Hyperscaler: Steigt der Druck auf Schweizer MSPs?

21. April 2022, 12:41
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Die Scheu vor Public-Cloud-Angeboten schwindet auch in der Schweiz – gerade wegen der "Swiss Regions". Wir haben uns bei lokalen IT-Dienstleistern umgehört.

Schweizer Anwenderfirmen wagen sich nach und nach in die Cloud. Gemäss der Information Services Group (ISG) beziehen hiesige Finanzunternehmen häufiger komplette SaaS-Lösungen als vergleichbare Firmen in Deutschland. Entsprechend bauen die grossen Cloud-Anbieter ihre Angebote aus. Die Hyperscaler, allen voran Microsoft, bieten mittlerweile komplette Branchenlösungen aus der Cloud und bauen gemäss der ISG auch ihre Managed-Services-Angebote aus.
Damit würden die Hyperscaler verstärkt in Konkurrenz zu klassischen MSPs treten, schliesst die ISG, vor allem in den Bereichen Infrastruktur- und Plattform-Management. Ob das die Schweizer IT-Dienstleister tatsächlich so sehen, haben wir sie gefragt.

Die kurze Antwort: "Ja, aber…"

"Die Konkurrenz für Schweizer Cloud-Anbieter wie UMB durch die Hyperscaler hat mit dem Markteintritt von Microsoft und Google und dem bevorstehenden Launch der Schweizer AWS Region sicherlich zugenommen", sagt uns Felix Wolfensberger, Chief Sales Officer von UMB. Schweizer Kunden würden ihre Workloads vermehrt in die Public-Cloud-Infrastrukturen von Hyperscalern verlagern, bestätigt auch Swisscom. Dies gilt laut Ti&m insbesondere für nicht regulierte Branchen.

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Thomas Reitze, VP Commercials & Market Relations sowie Geschäftsführer bei T-Systems in der Schweiz.
"Für klassische Hosting-Service-Provider mit eigener Infrastruktur zieht der Wettbewerb durch die Hyperscaler tatsächlich an", so auch Thomas Reitze, VP Commercials & Market Relations und Geschäftsführer bei T-Systems in der Schweiz. So sehe man, wie wohl viele andere ICT-Dienstleister, dass das klassische Hosting- und Outsourcing-Geschäft abnehme.

Nicht Konkurrenten, sondern Partner

Die IT-Dienstleister schieben in ihren Antworten jedoch ein praktisch wortgleiches "Aber" hinterher: Mit der Nachfrage nach Public Cloud würde auch die Nachfrage nach Managed-Cloud-Services auf Basis der Hyperscaler-Angebote steigen, ergänzt der T-Systems-Schweiz-Chef. Es sei somit wichtig, Partnerschaften im Bereich Transformation, Migration und Managed Cloud Services mit den Hyperscalern einzugehen. Auch Swisscom betont, man betrachte die Hyperscaler nicht als Konkurrenz, sondern als Partner und unterhalte entsprechende Partnerschaften mit AWS und Microsoft.
Ebenfalls als Partner, aber aus einem anderen Winkel blickt der auf den App-Betreib spezialisierte Anbieter VSHN auf die Frage. Die hauseigene Lösung, so Mitgründer Aarno Aukia, sei als Service "auf (kleineren) Schweizer Infrastruktur-Service-Providern wie Swisscom, Aspectra, Green, Cloudscale, Exoscale und weiteren verfügbar als auch auf AWS, Microsoft Azure und der Google Cloud Platform".
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Aarno Aukia, Mitgründer VSHN.
"Der Hauptunterschied zwischen grossen und kleinen Cloud-Providern ist natürlich die Breite der bereits verfügbaren Services und damit, welche Services wir darauf aufbauen können beziehungsweise selber liefern und 'mitbringen' müssen", führt Aukia aus. Etwa müsse VSHN bei kleineren Providern die Integration in Netzwerkdienste oder Speicherdienste selbst bauen, was Aufwand und Kosten nach sich ziehe. Bei den Hyperscalern hingegen könne man diese Komponenten "als Service" beziehen und sich auf die anderen Kernkompetenzen konzentrieren.

Hyperscaler als Trendsetter und Innovationstreiber?

Dass die Hyperscaler auf die Schweizer Finanzindustrie zugeschnittene Lösungen ankündigen oder zum Teil bereits lanciert haben, müsse nicht nur ein negativer Trend sein, findet Inventx-CEO Pascal Keller. Denn die Entwicklung zeige, dass der Bedarf der Schweizer Finanzindustrie an Cloudlösungen steige. "Je mehr Erfahrungen die Schweizer Banken und Versicherungen mit Cloudlösungen machen, desto mehr Potenzial werden sie entdecken, die Vorteile der Cloud für sich nutzbar zu machen", so Keller. "Die Hyperscaler 'helfen' uns sozusagen mit ihrer hohen Bekanntheit, den Markt zu entwickeln und 'reifen' zu lassen."


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Felix Wolfensberger, CSO UMB. Foto via Linkedin
Bei UMB empfindet man die "Hyperscaler als Treiber von Innovationen sehr positiv", erklärt CSO Wolfensberger. Die grossen Anbieter würden das Thema mit Hochdruck vorantreiben und damit bei den Entscheidern neues Bewusstsein generieren. Das wiederum würde für alle Marktteilnehmer das Geschäft voranbringen.

Managed Services, Multi Cloud und Branchenfokus

Reine Managed Services sehe man bei den Hyperscalern kaum, schreibt Ti&m. Auch wenn sich die Public-Cloud-Anbieter in der Schweiz ausbreiten, sei das Potenzial für alle Arten von Clouds immer noch riesig, glaubt UMB-CSO Wolfensberger. Neben der eigenen Cloud setze man ganz bewusst auch auf die Hyperscaler, um so Multi-Cloud-Angebote liefern zu können.
Hinzu kommt das ganze "Drumherum", wie den Antworten der verschiedenen IT-Dienstleister zu entnehmen ist – sprich Managed-Services-Themen wie Migration, Integration, Optimierung und Modernisierung. Man versteht sich als Berater, Vermittler und Transformator. Eigene Services wie Private Cloud und Cyber Defense Center werden mit Public-Cloud- oder SaaS-Angeboten kombiniert. Als Partner könne druch die Zusammenarbeit mit einer Reihe nationaler wie internationaler Partner ein herstellerunabhängiges Angebot liefern, führt T-Systems-Schweiz-Chef Reitze aus. Gleichzeitig sehe man auch Interesse bei den Hyperscalern, mit lokaln Providern zusammenzuarbeiten.
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Inventx-CEO Pascal Keller.
Gerade in stark regulierten Bereichen, sehen lokale Anbieter einen Vorteil. Ti&m betont seine Government-Cloud und Inventx den Fokus auf den Finanzbereich. Banken könnten beispielsweise hochsensible Kundendaten auf einer rein schweizerisch kontrollierten Cloud speichern, aber für Big-Data-Analysen mit anonymisierten Daten Ressourcen bei einem Hyperscaler beziehen, wie CEO Keller ausführt.
Das Thema Swissness sei für die Kunden relevant, man wolle nicht sämtliche Daten in einer "amerikanischen Cloud" sehen, betonen die befragten Firmen. Dies bedienen die lokalen IT-Dienstleister mit "souveränen" Angeboten. Gleichzeitig verstehen sich die hiesigen Anbieter als lokale Player, die mit Kundennähe trumpfen wollen, wie den Rückmeldungen zu entnehmen ist.

Hinweis: Inside Channels Forum

Was tun, wenn Innovation fehlt? Was tun, wenn Ihre Mitarbeitenden nicht mehr ins Büro zurückkommen und was tun, wenn die Nachfolgeregelung harzt? Diese und weitere Fragen beantworten unsere Speakerin und Speaker von T-Systems, HP und Bossinfo am 25. Mai 2022 im Kino Kosmos in Zürich. Das vollständige Programm gibt es online.
Kostenlose Tickets gibt es bei unseren Sponsoren Cisco, Dell, Ingram Micro und Tech Data oder können im Webshop bezogen werden.
  • Dell und Ingram Micro (E-Mail)
  • Tech Data, Gabi Nötzli (E-Mail)
  • Cisco, Nadine Amrein (E-Mail)

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