IT-Woche: Bricht die Techwelt entzwei?

8. April 2022, 13:03
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Krieg, Inflation, Software-Embargo, Lieferkettenprobleme: Droht im geopolitischen Gerangel eine technologische Fragmentierung des Weltmarktes?

Man kann derzeit kaum durch ein grosses Publikumsmedium blättern oder scrollen, ohne über das bedeutungsschwangere Wörtchen "Zeitenwende" zu stolpern. Es soll – gerne im Gefolge eines "Kalten Kriegs 2.0" – aufzeigen, dass die Weltgeschichte in eine neue Phase tritt. Ob das nun richtig oder falsch ist, ist gar nicht so wichtig, die Prognose allein sichert Autoren und Medien Aufmerksamkeit.
Auch wenn man sich in der Prognose zurückhält, kann man sich derzeit des Eindrucks aber nicht erwehren, dass technologische Veränderungen anstehen. Kürzlich hat ein deutsches Gericht dem deutschen Bundesamt für Cybersicherheit vorläufig bestätigt, dass die Empfehlung eines Ausschlusses des IT-Herstellers Kaspersky statthaft sei. Grossbritannien und die USA haben ebenfalls vor dem russischen Virenschutz-Spezialisten gewarnt. Russland ist zugleich einen grossen Schritt weitegegangen: Der kriegsführende Staat hat ein weitreichendes Verbot für ausländische Software erlassen.
Die Debatte um eine Spaltung der Techwelt wird schon länger geführt, weil sich die USA und China in den Haaren liegen. Ein möglicher Outcome wäre eine dreipolige Welt mit den USA, China und Europa und ihrem jeweiligen Orbit, in dem verschiedene Regularien und Standards gültig sind. Sollten diese nicht miteinander kompatibel sein, droht im schlimmsten Falle eine Zersplitterung des Tech-Weltmarktes.
Dass sich die drei Blöcke auf grössere Autarkie einstellen, kann man derzeit in der Chipproduktion beobachten. Angesichts der Engpässe beim wichtigen Gut, und der nach wie vor stockenden Lieferketten, haben sowohl die EU als auch die USA grosse Summen für eigene Produktionswerke in Aussicht gestellt. Die EU will über 40 Milliarden Euro investieren, Spanien hat nochmals 11 Milliarden zugesagt, die aus dem EU-Wiederaufbaufonds zur Überwindung der Pandemie kommen sollen.
Die USA bleiben aber sehr dominant, wenn man die Produktionsanteile nach den Hauptsitzen der Chipproduzenten anschaut: Im Jahr 2021 hatten demnach US-Unternehmen einen globalen Marktanteil von 54%, während Europa und China zusammen auf gerade mal 10% kommen. Und die USA planen enorme Investitionen.
Angesichts der Spannungen und Unruhen auf dem Weltmarkt hat Marktforscher Gartner die Wachstumsprognosen für Informatik nach unten korrigiert. "Geopolitische Störungen, Inflation, Währungsschwankungen und Herausforderungen in der Lieferkette gehören zu den vielen Faktoren", begründet ein Forscher die Korrektur.

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