Je reicher ein Land, desto tiefer der Frauenanteil in MINT-Berufen

16. Februar 2022, 13:27
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Ökonomieprofessorin Margit Osterloh. Foto: Lizenz "CC BY-SA 4.0"

Nicht nur die Schweiz hat zu wenig Informatikerinnen und Ingenieurinnen. Viele Industrieländer kämpfen mit dem Problem. Ökonomieprofessorin Margit Osterloh erklärt, warum der Frauenanteil in reichen Nationen tiefer ist als anderswo.

MINT-Berufe sind nach wie vor eine Männerdomäne, das ist überall auf der Welt gleich. Überraschend ist indes die Erkenntnis, dass das Verhältnis von Studentinnen und Studenten in ärmeren Ländern deutlich ausgeglichener ist, als in reichen Industrienationen.
So beträgt Anteil von MINT-Absolventinnen laut UNO-Zahlen in der Schweiz 22%, in Deutschland 28%, in den USA 34% und in Schweden 36%. Demgegenüber steht beispielsweise ein Frauenanteil von 45% in Marokko. Warum in reichen Ländern mit einer deutlich ausgeprägteren Gleichberechtigung weniger Frauen einen Informatikabschluss anstreben, hat die Zürcher Ökonomieprofessorin Margit Osterloh zusammen mit Louisa Hizli und Annina Mösching untersucht.
Osterloh sagt am Telefon zu inside-it.ch, dass sich die Präferenzen mit wachsendem Wohlstand und zunehmender Gleichberechtigung verändern würden. "Und zwar kontraintuitiv." Je mehr sich die Geschlechter rechtlich und formal annähern würden, desto mehr würden sich die beruflichen Interessen auseinanderdividieren, so Osterloh, die selbst ein MINT-Studium abgeschlossen hat: Wirtschaftsingenieurwesen mit Fachrichtung Maschinenbau.

Wohlhabende wollen nicht in einen MINT-Beruf

Zur Zeit ihres Studiums sei der Frauenanteil noch im 3-Promille-Bereich gelegen, sagt die Wirtschaftsprofessorin. "Heute beträgt der Anteil an Bachelor-Ingenieursstudentinnen im Fach Maschinenbau an der ETH 13%", was aber immer noch weit entfernt ist von einer ausgeglichenen Verteilung von Studentinnen und Studenten. Den Grund dafür sieht Osterloh darin, dass Frauen bei steigendem Wohlstand viel eher ein "schöngeistiges" Studium wie Soziologie oder Jus wählen als Männer. Das sei nicht nur beim Vergleich von reicheren und ärmeren Ländern sichtbar, sondern auch bei Studierenden vom "Zürichberg oder aus Schwamendingen". Letztere würden eher zu Naturwissenschaften tendieren, Erstere zu Geisteswissenschaften.

Vermeintliche Frauen- mit Männerstudiengängen verbinden

Wenig wohlhabende Studierende wählen eher einen MINT-Beruf, weil sie sich davon ein besseres Einkommen versprechen. "Wer schon reich ist, gönnt sich ein Luxusstudium", so Osterloh. Sie betont allerdings auch, dass bei der Wahl des Studiums durchaus auch andere Faktoren entscheidend sind, nebst dem Wohlstand: Den fast 15% höheren Frauen-Anteil in Schweden gegenüber der Schweiz begründet sie in den unterschiedlichen Frauen- bzw. Mütter-Stereotypen in den Ländern. Gemeint ist damit, dass Frauen in Skandinavien die deutlich besseren Möglichkeiten zur Vereinbarung von Beruf und Familien haben.
Um nebst den nötigen strukturellen Veränderungen auch mehr wohlhabende Frauen für MINT-Berufe zu begeistern, müssten typische Männerstudiengänge mit "weiblichen Elementen" kombiniert werden. Beispielsweise hätte der Studiengang Biomedizin an der Universität Zürich einen Frauenanteil von 83%. Man müsse also nur "Bio" voranstellen und schon würde sich das Interesse von Studentinnen multiplizieren. "Bioinformatik wäre ein Renner bei Frauen", sagt Osterloh halb im Scherz. Darüber hinaus nennt sie Quoten und das Losverfahren als mögliche Hebel, den Frauenanteil zu erhöhen.

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