Ist die Digitalisierung klimafreundlich oder klimaschädlich?

29. August 2022, 12:35
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Foto: Dare Artworks / Unsplash

Eine Schweizer Studie hat erstmals die Effekte digitaler Produkte und Dienstleistungen auf den Klimawandel untersucht. Sie zeigt auch, wer wie Einfluss nehmen kann.

"Auswirkungen digitaler Produkte auf den Klimaschutz" übertiteln Forschende der Universität Zürich und des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI) ihre Studie, die im Auftrag der Verbände Swico und Swisscleantech durchgeführt wurde, etwas trocken. Dahinter verbirgt sich ein wichtiges Thema: Erstmals seien systematisch die Effekte digitaler Produkte und Dienstleistungen auf den Klimawandel von der Bereitstellung bis zum Einzelkonsum untersucht worden, heisst es in einer Mitteilung.
Digitalisierung gelte allgemein als saubere Technologie, schreiben die Auftraggeber im Vorwort zur Studie. "In Anbetracht ihrer Verbreitung ist sie das auch: nur etwa 3% des globalen Treibhausgasausstosses fällt auf sie zurück. Zusätzlich hat sie ein riesiges Potenzial, in vielen Bereichen ältere und ineffiziente Technologien und Anwendungen zu ersetzen und damit einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung unserer Klimaziele zu leisten."

Wachsende Nachfrage hat positiven und negativen Effekt

Gleichzeitig wachse der Fussabdruck der Digitalisierung unübersehbar. Einerseits sei das auf die wachsende Nachfrage nach digitalen Anwendungen zurückzuführen und könne als positiver Indikator für die fortschreitende Verdrängung von Treibhausgas-intensiven Produkten interpretiert werden. Andererseits führe die disruptive Technologie dazu, dass die Anwendungen günstiger, zugänglicher und praktischer werden und deshalb die Nachfrage anheizen. "Es kommt zum Reboundeffekt und die zunächst positive Ökobilanz wird dadurch aufgehoben." Über diese Wechselwirkung wisse man noch wenig und es sei schwierig zu beurteilen, ob sich ein spezifisches digitales Produkt oder eine digitale Dienstleistung positiv oder negativ auf den Ausstoss von Treibhausgasen auswirkt.
Die Studie unterscheidet bei dieser Wechselwirkung unter anderem zwischen dem Bereitstellungseffekt – Emissionen, die durch Herstellung, Betrieb, Entsorgung etc. der digitalen Endgeräte und Infrastrukturen entstehen – und dem Anwendungseffekt. Letzterer umfasst einen Optimierungs- oder Substitutionseffekt, wenn Treibhausgas-Emissionen in anderen Bereichen verringert werden, indem die Effizienz eines Prozesses erhöht oder ein Produkt ersetzt wird. Aber auch einen Reboundeffekt, wenn sich durch die Anwendung des digitalen Produkts Effizienzsteigerungen ergeben, welche zu einer Erhöhung der nachgefragten Mengen und damit auch zu mehr Emissionen führen können.
Das Ergebnis der Studie zeige auf, wie wichtig die Bereitstellungs- und Anwendungseffekte bei den einzelnen Produkten und Dienstleitungen aus unterschiedlichen Kategorien seien. Konkret werden die Erkenntnisse für einzelne Kategorien wie folgt zusammengefasst:
  • Videostreaming und Musikstreaming: Der Bereitstellungseffekt ist deutlich grösser als der Anwendungseffekt, insbesondere weil sehr viele Daten übertragen werden müssen. Anbieter sollten darauf hinarbeiten, die Bereitstellung effizienter zu gestalten und konsumsteigernde Features wie beispielsweise Autoplay zu vermeiden. User hingegen sollten unnötigen Konsum vermeiden und beispielsweise keine Videos im Hintergrund abspielen.
  • E-Book-Reader und Online-Zeitungen: Die Bereitstellungs- und Anwendungseffekte sind etwa gleich gross. Ob die Print- oder Digitalausgabe klimafreundlicher ist, hängt vom individuellen Nutzungsverhalten ab. Gerade bei E-Books fällt die Herstellung des Readers stark ins Gewicht. Daher sollten Anbieter die Effizienz bei der Herstellung der Endgeräte erhöhen und sicherstellen, dass diese möglichst langlebig sind. Konsumentinnen sollten entweder Online- oder Printangebote, jedoch nicht beides nutzen, und möglichst wenige Endgeräte anschaffen und diese möglichst lange benutzen.
  • Mobilitätsdienste (z.B. E-Roller), Routenplanung und Navigation, Homeoffice, virtuelle Meetings, Versandhandel: Die Anwendungseffekte sind deutlich grösser als die Bereitstellungseffekte und haben das Potenzial, Emissionen zu vermeiden. Sie können aber auch zu Reboundeffekten – wie einer Zunahme des Autoverkehrs – führen. Anbieter sollten daher überprüfen, ob die smarten Services tatsächlich zu einer Verkehrsreduktion oder einem Wechsel zu klimafreundlicher Mobilität führen. Konsumentinnen sollten die digitalen Produkte und Dienstleistungen gezielt einsetzen, um emissionsintensive Prozesse wie Reisen oder den Transport von Gütern zu bündeln.

Digitaler Konsum steigt, die Emissionen auch

Grundsätzlich stellen die Studienautoren und -autorinnen fest, dass digitale Produkte und Dienstleistungen gesamtgesellschaftlich betrachtet mehr Emissionen verursachen, als sie einsparen. Verantwortlich dafür sei vor allem der Reboundeffekt: "Die digitalen Produkte sind im Vergleich zu ihren analogen Vorgängern schneller, bequemer, leichter zugänglich, immer verfügbar, kostenlos, oder werden mit günstigen Flatrates angeboten, sodass der Konsum zunimmt und die Emissionen wieder ansteigen", so die Mitteilung.
Künftige Massnahmen müssten so ausgerichtet werden, dass die Digitalisierung in den Dienst des Klimaschutzes gestellt werde. Sie sollten nicht allein auf Produktebene ansetzen, sondern müssten mit politischen Rahmenbedingungen einhergehen, die Anreize in Richtung Klimaschutz schaffen.

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