IT-Woche: Die sichtbare Hand des Staates

26. August 2022, 13:50
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Diese Woche ging es um Regulation, Recht und Räson bei Bund und Business.

Mancherorts kursiert das Gerücht, dass die "unsichtbare Hand" des Marktes die Ressourcen ideal verteile und zugleich Probleme von Menschen und Natur löse. In der Cybersecurity hat dieser Glaube in den letzten Jahren einige Kirchengänger verloren – zu viel ist schiefgelaufen, inklusive einfacher Einfallstore in IoT-Geräten über das Standardpasswort "1234". Das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) hat nun strengere Regeln für Hersteller und Entwickler von Geräten, die man ans Internet hängen kann, erlassen. Smartphones, Smartwatches, Fitness-Tracker sowie drahtlose Spielzeuge müssen demnach dem Schutz der Privatsphäre ihrer Träger und Nutzer mehr Rechnung tragen. Die Schweiz soll sich Bestimmungen der EU angleichen, wo Standards für die europäische und schweizerische Industrie entwickelt werden. Das wiederum dürfte den EU-Markteintritt von Schweizer Produkten erleichtern.
Um Sicherheit der Schweizer Infrastruktur würde es auch in einem Prüfzentrum für Cybersicherheit, gerne als "Cyber-Empa" bezeichnet, gehen. Eine solche soll in Zug entstehen, wo der Kanton mit 7,5 Millionen Franken dafür sorgen will, dass das Nationale Testinstitut für Cybersicherheit (NTC) bis 2025 rund 30 Security-Experten einstellen kann. Mitgründer Raphael Reischuk schilderte uns im Gespräch, warum das Institut von wirtschaftlichen Interessen, aber auch von politischen Begehrlichkeiten unabhängig bleiben muss. Und warum dies für die Schweiz, aber auch für die internationale Sicherheit eine Chance sei. Der Bundesrat wollte dies letztes Jahr noch nicht sehen und sprach sich gegen eine finanzielle Beteiligung an einem Testinstitut aus. "Die geopolitische Lage hat sich seit der Antwort des Bundesrates stark zugespitzt", sagt Reischuk mit Verweis auf einen Vorstoss zum Thema, der demnächst in den nationalen Räten zur Diskussion ansteht.
Sicherheit und Datenschutz spielten auch bei der Public-Cloud-Vergabe der Bundeskanzlei an Alibaba, AWS, IBM, Microsoft und Oracle eine Rolle, zumindest im medialen Schlagzeilengewitter im Nachgang. An der Beschaffungskonferenz in Bern lobten sich die Zuständigen nun aber für etwas anderes: Man habe die Anbieter nämlich gegeneinander ausgespielt, hiess es dort von den Behördenvertretern Erica Dubach und Daniel Markwalder mehrfach. Mit diesem Konkurrenzmechanismus wollen die Beschaffer die vertraglich zugesicherten Anforderungen hochgetrieben haben. Ob dazu auch Datenschutz und Sicherheit zählt, war den Vorträgen nicht zu entnehmen. Bei den Hyperscalern sollen aber ohnehin nur "Level 1"-Daten wie Wetterinformationen gespeichert werden.
Einen Aufreger in Sachen Datenschutz bot auch eine Angelegenheit aus den USA. Oracle wird vorgeworfen, ein Netzwerk mit persönlichen Daten von Menschen aufgebaut und gegen Entgelt verkauft zu haben. Laut einer Sammelklage soll die Datenbank detaillierte Dossiers über 5 Milliarden Menschen umfassen. Kunden sollen bezahlen, weil sie dank einer Kombination aus Echtzeitbetrachtung aller sozialen Aktivitäten und der Analyse von Mikrostandorten Voraussagen treffen können, was Kunden als Nächstes kaufen wollen. Die gespeicherten Informationen umfassen laut Kläger Namen, Wohnadressen, E-Mail-Adressen, Einkäufe im Internet und in der realen Welt, physische Bewegungen in der realen Welt, Einkommen, Interessen und politische Ansichten sowie eine detaillierte Darstellung der Online-Aktivitäten. Was am Vorwurf dran ist und wie teuer die Affäre für Oracle werden könnte, muss nun ein US-Gericht beantworten.
Diese Woche war auch die Woche unseres ersten Security-Events. Pascal Lamia vom NCSC sprach dort über Geschichte und Herausforderungen seiner Institution. Wer die Veranstaltung verpasst hat, kann die Zusammenfassung nachlesen.

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