"Für die Multi-Cloud muss das eigene RZ bereit sein"

23. November 2022, 10:17
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Gavin Egli, Manager Systems Engineering Alps VMware, und Thomas Krieg, Senior Director Alps VMware (v.l.n.r.). Foto: zVg

Thomas Krieg und Gavin Egli von VMware Schweiz sprechen im Interview über die Sinnhaftigkeit der Multi-Cloud und fehlende Skills in der Partnerlandschaft.

Die Schweiz bewegt sich Richtung Multi-Cloud. Aber es herrscht auch grosse Unsicherheit, insbesondere wegen der Datenhaltung in den USA. Wir haben uns im Rahmen der VMware Explore Europe 22 mit Schweiz-Chef Thomas Krieg und mit Gavin Egli, Director Solution Engineering Alps, unterhalten.
Wie blicken Sie auf die rund vier Jahre als Schweiz-Chef von VMware zurück und was waren im vergangenen Jahr die wichtigsten Entwicklungen?
Krieg: Es ist viel gegangen in den letzten Jahren. Die Investitionen in Digitalisierung und digitale Transformation sind im Fokus in der Schweiz. Sie bringen uns als ursprünglichen Infrastruktur-Player viel näher ans Business. Auch das Partner-Ökosystem spielte in den letzten Jahren eine sehr grosse Rolle hierzulande, vor allem aufgrund der Entwicklungen beim Thema Multi Cloud.
Egli: In der Schweiz gab es eine Bewegung und zusätzlichen Fokus auf die Benutzung der Public Cloud. Wir durften seit 2018 immer mehr Unternehmen auf ihrem Weg in die Public Cloud begleiten.
Gibt es neue Kundensegmente oder Branchen, auf die Sie jetzt fokussieren?
Krieg: Wir sind mit der Marktentwicklung und unserem Geschäftsgang sehr zufrieden. Wir waren immer schon branchenneutral und konnten alle Branchen gleichermassen abdecken. Eine zusätzliche Strukturierung war deshalb für die Schweiz nicht zwingend erforderlich. Erwähnenswerte Ausnahmen bilden jedoch Lösungen für hochregulierte Märkte wie der Public Sector und der Bankenbereich, für welche wir mit der Sovereign Cloud wichtige Mehrwerte schaffen können. Wir sind aber auch schon mit unseren Bestandskunden sehr glücklich und haben hierzulande mehr als 10'000 VMware-Kunden.
Was sind die Voraussetzungen für die Multi Cloud?
Krieg: Unternehmen auf der Suche nach einer Cloud-Umgebung, die den Anforderungen ihres gesamten Anwendungsportfolios gerecht wird, wird schnell klar, dass eine einzige Cloud schlicht und einfach nicht ausreicht. Der Wechsel zu einer Multi-Cloud-Lösung kann jedoch die Ressourcenkosten in die Höhe treiben und die organisatorische Effizienz senken.
Bevor man überhaupt eine Multi-Cloud aufbauen kann, muss erst das eigene RZ voll automatisiert werden, damit man sehr schnell eine Infrastruktur bereitstellen kann. Erst dann können unsere Kundinnen und Kunden das Gleiche auch in der Multi Cloud versuchen. Es ist auch wichtig zu wissen, welche Daten wo platziert werden. Was darf ich überhaupt in eine Public-Cloud-Umgebung einbringen? Ergibt es mehr Sinn, die Daten lokal zu speichern oder im eigenen Rechenzentrum?
Gibt es Bereiche, die besonders stark wachsen?
Egli: Der Bankensektor spielt beispielsweise eine grosse Rolle. Eine grosse Schweizer Bank entwickelt einige ihre Applikationen in der Cloud, in der sie schnell, agil und innovativ sein kann. Im produktiven Betrieb werden die Applikationen dann im eigenen Rechenzentrum betrieben, wo man auf die bewährte Sicherheit der Daten vertrauen kann und aufgrund des Skalierungseffekts ("Economies of Scale") günstiger unterwegs ist. Gleichzeitig haben wir auch Kunden, die sagen, sie wollen vollständig in die Cloud wechseln, um keine eigenen Rechenzentren mehr betreiben zu müssen.
Krieg: Immer mehr unserer Kunden setzen in der Zwischenzeit drei oder mehr Clouds ein. Es ist klar erkennbar, dass sich viele nun einen einheitlichen und konsistenten Multi-Cloud-Ansatz wünschen. Für Banken stellt sich dann die Frage: Wie kann ich einen solchen Schritt überhaupt riskieren? Wie kann man regulatorisch konform umsetzen und welche Risiken gibt es zu kalkulieren? Wir sehen den Schlüssel zum Erfolg von Multi-Cloud-Projekten darin, vom Beginn für eine einheitliche Architektur, Infrastruktur und Betrieb zu sorgen. So verhindert man sich plötzlich im "Cloud Chaos" wiederzufinden und dann viele Aufwände zur Vereinheitlichung und Vereinfachung aufwenden zu müssen.
Fehlen bestimmte Skills in der Partnerlandschaft, die gut für das VMware Business wären?
Krieg: Generell hat der Markt ein Problem mit fehlenden Skills, das betrifft auch unsere Partnerlandschaft. Ich hoffe jedoch mit dem ganzen Ausbau, etwa in den Bereichen Tanzu Application Platform und Tanzu for Kubernetes Operations, dass wir eine Community bilden können. Uns ist klar, dass wir ursprünglich als Infrastruktur-Provider im Applikationsbereich noch nicht so bekannt sind. Ich sehe aber momentan ein sehr starkes Momentum und auch Interesse der Kunden in diesem Bereich.
Merken Sie die wirtschaftlichen Unsicherheiten in der Schweiz?
Krieg: Das ist sehr branchenspezifisch. Firmen müssen teilweise Business-Modelle komplett umstellen. Das Business fordert eine Beschleunigung Richtung Digitalisierung. Auf der anderen Seite werden die Skills und die Komplexität der Legacy Systeme zum Teil unterschätzt. Unsere Lösung kann dort helfen, deshalb entwickelt sich unser Geschäft in der Schweiz sehr gut.
Egli: Viele Firmen sind aufgrund der Energieknappheit dazu gezwungen, Business-Continuity-Pläne zu entwickeln. Das sieht man auch am Beispiel der ukrainischen Handelsgruppe Fozzy. Für Fozzy haben wir sämtliche geschäftskritischen Daten und Anwendungen zusätzlich in einer Hyperscaler Cloud gesichert, um jederzeit den produktiven Betrieb dahin wechseln zu können. Für die Firma PrivatBank, die mit Abstand grösste Bank in der Ukraine, haben wir inklusive Planung und Ausführung in 45 Tagen mehr als 270 geschäftskritische Applikationen und deren Daten ins Ausland transferiert und so die ganze Innovation absichern sowie die Geschäftstätigkeit aufrechterhalten können. Diverse Kunden überlegen sich nun, wo sie ihre Daten-Kopien ablegen, damit sie im schlimmsten Fall sicher sind – etwa in einem Rechenzentrum der Hyperscaler.
Welche der Ankündigungen von der VMware Explore erachten Sie als besonders relevant für den CH-Markt?
Egli: Alles rund um den konsistenten Cloud-Infrastruktur-Layer und das Multi-Cloud-Management sind zwei wichtige Themen. Auch die Modernisierung von Applikation beschäftigt die Schweiz – wir verzeichnen eine stark wachsende Anzahl Anfragen zu VMware Tanzu. Ausserdem hat nach Google und Microsoft auch AWS ein Schweizer Rechenzentrum eröffnet, was viele Services direkt in der Schweiz verfügbar macht und uns die Möglichkeit gibt, die VMware-Cloud-Lösungen bei allen Hyperscalern in der Schweiz anzubieten. Die Schweiz wird schnell merken, dass die Services jetzt lokal verfügbar sind. Es stellt sich für Kunden also die Frage, wo sie ihre IT und Applikationen zukünftig ablegen werden.
Interessenbindung: Das Interview fand im Rahmen der VMware Explore Europe statt, zu der die Autorin vom Hersteller eingeladen wurde.

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