"Entscheidend für die E-ID ist nicht primär Technik, sondern Kontrolle"

2. September 2022, 09:49
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Taavi Kotka im Videointerview mit inside-it.ch

Estland bietet Ausländerinnen und Ausländern eine digitale Identität mit Zugang zur Wirtschaft des Landes an. Wir haben mit Programmchef Taavi Kotka gesprochen.

Als erster CIO der estnischen Regierung führte Taavi Kotka unter anderem die "E-Residency" ein, eine digitale Identität für ausländische Bürgerinnen und Bürger, um zum Beispiel einfacher Firmen in Estland gründen zu können. Der Software-Engineer spricht im Interview darüber, warum Estland zu den fortschrittlichsten Ländern weltweit gehört, was Digitalisierung angeht. Ausserdem sagt Kotka, was er der Schweiz beim E-ID-Projekt rät.
Herr Kotka, Sie… (unterbricht). Sie sind aus der Schweiz? Da muss ich Ihnen gleich eine Geschichte erzählen.
Bitte. Ich träume öfter vom Tod und was danach kommt. Natürlich komme ich in die Hölle und als Bestrafung muss ich den Schweizern und den Deutschen immer erklären, wie Digitalisierung funktioniert.
Wie haben Sie es denn den Politikerinnen und Politikern Ihres Landes erklärt? Meine Ausgangslage war sehr angenehm. Ich war ein erfolgreicher Unternehmer und als ich das Stellenangebot als CIO der Regierung erhielt, sagte ich: Entweder wir machen es so, wie ich sage, oder wir lassen es. Und dann haben wir es so gemacht, wie ich gesagt habe.
Aber Sie müssen doch auch mit Argumenten überzeugen und beweisen, dass die Digitalisierung mehr Chancen als Risiken birgt. Die Digitalisierung im Land begann schon lange vor meiner Zeit. Deshalb haben die Politikerinnen und Politiker hierzulande schnell gemerkt, wie zufrieden die Bevölkerung war und welch positive Effekte die digitale Gesellschaft hat.
Sie sprechen von E-Government? Nein, ich hasse Behörden und ihre Dienstleistungen. Ich spreche von Regulierung und beispielsweise von der Zulassung von E-Signaturen, die dann im Finanzsektor genutzt werden können. Es geht nicht um die Technologie, sondern um die Menschen, die von ihr profitieren. Und die Regierung muss dies ermöglichen.
Wie funktioniert das? Indem Datenbanken miteinander verknüpft werden. Ist der Hans Meier, der im Spital behandelt wird, derselbe Hans Meier, der bei einer Bank ein Konto eröffnen will? Ganz Skandinavien und beispielsweise auch China weiss das, dank verknüpfter Datenbanken. Sie, in der Schweiz, haben keine Ahnung.
Nun, aber die Ansätze sind jetzt in China und in Estland oder Schweden nicht dieselben. Das stimmt, aber die Technik ist dieselbe – zu 99%.
Was entgegnen Sie Menschen, die Bedenken wegen der Privatsphäre haben? Die Daten müssen geschützt werden und Bürgerinnen und Bürger müssen einfachste Kontrollmöglichkeiten haben, um zu sehen, wer auf ihre Daten zugreift. Missbrauch muss knallhart bestraft werden.
Machen Sie bitte ein Beispiel. Ich kann sehen, wer zu welchem Zeitpunkt auf meine Patientenakte im Spital zugreift. Sie können das nicht, weil sie ausgedruckt in einem Schrank liegt. Und wenn jemand missbräuchlich auf Daten zugreift, muss er oder sie in Estland ins Gefängnis. Sofort. Und alle Bürgerinnen und Bürger können rasch und unkompliziert ein Verfahren auslösen, wenn sie Missbrauch vermuten.
Aber die Technik dahinter… … ist sekundär. Klar, sie muss sicher sein und gut geschützt. Das sind Fragen von Audits, Verträgen oder physischem Schutz. Viel wichtiger sind die Menschen, die auf die Daten zugreifen können. Das ist die weitaus grössere Gefahr für Missbrauch.
2014 sind sie angetreten mit der Vision, dass 10 Millionen E-Residenzen bis 2025 im Umlauf sind. Wie viele sind es heute? Viel weniger, aber die Zahl war auch eher ein Marketinggag. Wir haben 100'000 Nutzerinnen und Nutzer, 70% davon aus der EU. Das wäre die zweitgrösste Stadt Estlands. Die E-Residency kommt gut an und sie hilft unserem Wirtschaftswachstum.
Was macht Estland anders als die Schweiz? Als die Sowjetunion zerbrach, hatte Estland dieselbe Ausgangslage wie Georgien, Litauen oder Kasachstan. Das ist heute ganz anders – bei uns geht es den Menschen besser, auch weil wir in die digitale Gesellschaft investiert haben.
Meine Frage war eine andere. Der Schweiz geht es hervorragend. Die Frage ist aber: Wie lange noch? Der Wettbewerbsvorteil eines Landes nimmt ab, wenn es sich nicht digitalisiert. Die Schweiz muss in die Zukunft investieren, um ihren Vorsprung nicht zu verlieren.
Was ist das richtige Vorgehen? Es ist kein Hexenwerk und die Schweiz ist nicht anders als andere Länder, die Technik ist weltweit dieselbe. Man muss sie nur schlau regulieren. Aber ihr könnt auch weiterhin zu Fuss gehen, während wir im Elektroauto davonfahren. Laufen ist auch schön.
Taavi Kotka spricht am Digital Summit in Liechtenstein, der am 27. September 2022 in Vaduz stattfindet.

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