digital Detox kann man die Schwierigkeitsstufen wählen und muss dann echtes Strafgeld zahlen, wenn man sich nicht benimmt. Und die von Meinungsmachern gepushte Opal-App prognostiziert sogar das persönliche Suchtverhalten – allerdings nur für iPhone-Nutzer und zu einem ziemlich hohen Preis.

Hohes Ertragspotential und Risiko

Zario scheint mir bei grossem Risiko trotzdem eine Investition mit hohem Ertragspotential zu sein: Der Markt ist attraktiv, das Team hat schlaue Ideen und scheint gefestigt, und mit relativ wenig Geld sollte sich das Wachstumspotential gut testen lassen. So sucht Zario aktuell rund eine halbe Million Schweizer Franken, um in den nächsten 12 bis 18 Monate die App vermarktbar zu machen und mit der Monetarisierung zu beginnen.

Über den Autor

Ramon Forster ist seit mehr als zwanzig Jahren in der ICT-Branche tätig und kennt den Prozess der Due Diligence durch den Verkauf seines eigenen SaaS-Unternehmens "Picturepark" und seine Tätigkeit als Sictic-Investor. Heute hilft Ramon, aufstrebende oder bereits etablierte Technologie-Unternehmen als Berater oder Interim-Manager durch unbekannte Gewässer zu navigieren. Ausserdem berät er Organisationen auf ihrem Weg der digitalen Transformation. Dieser Beitrag gibt Ramons persönliche Meinung wieder, welche sich nicht mit jener der Redaktion von inside-it.ch decken muss. Die Kolumne soll nicht als Anlageberatung verstanden werden.

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